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Trauriger Anblick: Brunnen ohne Buberl vor der Wandelhalle.

Die Figur stammt in direkter Linie von der Bavaria ab

Vermisstes Brunnen-Buberl: Das ist seine Geschichte

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Bad Wiessee - Mit dem Brunnen-Buberl haben die Diebe Bad Wiessee mehr genommen als bloß eine Bronzefigur. Der Bub ist eng mit der Ortsgeschichte verbunden - und einer großen Wiesseer Dynastie. Ein Nachruf - und Aufruf.

Wochenlang suchten Mitarbeiter in jedem Keller nach der Figur. Weg ist er schon länger, nur ist keinem der Verlust so recht aufgefallen. Die Jodbad-Mitarbeiter dachten, der Bauhof wird sich drum gekümmert und das Buberl vor den Abrissarbeiten in Sicherheit gebracht haben. Der Rest dachte, da wird sich das Jodbad drum gekümmert haben. Erst Ende November schwante den Verantwortlichen Übles. Wochenlang suchte die halbe Gemeinde in jedem Keller und jeder Ecke nach ihrem Brunnen-Buberl.

Dann schließlich die bittere Erkenntnis:

Der Bub ist weg.

Geklaut. Wahrscheinlich für immer verloren. Die Wiesseer trauern um ihn wie um einen alten Freund. Denn die Figur war mehr als bloß Zierde. Sie war ein Stück Wiessee - gehörte zum Ort wie Jodbad und See. Leicht versteckt an einem kleinen Brunnen hinter der Wandelhalle erfreute er schon Ende der 1930er Jahre Wiesseer - und vor allem Kurgäste. 

Das war seine Aufgabe. In Auftrag gegeben haben ihn die holländischen Betreiber des Jodbads höchstpersönlich. Damals, zur Blütezeit des Heilbads - und des Ortes. Damals, als Wiessee sein „Bad“ bekam, als Tausende nicht wegen See und Bergen an den Tegernsee pilgerten - sondern wegen seiner Schwefelquellen. Und die Gäste sollten zwischen ihren Bädern auch ein bisschen was zum Schauen haben. Ein Zierbrunnen musste her. Den Auftrag bekam Rupert von Miller. 

Kein unbekannter Name in Bad Wiessee - bis heute. Sein Großvater Ferdinand von Miller war königlicher Erzgießer in München und schuf die Bavaria, ein Auftrag von Ludwig I. höchstpersönlich. Auch das Brunnen-Buberl wurde mit Bronze gegossen. Sehr wahrscheinlich in einer der Nachfolge-Werkstätten der Erzgießerei. Denn der Architekt und Bildhauer Rupert von Miller war der letzte kommissarische Leiter der Gießerei und wickelte sie nach ihrer Stilllegung ab. 

Ob nun das Buberl noch in den selben Hallen gegossen wurde wie die Bavaria, sei dahingestellt. Eine entfernte Verwandschaft lässt sich aber nicht abstreiten. Nicht nur war sein Erschaffer der Enkel des Bavaria-Gießers - auch das Buberl wurde in einer Münchner Werkstätte gegossen. Soviel ist belegt. Außerdem hatte Rupert beste Kontakte zu den Kunsthandwerkern Münchens, wie übrigens auch an der Wiesseer Kirche samt Pfarrhaus zu bewundern ist. Das Ensemble stammt ebenfalls aus der Feder des Architekten. So könnte man das Brunnen-Buberl gut und gerne als einen Großneffen zweiten Grades der Bavaria bezeichnen. Freilich ein bisschen kleiner als seine berühmte Vorfahrin und mit einem nicht ganz so prominenten Platzerl.

Beides wurde ihm wohl zum Verhängnis. Klar, die Bavaria klaut so schnell keiner und ihr Fehlen würde wohl auch recht schnell bemerkt werden. Aber das Buberl war wohl flott von seinem Sockel gehauen - und stand sowieso schon sehr versteckt. 

„Wer macht sowas?“, fragt sich nicht nur die Wiesseer Ortschronistin Hermine Kaiser. „Das Buberl gehört zum Jodbad wie die Quellen.“ Und jetzt - einfach so - soll es für immer verloren sein? „Vielleicht war es ja bloß ein Bubenstreich“, hofft Kaiser. 

Johannes von Miller hat seine Hoffnung fast aufgegeben. Der 54-Jährige ist ein Nachfahre des Buberl-Erschaffers. Rupert war sein Großonkel. Er lebt noch in dem historischen Hof in Alt Wiessee, in dem sich einst Ruperts Vater Fritz niedergelassen hatte. 

Und auch sonst hat es Johannes von Miller sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte seiner Familie für die Nachwelt festzuhalten. In der Königlichen Erzgießerei selbst konnte er allerdings nicht mehr nach Spuren suchen. Sie wurde im Krieg dem Erdboden gleich gemacht.

Dass es die Diebe auf die Figur selbst abgesehen haben, bezweifelt Johannes von Miller stark. „Dafür war Rupert zu unbekannt.“ Klar, in Wiessee selbst kennt man die Millers. Aber dass sich mit dem Namen überregional irgendein hoher Preis erzielen ließe? Wohl kaum. Genauso wenig kann sich von Miller vorstellen, dass Buben dem Buberl einen Streich gespielt haben. „Wahrscheinlich ist er längst eingeschmolzen“, prophezeit Ruperts Großneffe. Metalldiebe haben ihn mitgenommen und als Rohmaterial weiterverkauft, das ist seine Theorie. Es wäre ein unrühmliches Ende.

Aber so unwahrscheinlich ist es nicht. Hermine Kaiser erinnert sich an ein historisches Gartentürchen, das vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls spurlos verschwunden ist. Von Miller weiß, dass der Taufdeckel aus der Wiesseer Kirche gestohlen wurde. Mutmaßlich alles nur des Rohstoffs wegen.

Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Rupert von Millers Erbe denkt daher laut über eine Belohnung nach. Und er appelliert an die Diebe: „Das ist ein wichtiger Teil von Wiessee, der uns da genommen wurde.“ Wenn sich vielleicht jemand gedacht hat: Das Jodbad wird doch eh abgerissen, da nehm‘ ich das Buberl doch lieber gleich selber mit. Dann ist derjenige auf dem falschen Dampfer. Das Brunnen-Buberl vermissen viele. Gerade die Älteren. Er war einer der letzten Zeugen von Wiessees Glanzzeit. Und mit dem Jodbad-Abriss bleibt davon nicht mehr viel.

kmm

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