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Die Heimat von sieben Bienenvölkern: Alfred Emmerer vor seinem Bienenhaus nahe Gut Wallenburg.

Dienstältester Imker Deutschlands

Alfred Emmerer: Der König von sieben Völkern

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Einen Imker wie Alfred Emmerer gibt es in Deutschland kein zweites Mal: Seit sage und schreibe 81 Jahren beschäftigt sich der Bad Wiesseer mit Bienen - und könnte Romane erzählen. 

Bad Wiesee/Miesbach– Alfred Emmerer ist vermutlich der dienstälteste Imker Deutschlands. Vor 81 Jahren bekam der Bad Wiesseer sein erstes Bienenvolk, und seither ist er seinem Hobby treu geblieben. Die Imkerei hat sein ganzes Leben geprägt. Mit seinen Erzählungen könnte der 90-Jährige Roman-Bände füllen. Über Stiche in die delikatesten Körperregionen, die Auswirkungen der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl oder einen Sturm, der Teile seines Bienenhauses zerstörte.

So außergewöhnlich wie sein ganzes Leben ist die Geschichte, wie Emmererzum Imker wurde. Alles begann in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Not war groß. Sein Vater kam 1933 in das Konzentrationslager nach Dachau und musste dort fast drei Jahre lang bleiben. Zu dieser Zeit kam regelmäßig ein Wäschehändler namens Freundlich aus Bad Tölz nach Miesbach. Die Kundschaft waren überwiegend Arbeiterfamilien, bei denen der Geldbeutel meist Schwindsucht hatte. Konnte seine Mutter, wie so viele andere auch, die Rate einmal nicht bezahlen, gab es nie ein böses Wort. „Er hieß nicht nur Freundlich, er war es auch“, erinnert sich Emmerer. „Wenn er zu uns kam, freute ich mich, schließlich bekam ich immer eine Brezn. Das war für uns Arbeiterkinder ein Leckerbissen.“ Den kleinen Alfred hatte der Verkäufer besonders ins Herz geschlossen. Wie aus heiterem Himmel sagte der leidenschaftliche Bienenzüchter Freundlich mal zu ihm: „Alfred, wenn ich mal sterbe, vererbe ich dir einen Bienenstock.“ 1934 trennten sich die Wege, die Singer-Nähmaschine war abbezahlt. Zwei Jahre lang hörte die Familie nichts von dem Verkäufer.

Was Emmerer nicht wusste: Freundlich war Jude. Als die Juden-Verfolgung einsetzte, wurden an seinem Wohn- und Bienenhaus die Scheiben eingeschlagen. Freundlich musste nach Palästina fliehen. Zuvor verkaufte er aber noch seine Bienenstöcke nach Hausham. Als dies geschehen war, übergab Freundlich dem neuen Besitzer einen weiteren Bienenstock – mit der Bitte, diesen Alfred Emmerer aus Miesbach zu übergeben. Somit war der Zehnjährige plötzlich Besitzer eines Bienenstocks.

Aber wohin mit dem damit? In dieser schwierigen Situation sprang Emmers Hausherr, Hans Martin, ein. Er verfrachtete das kostbare Eigentum vorübergehend in sein eigenes Bienenhaus. Später kam das Bienenvolk zu Emmerers Onkel in den Chiemgau.

Am 1. März 1940 trat Emmerer dem Bienenzuchtverein Miesbach bei. Der Vorstand habe zu ihm gesagt: „Bua, du machst einen Kurs in Weihenstephan, damit du die Imkerei von A bis Z erklärt bekommst“, erinnert sich Emmerer. Gesagt, getan: Zwei Monate später besuchte Emmerer den Lehrgang und hatte fortan ein solides Grundwissen.

Auch sein Vater fand Gefallen an der Bienenzucht, suchte ein kleines Grundstück für sein Bienenhaus und fand es nahe Gut Wallenburg. Der Kauf war in trockenen Tüchern, da legte der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Kaspar Schweinsteiger, sein Veto ein. Der Grund: Emmerers Vater sei vor der der Machtergreifung Kommunistenführer in Miesbach gewesen, grüße nicht mit dem deutschen Gruß und habe in seinem Wochenendhaus sogar schon einen Polen empfangen. Schweinsteigers Fazit: „Ich verweigere daher die Zustimmung zum Erwerb des Grundstücks.“

So zog sich der Grundstücks-Kauf über Jahre hin. 1943 wurde Emmerer gegen seinen Willen zur Wehrmacht eingezogen. Mit den Gebirgsjägern kam er nach Weißrussland, nach Ungarn, in die Slowakei und nach Polen. Da Emmerer junior nun für den „Endsieg“ kämpfte, genehmigte die Regierung schließlich doch noch Kauf des Grundstücks. 1944 erfolgte der Eintrag ins Grundbuch.

