Politiker wollen keine Verbote

Täglicher Touristen-Ansturm auf Region wird immer schlimmer - Polizei: „Können Ausflüge nicht verhindern“

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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Die Region um Miesbach wird derzeit täglich von Touristen, denen im Lockdown die Decke auf den Kopf fällt, überrannt. Politiker appellieren - weiter scheinen sie aber nicht gehen zu wollen.

Miesbach - Und wieder herrschte am Dienstag am Spitzingsee der Ausnahmezustand an Stra­ßen und auf Parkplätzen. Um 13 Uhr hieß es im Verkehrsfunk: „Alles komplett wegen der Ausflügler besetzt - nicht anfahren!“ Ein Zustand, der den Miesbacher CSU*-Landrat Olaf von Löwis schon nach einem Chaos-Wochenende so umtrieb*, dass er am Montag dem Ministerpräsidenten Markus Söder eine Kurznachricht schrieb, um den nicht enden wollenden Aus­flügleransturm unter Kontrolle zu bringen: „Lieber Markus, ich nerve dich nur sehr ungern per SMS. Aber bei uns ufert der Tagestourismus aus. Es brennt wirklich.“

Der Landesvater versprach laut Löwis, die Appelle nochmals zu verstärken und riet dem Landkreis, parallel selbst nach Regulierungsmöglichkeiten zu suchen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verwies am Dienstag auf die Bayerische Verfassung: Es gäbe „das Recht auf freien Genuss der Natur nach unserer Verfassung“, sagte der CSU-Politiker im Bayerischen Rundfunk. „Und die Menschen dürfen wandern gehen, sie dürfen spazieren gehen.“

Miesbach in Corona-Krise Touristen-Hotspot: Regierung will keine weiteren Verschärfungen erlassen

Die Staatsregierung appelliere an alle Bürgerinnen und Bürger, bei ihren Ausflügen die Abstände zu wahren und größere Ansammlungen zu vermeiden. Aber Verschärfungen sind nicht geplant: „Wir sehen im Moment keinen Anlass, weitere Verbote zu erlassen“, sagte der Innenminister.

Polizeisprecherin Carolin Englert vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim sagt: „Bewegung in der freien Natur ist erlaubt, wir können die Ausflüge nicht verhindern.“ Das Polizeipräsidium spricht aber auch von kilometerlangen Staus bei der Zufahrt zu Ausflugsgebieten und appelliert, doch jede Fahrt zu überdenken. Gleichzeitig kündigen die Beamten mehr Kontrollen an.

Beliebtes Ausflugsziel - gerade im Lockdown: Am Spitzingsee tummeln sich derzeit die Tagestouristen.

Miesbach in Corona-Krise Touristen-Hotspot: Experten sprechen von „3,5 Kilometer langer Stauschlange“

An die Eigenverantwortung appelliert Löwis.* „Wir stecken mitten in einer weltweiten Pandemie*!“ Da müsse man eben nur von der eigenen Haustüre aus spazieren gehen und könne nicht aufs Land fahren. So bittet er die Ausflügler: „Seien Sie verantwortungsvoll den Landkreisen an der Alpen­kette und deren Bewohnern gegenüber.“

Denn die Kolonnen rollen mit einer Macht, dass selbst die Touristikfachleute der Region Tegernsee-Schliersee am Dienstag baten, auf Wintersport und weite Ausflüge zu verzichten. „Eine 3,5-Kilometer lange Stau­schlange zum Spitzingsattel sagt doch schon klar genug, dass es voll ist.“ Auf Wegen werde der Abstand kaum eingehalten, Gruppen seien größer als erlaubt.

Die Landtagspräsidentin und Stimmkreisabgeordnete Ilse Aigner unterstützt die Appelle: „Wir alle wollen unsere freie Zeit an der frischen Luft genießen. Aber die Situation im Landkreis Miesbach ist wegen der Massen an Tagestouristen dramatisch. Meine dringende Bitte an die Menschen in München und Umgebung: Unternehmen Sie Ausflüge in ihre nächste Umgebung und verzichten auf eine Fahrt in die Berge, um den Erfolg der Corona-Maßnahmen nicht zu gefährden.“

Parallel meldet das Kreiskrankenhaus von Miesbach einen Corona-Ausbruch mit 50 neuen Fällen* binnen einer Woche bei Patienten und Personal. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Annette Reuther/dpa

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