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Auf eine Rasur - und ein Gespräch: Omar Dahrouj hat unseren Autor Klaus-Maria Mehr rasiert und ihm dabei seine Geschichte erzählt.

Gespräch und Rasur mit Omar Dahrouj

Wie ein geflüchteter Syrer Schaftlachs erster Barbier wurde

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Waakirchen - Omar Dahrouj war mal Millionärssohn, hatte drei Autos und ein Platinhandy. Jetzt pflegt der syrische Flüchtling Bärte in einem Schaftlacher Friseursalon. Eine Rasur und ein Gespräch.

Omar Dahrouj, 26, Syrer, beugt sich über mich und setzt das Rasiermesser an. Ein Mann, der andere Männer rasiert, das hat’s in Schaftlach und wohl auch sonst im Tegernseer Tal noch nie gegeben. Zu welcher Rasur er mir raten würde, kann Omar schwer sagen. Er spricht kein Deutsch, kaum Englisch. Ein Flüchtlingshelfer, der Arabisch kann, übersetzt. Der ist sonst nicht da. Dann verständigt sich Omar mit seiner Chefin Pamela Seitz mit Gesten. Es ist ein bisschen wie eine eigene Sprache. Die Chefin übersetzt dann für den Kunden. Zu einer klassischen arabischen Rasur rät er mir. Ränder glätten, Konturen stärken. Seine Kollegen und Kunden nennen ihn seit seinem ersten Tag vor über drei Monaten einfach nur Omar. Das liegt auch daran, dass keiner seinen Nachnamen aussprechen kann. „Dacharusch“, erklärt der Dolmetscher. „Das müssen wir auch noch lernen“, seufzt Seitz.

Von der Fabrik der Familie ist nichts mehr übrig

Genauso den Papierkrieg mit dem Landratsamt. „Bis die Dokumente da waren, hat es eine Ewigkeit gedauert.“ Eigentlich dürfte das kein Problem sein. Der Syrer ist kein Asylbewerber mehr sondern anerkannter Flüchtling. Er darf arbeiten. Aber die Behörde zierte sich lange. Seit die Lohnprüfung zurückgekommen ist, verdient Omar 450 Euro pro Monat in dem kleinen Friseurladen von Pamela Seitz. Friseurmeisterin Seitz hat ihn übrigens nicht nur angestellt, weil sie so ein guter Mensch ist, sondern weil sie schon lange jemanden gesucht hat, der rasieren kann. Bart ist schließlich in.

Video: Unser Autor lässt sich von Omar rasieren

Zu Besuch bei Herrenfriseur Omar Dahrouj

Omar Dahrouj aus Syrien hat das geschafft, was sich viele Flüchtlinge wünschen und viele Deutsche von ihnen erwarten: Er ist anerkannt, hat eine eigene Wohnung und einen Job bei Pamela Seitz Friseure in Schaftlach. Unser Autor Klaus-Maria Mehr hat ihn besucht. Ein Gespräch - und eine Rasur: http://bit.ly/1QtInVb

Posted by Tegernseer Zeitung on Dienstag, 17. November 2015

Die 450 Euro reichen nicht zum Leben, aber es ist ein Anfang für den Flüchtling. „Jedes Haus betritt man durchs Erdgeschoss“, sagt er. Arabisch ist eine bildliche Sprache. Jeder fängt in einem neuen Land ganz unten an, meint er. Dabei hat Omar schon mal ganz oben im Haus gewohnt, auf der Dachterrasse sozusagen. Sein Vater war Zulieferer für Waschmaschinen. In einer Fabrik hat er Motoren gebaut. Ein Fuhrunternehmen ist dazugekommen, eine Zweigstelle in Dubai. Zu guten Zeiten hatte er bis zu 300 Mitarbeiter angestellt. Omar betreute die Außenstellen, war viel in Dubai, hatte drei Autos, ein Handy mit Platinhülle, und viel Geld. Ein schönes Leben war das, das Leben eines Jetsetters, eines Millionärsohnes. Friseur war sein Hobby. Rasieren hat ihm einfach Spaß gemacht.

Das merkt man. Omar pinselt Rasierschaum auf mein Gesicht, das er vorher mit Nelkenöl eingerieben hat, rasiert und erzählt wie beiläufig. Ein Freund brachte ihm alles bei, was er übers Haareschneiden und Rasieren weiß. Gemeinsam eröffneten sie in Dubai einen Salon. Dann kam der Krieg. Heute ist das Rasieren alles, was ihm geblieben ist.

