Erster Weltkrieg Erlebnisse Fotos Tegernsee
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Als Sanitäter gehörte es zu Max Widmanns (rechts, mit Armbinde) Aufgaben, Verletzte aus zerstörten Häusern zu bergen.

Florian Widmann zeigt Fotoalbum seines Vaters

So hat ein Tegernseer den Ersten Weltkrieg erlebt

Tegernsee - Sie sind beeindruckend und oft verstörend: Die Fotos aus dem Ersten Weltkrieg, die der Tegernseer Florian Widmann von seinem Vater bekommen hat. Eine Zeitreise in Bildern.

Pommes Frites und Schnecken. Eine grauenhafte Kombination zum Essen, das findet Florian Widmann (82) noch heute. Doch seinem Vater Max schmeckte die französische Delikatesse. Er war von 1914 bis 1918 in Frankreich, wo er als Sanitäter im Ersten Weltkrieg an der Front diente. „Selbst Jahrzehnte nach dem Krieg hat er noch von den weißen Schnecken erzählt, die sie immer gegessen haben“, erinnert sich der Tegernseer. „Und von Pommes Frites – kein Mensch wusste damals, was denn solche Pommes Frites sein sollten!“

Das ist nur eine von vielen kleinen Erzählungen aus dem Kriegsalltag, an die sich Widmann erinnert. Unzählige Abende hat er mit seinen vier Geschwistern im elterlichen Wohnzimmer in der Rosenstraße in Tegernsee verbracht und den Geschichten des Vaters gelauscht. „Fernseher beispielsweise gab es damals ja noch nicht“, sagt Widmann. Die Geschichten, die der Vater erleben musste, waren aber mindestens so faszinierend wie eine Verfilmung.

Der Vater wollte, dass das Album in der Familie bleibt

Ein Fotoalbum beweist die grausigen, spannenden, fürchterlichen Erlebnisse in Frankreich zu dieser Zeit. Kleine, vergilbte Blumen auf blauem Grund zieren den Stoff-Einband des Albums. Dutzende Bilder sind im Inneren vorsichtig auf dunkelgrünem Karton befestigt worden. „Das hat mein Vater so hergerichtet, seitdem wurde das nicht mehr verändert“, sagt Widmann. Als dieser 1957 verstarb, vererbte er das Büchlein an seine Kinder. „Er wollte, dass es in der Familie bleibt.“

Das wird auch in Zukunft so bleiben: Widmanns Enkel Benedikt hat schon Interesse bekundet, das wertvolle Album des Urgroßvaters einmal weiter erhalten zu wollen. Inzwischen sind die Seiten des Büchleins schon recht abgegriffen, wie es sich eben für ein fast 100 Jahre altes Album gehört. Die Fotos im Inneren allerdings sind alle von herausragender Qualität, gestochen scharf fotografiert und ohne jegliche Alterserscheinungen.

Max Widmann war Sanitäter - was ihm wohl das Leben gerettet hat

„Bei der Kompanie muss ein extra Fotograf dabei gewesen sein, sonst kann ich mir nicht erklären, wie diese Bilder entstanden sind“, vermutet Widmann. Eindrucksvoll zeigen sie den Kriegsalltag. Zerstörte Straßen, Kirchen und Städte in Verdun, Nomeny und Péronne wechseln sich ab. Glasscherben und Schutt bedecken meterhoch den Boden. Ein trister Anblick. Dass Widmann – bei Kriegsbeginn 33 Jahre alt – den Krieg unverletzt überlebte, führt sein Sohn auf die Tatsache zurück, dass er Sanitäter war und somit nicht an vorderster Front kämpfen musste.

Was er in den Feldlazaretten erleben musste, war aber nicht weniger grauenvoll: Zahlreiche Fotos zeigen Menschen mit notdürftig verbundenen Köpfen und Extremitäten, fehlende Gliedmaßen, rudimentär durchgeführte Operationen. Das alles meist in Kirchen. Während christliche Märtyrer und Heilige auf sie herabsahen, siechten schwerst verletzte Soldaten auf einfachen Pritschen vor sich hin. Blättert man das Büchlein durch, ist das beklemmende Gefühl dabei auch heute noch überwältigend.

Wieder daheim, sprach der Vater offen über seine Erlebnisse

Warum der Vater genau zu den Sanitätern berufen wurde, weiß Widmann nicht mehr. Allerdings hatte der Vater 1910 die Bereitschaft des Roten Kreuzes in Tegernsee mitgegründet, sodass hier vielleicht eine gewisse Ausbildung angenommen wurde, glaubt Widmann. Nach dem Krieg kehrte Max Widmann an seinen alten Arbeitsplatz zurück und führte die von seinem Vater gegründete Schäfflerei in Tegernsee weiter. Über den Krieg sprach er offen mit seinen Kindern – wenn diese ihn danach fragten. Vielleicht hat ihm das geholfen, das Erlebte besser zu verarbeiten. Und seine Erinnerungen bleiben in seinen Bilder erhalten.

Von Sophie Stadler

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