Dem Werdegang als Imker stand nichts mehr im Weg, doch dann wurde Alfred Emmerer am 30. Januar 1945 in der polnischen Stadt Zakopane schwer verwundet: Eine Kugel durchschlug das Knie und trat an der Wade wieder aus. Ein Arzt kam zu der Einschätzung, dass sich eine Amputation des Beins nicht mehr vermeiden lässt. Emmerer sträubte sich mit aller Vehemenz dagegen und sagte zu dem Arzt: „Ich lass’ meinen Hax nicht abnehmen. Lieber will ich verrecken.“

Die beiden diskutierten, bis Emmerer erwähnte, dass er aus Miesbach kommt. Der Arzt horchte auf. Der Grund: In Miesbach hatte der Mediziner etliche Liebschaften. Er erkundigte sich nach den Frauen, und Emmerer konnte zu allen Auskunft geben. So unterhielten sich die beiden blendend, bis der Arzt vorschlug, doch noch einen Versuch zu unternehmen, das schwer verletzte Bein zu retten. Emmerer kam von den Zehen bis zur Brust in Gips – und irgendwann verheilte die Wunde tatsächlich. „Letztlich haben die Miesbacher Weiber meinen Hax gerettet“, sagt Emmerer lachend. Wenig später kam der Verletzte in Kriegs-Gefangenschaft, wurde aber bereits nach 14 Tagen wieder entlassen.

Emmerer hatte nun endlich wieder Gelegenheit, sich um seine Bienen zu kümmern, die zwischenzeitlich sein Vater betreut hatte. Im Januar begann der Kriegs-Rückkehrer sein Studium in München. „Finanziert habe ich es zum Großteil durch den Verkauf von Bienen“, sagt Emmerer. Der Miesbacher machte Karriere. Er arbeitete als Elektro- und Wirtschafts-Ingenieur im Atomkraftwerk Isar 1 bei Landshut, auf Raffinerien und in Chemiebetrieben. Dabei kam er durch halb Europa. Mal arbeitete er in Holland, mal in Italien, mal in Österreich. Gleich wo es ihn hin verschlug, überall informierte er sich über die Imkerei: „Ich mache das nicht wissenschaftlich, aber mit viel Liebe zum Detail“, sagt der 90-Jährige.

Spannend fand er es beispielsweise, wie Imker in den Dolomiten in 1500 Meter Höhe arbeiten. Was ihn stets faszinierte, war die intellektuelle Beschäftigung mit der Imkerei. So richtete er an seinem Bienenstand einmal sechs Messstellen ein, um die Temperatur-Entwicklung verfolgen zu können. Während er im Freien minus 22 Grad maß, war es im Zentrum des Bienenstocks 36 Grad warm.

Natürlich gab es auch weniger schönere Momente in seiner Zeit als Imker. Etwa als der Orkan Wiebke im Jahr 1990 einen Teil seines Bienenhauses zerstörte.

Zum Alltag gehört es für den 90-Jährigen, dass er gestochen wird – Emmerer arbeitet seit jeher ohne jegliche Schutzbekleidung. Mal passiere wochenlang gar nichts, und dann stechen ihn zehn oder zwölf Bienen auf einmal. Emmerer belastet dies nicht weiter. Ein Zwischenfall blieb ihm jedoch in besonderer Erinnerung: Einmal stach ihn eine Biene ausgerechnet in sein bestes Stück. Auch dies nahm er mit Humor: „Meine Frau hat davon nicht profitiert“, sagt er lachend. „Ich könnte nicht behaupten, dass ich an dem Tag außergewöhnlich leistungsfähig war.“

Zu den Tiefpunkten seiner Imkerzeit zählt die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986. Als Mitarbeiter eines Atomkraftwerks verfolgte er die Entwicklung der Radioaktivität mit besonderer Sorge und Sorgfalt. Er führte täglich genau Buch und hat auch heute noch alle Messwerte griffbereit. Am Ende hatte er Glück. Während es am Alpenrand wie aus Kübeln goss, blieb ein kleines Gebiet nördlich von Miesbach komplett vom Regen verschont. Und so war und ist die Strahlen-Belastung in diesem Gebiet ungewöhnlich niedrig. Emmerer maß 26 Becquerel je Kilogramm Honig – ein Wert, als ob es die Katastrophe nie gegeben hätte. „Logisch, dass ich erleichtert war“, sagt Emmerer.

Heutzutage lässt er es etwas ruhiger angehen. Während er in Spitzenzeiten 29 Bienenvölker betreute, sind es jetzt nur noch sieben. Seit der Schließung des Biomarkts in Bad Wiessee verkauft er seinen Honig fast nur noch an Stammkunden. Aber der Verkauf von Honig war für ihn seit jeher nur zweitrangig. Viel mehr stets faszinierte ihn die Beschäftigung mit Bienen. Und die Faszination spürt er auch kurz vor seinem 91. Geburtstag noch so wie am ersten Tag.

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