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„Nicht jedes Mauseloch ausleuchten“: Wiesseer Grünen-Gemeinderat kämpft gegen Lichtverschmutzung

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Von: Gabi Werner

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Lichtverschmutzung in Bad Wiessee
Zu viel künstliches Licht hat seine Tücken, sagt Naturschützer Karl Schönbauer. Wenn die natürliche Dunkelheit verdrängt wird, gefährdet das vor allem nachtaktive Tiere. © Thomas Plettenberg

Lichterglanz ist etwas Schönes. Doch zu viel künstliche Beleuchtung schadet dem Ökosystem, sagt der Wiesseer Gemeinderat Karl Schönbauer. Im Interview erklärt er, was es mit der „Lichtverschmutzung“ auf sich hat.

Bad Wiessee – Gerade wenn es früh dunkel wird und die Adventszeit langsam näher rückt, freuen sich die Menschen über ein wenig Lichterglanz. Zu viel künstliche Beleuchtung rund um Haus und Garten hat aber ihre Tücken, sagt der Wiesseer Grünen-Gemeinderat Karl Schönbauer. Stichwort „Lichtverschmutzung“. Im jüngsten Gemeindeboten appelliert der 71-Jährige an die Wiesseer, die Anzahl und Intensität ihrer Lichtquellen zu überdenken – der Umwelt zuliebe. Im Interview erklärt Schönbauer, warum ihm das so wichtig ist.

Herr Schönbauer, Sie bitten die Wiesseer darum, ihre Lichtquellen zu reduzieren. Gönnen Sie den Bürgern etwa ihren weihnachtlichen Lichterglanz nicht?

Karl Schönbauer: Aber sicher gönne ich das den Wiesseern. Gerade in der dunklen Jahreszeit wirkt sich das ja auch positiv auf die Psyche aus – man muss auch noch an die Kinder denken, da dürfen es schon ein paar Lichter mehr sein als zu normalen Zeiten. Aber die Beleuchtung muss nicht unbedingt die ganze Nacht hindurch brennen, und es müssen nicht ganze Häuserfassaden angestrahlt werden. Zu gegebener Zeit sollte die Weihnachtsbeleuchtung wieder demontiert werden.

Gemeinderat Karl Schönbauer aus Bad Wiessee
Der Wiesseer Grünen-Gemeinderat Karl Schönbauer hat der Lichtverschmutzung den Kampf angesagt. © Thomas Plettenberg

Die Rede ist von „Lichtverschmutzung“. Könnten Sie vielleicht erklären, was das bedeutet?

Karl Schönbauer: Darunter versteht man die Aufhellung des Nachthimmels durch von Menschen betriebene Lichtquellen. Der Begriff ist vielleicht etwas irreführend, denn das Licht ist ja eigentlich nicht schmutzig. Aber man drängt eben die natürliche Dunkelheit zurück. So sehr, dass man den Sternenhimmel in seiner vollen Schönheit oft gar nicht mehr bewundern kann.

Das ist aber nicht das eigentliche Problem, oder?

Karl Schönbauer: Nein, wirklich fatal sind die Auswirkungen auf die Ökosysteme und auf die Tierwelt. Nehmen wir zum Beispiel den Igel. Der weiß gar nicht mehr, ob er auf der A8 unterwegs ist oder gerade durch einen hell erleuchteten Garten läuft. Auch die eigentlich energiesparenden LED-Leuchten sind diesbezüglich kontraproduktiv, wenn damit jedes Mauseloch ausgeleuchtet und jeder Baum von unten angestrahlt wird.

Wie genau schadet das den Tieren?

Karl Schönbauer: Etwa 30 Prozent aller Wirbeltiere und 60 Prozent der wirbellosen Tiere sind nachtaktiv, darunter Insekten. Die fliegen so lange gegen irgendwelche Beleuchtungen, bis sie tot am Boden liegen. Dabei sind gerade Insekten für die Vielfalt der Ökosysteme, für die Nahrungskette in der Tierwelt und für die Bestäubung unserer Pflanzen unersetzlich. Aber auch tagaktive Tiere und der Mensch brauchen die Nacht, um Ruhe zu schöpfen.

Was also kann der einzelne Bürger tun, um der Lichtverschmutzung entgegenzuwirken?

Karl Schönbauer: Grundsätzlich wäre es wichtig, die Anzahl und die Stärke der Lichtquellen sowie die Dauer der Beleuchtung zu reduzieren. Zu Zeiten, wenn niemand mehr im Garten ist, müssen ja nicht unbedingt alle Lamperl brennen. Praktisch sind da Zeitschaltuhren und Bewegungsmelder, die auch auf die Dämmerung reagieren. Ab einem bestimmten Grad der Dunkelheit schalten sich die Lichter automatisch ein und aus. Damit die Lichtquellen nicht zu Insektenfallen werden, sollte man warm-weiße Leuchtmittel mit 1800 bis maximal 3000 Kelvin einsetzen.

Vor einem Jahr gab es auf Initiative Ihrer Fraktion hin einen Beschluss im Gemeinderat, der Lichtverschmutzung entgegenzuwirken. Sind Sie mit der Entwicklung seither zufrieden?

Karl Schönbauer: Es ist zwar nicht schlimmer geworden, es gibt aber noch Luft nach oben. Allerdings sieht man immer wieder kleine Erfolge, wenn man sich in der Nachbarschaft umschaut: Da brennen die Lichter nur noch bis 22 Uhr, wo sie vorher bis 23 Uhr geleuchtet haben. Bei den Werbeanlagen wird mittlerweile darauf geachtet, dass sie nicht mehr mit der Straßenbeleuchtung gekoppelt sind – somit kann man Leuchtanlagen getrennt davon früher ausschalten. Auch eine Schaufenster-Beleuchtung muss nicht die ganze Nacht in Betrieb sein.

Der Gemeinde kommt dabei sicher eine Vorbildfunktion zu.

Karl Schönbauer: Richtig. Einige Straßen wurden auch schon auf die warm-weiße LED-Beleuchtung umgestellt. Man muss allerdings immer prüfen, ob die technischen Voraussetzungen für LEDs gegeben sind. Man kann nicht jede Lampe einfach wechseln und durch eine andere ersetzen. Unser Ziel muss es sein, nur noch das zu beleuchten, was wirklich beleuchtet werden muss, unter Einsatz von effizienten und umweltfreundlichen Lichtquellen.

gab

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