Warum Deutschland? Weil die Menschen hier weltoffen sind

Der Millionärssohn von einst lebte auf einem Feldbett im Keller einer Turnhalle. Das ist die Turnhalle in Waakirchen neben dem Kegelstüberl, da, wo manche Leute noch Neger sagen und, dass sie die Neger hier nicht wollen. Inzwischen hat Omar ein eigenes Zimmer zur Untermiete. Die Stimmung im Ort ist aber noch genauso wie damals. Zu der Helferin, die Omar den Job in Seitz’ Friseursalon organisiert hat, sagen sie Negerfreundin. Auch seine Salonchefin Seitz rechnet mit Ärger, wenn bekannt wird, dass ein Flüchtling bei ihr arbeitet. Aber: „Wenn einer sagt, er kommt nicht mehr, weil hier ein Flüchtling arbeitet, dann soll er bitte nicht mehr kommen.“

Von alldem weiß der Syrer nichts. Er ist nach Deutschland geflüchtet, weil er gehört hat, dass sie die weltoffensten Europäer sind. Der Reichtum der Deutschen ist ihm nicht so wichtig. Er wollte nur einen Platz finden, er sicher leben kann, an dem er nicht töten muss, bis dieser Krieg endlich vorbei ist und er heimkehren kann. Ob er glaubt, dass das bald passiert? Omar lächelt müde, was die Augenringe in dem jugendhaften Gesicht noch größer aussehen lässt. Wenn sich eine Macht von außen einmischen würde, zum Wohle aller, nicht, um einer Kriegspartei noch mehr Waffen zu liefern, dann vielleicht, sagt er. Das Syrien, das er kannte, in dem er seine behütete Kindheit verbrachte, gibt es sowieso nicht mehr. Nach dem Kriegsausbruch in Syrien musste Omar die Dubaier Firmenfiliale schließen. Seine Aufenthaltserlaubnis wurde annulliert. Das, was er noch hatte, machte er zu Geld, egal was die Leute zahlten. Viel war es nicht. Dann flog er nach Hause.

Mit 400 anderen Flüchtlingen auf einem Boot übers Mittelmeer

Sein Zuhause war da schon ein Trümmerhaufen. Das Industriegebiet im Landesinneren, in dem die Fabrik seines Vaters stand, wurde früh bombardiert. Übrig blieb ein Schutthaufen. Die 75 Lastwagen des Fuhrparks dienen jetzt der Armee. Auch Omar sollte dienen. Aber der Friseur wollte niemanden töten – nicht für Assad, nicht für eine der Rebellengruppen und schon gar nicht für die Islamisten. Zuerst bestach er ein paar Regimetreue, erkaufte sich Zeit. Aber so viel Bargeld war nicht mehr da. Die Banken haben in Syrien schon lange nicht mehr geöffnet. Die Dollars, die sie retten konnten, trugen sie am Leib und sie wurden schnell weniger. Die Familie zog in ihre Ferienwohnung in den syrischen Ferienort Latakia am Mittelmeer. Omar wollte die Eltern zur Flucht überreden. Aber sein Vater konnte nicht glauben, dass das Land, das ihm seinen Wohlstand ermöglicht hatte, einfach so im Chaos untergeht. Er blieb, wollte warten, bis das Sterben aufhört. „Geh, du bist noch jung“, hat er zu seinem Sohn gesagt und ihm einen Teil der letzten Ersparnisse gegeben.

"Syrien, meine Mutter, ist tot"

Omar ging, ließ sich von Schleppern für 5000 Dollar von der Türkei nach Italien verschiffen. 400 Menschen auf einem 25 Meter langen Boot im Winter 2014/2015, hoher Wellengang, eine Odyssee durch Europa bis nach Bayern. Geld hatte er da keins mehr. Von Ulm nach München lief Omar zu Fuß. „Deutschland ist jetzt die Mutter, die sich um mich kümmert. Syrien, die Mutter, die mich geboren und aufgezogen hat, ist tot“, sagt Omar Dahrouj leise, während er mit seinem Rasiermesser behutsam über meinen Hals streicht, als ob das jetzt wichtiger wäre als Krieg, Heimatland, Familie. In Syrien hört das Sterben nicht auf, es wird schlimmer. Inzwischen ist seine ganze Familie auf der Flucht. Omars Bruder in der Türkei, die Eltern und die Schwester gestrandet an der Grenze zum Libanon. Sie können nicht mehr weiter. Omars Vater hatte drei Schlaganfälle in Folge. Er liegt auf einer Matratze irgendwo in einem Flüchtlingslager. Ärzte, Medikamente gibt es nicht.

Seine Eltern zu retten, ist das wichtigste für Omar. Er will sie nach Deutschland holen. So schnell es geht. Als Omar fertig mit mir ist, sehe ich aus wie ein echter Araber. Keine einzelnen Härchen mehr, nur noch ein klar definierter schwarzer Bart. Der Mann kann was, nur kein Deutsch. „Das muss er lernen“, mahnt Pamela Seitz. Sie könne nicht immer daneben stehen, wenn er einen Kunden rasiere. Omar will lernen. Und dann? Kann Omar sich hier eine Zukunft vorstellen? Da lächelt er wieder, aber nicht mehr ganz so müde. Ja, kann er. Noch schöner wäre aber, irgendwann wieder beide Mütter zu haben. Die deutsche, die er besuchen kann, wann er möchte, und die syrische, seine Heimat, wiedergeboren, irgendwann.

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