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Ein Bestattungsunternehmen bringt den Sarg mit den sterblichen Überresten von George Smith. Der Flight Engineer Pilot der Royal Air Force wurde mit seiner Bomber-Besatzung am 26. November 1943 nahe Brandau abgeschossen. 2009 wurde George Smiths Leiche auf einem Feld entdeckt.
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Am Mittwoch fand er auf dem War Cemetery in Dürnbach seine letzte Ruhe.
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Soldaten der Royal Air Force Queen's Colour Squadron trugen den Sarg.
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Die Angehörigen folgten dem Sarg.
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Weil George Smith aus Schottland stammt, begleitete die Beisetzung ein Dudelsackspieler.
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Durch den Soldatenfriedhof zog die Trauergemeinde zu George Smith Grab.
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Durch den Soldatenfriedhof zog die Trauergemeinde zu George Smith Grab.
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Angehörige des Soldaten, der im Alter von 25 Jahren gestorben ist, waren aus Edinburgh und anderen Städten Schottlands angereist.

Weltkriegs-Pilot erst jetzt gefunden

Bewegender Abschied: Britischer Soldat am Tegernsee beigesetzt

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Gmund - Emotionaler Abschied nach über 70 Jahren: Am Mittwoch beerdigten Angehörige und die Royal Air Force den britischen Soldaten George Smith auf dem War Cemetery in Dürnbach. Der Pilot war 1943 gefallen.

Gleich muss sie die Fahne nehmen, die über dem Sarg des Mannes liegt, nach dem Linda Ralph (56) zehn Jahre lang gesucht hat. Ihr Onkel George Smith, Pilot der britischen Royal Air Force. Noch hält die Schottin ihre Handtasche fest umschlossen in der linken Hand, von rechts wird sie von Tochter Fiona (23) gestützt. Die beiden stehen an einem offenen Grab im Soldatenfriedhof in Dürnbach. Um sie herum Soldaten in Paradeuniformen, der Militärattaché der Britischen Botschaft, Rob Rider, und andere Würdenträger. Alle sind sie am Mittwoch gekommen, um Lindas Onkel das letzte Geleit zu geben. Dabei ist der schon seit 72 Jahren tot.

Ganz sicher weiß das Linda erst seit einem Jahr. Bis dahin galt George Smith seit dem 26. November 1943 als vermisst. Damals startete der Bomber Lancaster JB221, 97. Schwadron, vom Militärflugplatz Bourn in Cambridgeshire – mit an Bord Pilot Smith und sechs weitere Besatzungsmitglieder. Ihr Ziel: Die Bombardierung Frankfurts. Die Lancaster kehrte nie zurück. Deutsche Flaks hatten sie wohl abgeschossen, 20 Kilometer südlich von Darmstadt, über einer kleinen Ortschaft namens Brandau. Drei Besatzungsmitglieder fanden die Brandauer und begruben sie auf ihrem Friedhof. Später wurden sie nach Dürnbach überführt. George Smith und drei weitere Soldaten blieben verschollen.

George Smith ging schon mit 16 auf eine Militärakademie

Die britische Armee hat die Suche nach den Vermissten längst aufgegeben. Der Zweite Weltkrieg ist für die Briten vorbei, der Fall war abgeschlossen. Nicht für seine Nichte Linda Ralph aus Edinburgh, vor allem nicht für deren Mutter, die starb, kurz bevor Linda die Überreste ihres Onkels über eine DNA-Probe identifizieren konnte. An ihre Mutter muss Linda denken, während sie jetzt die Fahne entgegennimmt. Vorher, auf dem langen Marsch, den die Prozession von der Straße bis zum Grab zurücklegte, wirkte sie gefasst. Jetzt, als die Sargträger vom Queen’s Colour Squadron die britische Fahne falten, sich anschicken, den Sarg in der Erde zu versenken, zittern die Wangen der Schottin. Und dann kommen ihr doch Tränen. Die Handtasche hat sie der Tochter gegeben. Unsicher nimmt sie die gefaltete Fahne entgegen. Wenn das ihre Mutter noch erlebt hätte.

Die hat oft von dem jungen gutaussehenden Bruder erzählt. George, der es nicht erwarten konnte, zur Armee zu kommen, der schon mit 16 eine Militärakademie besuchte, um sich für den Offiziersdienst zu qualifizieren. George der Familienmensch, der von Kanada, seiner ersten Stationierung, regelmäßig Postkarten an die Eltern und seine Schwestern schrieb. Die Postkarten waren das einzige, was Lindas Mutter geblieben ist. Das und ein Schriftzug an der Royal Air Force-Gedenkstätte in Südengland. Wenn sie doch nur erfahren könnte, was genau passiert war, wo ihr George abgeblieben ist.

Video: George Smiths Beisetzung in Dürnbach

Über 70 Jahre galt Royal Air Force-Pilot George Smith als vermisst. Jetzt konnten sich seine Angehörigen endlich von ihm verabschieden - auf dem Dürnbacher Soldatenfriedhof.

Posted by Tegernseer Zeitung on Mittwoch, 21. Oktober 2015

Linda machte sich auf die Suche. 2004 war das. Zusammen mit ihrer Cousine Evelyn Creig (69) bauten sie eine Webseite, veröffentlichten alle Infos, die sie über ihren Onkel hatten, fanden Gleichgesinnte und suchten weiter. Sechs Monate vor seinem letzten Flug heiratete George Smith in London. Die Witwe emigrierte kurz nach dem Krieg nach Amerika, heiratete erneut. Auch deren Sohn spürte Linda auf. Große Hoffnung hatte sie nicht, dass der noch etwas über ihren Onkel zu sagen hatte. Der Sohn hatte nicht nur etwas zu erzählen, er besaß auch ein ganzes Album mit Aufnahmen der Menschen und der Landschaften in Kanada. Linda bekam es, auch Lindas Mutter konnte noch ihre Hände um das Buch schließen.

Die Absturzstelle hätte Linda wohl nie gefunden, wäre da nicht Felix Klingenbeck (26), der junge Deutsche, gewesen, der sich sehr für Regionalgeschichte interessiert. Auch er ist bei der Beerdigung dabei, steht hinter Linda und deren Tochter. Linda ringt immer noch mit ihrer Fassung. Als der Trompeter zum „Last Post“ ansetzt, wirkt es kurz so, als würde er die kräftige Schottin umblasen. Klingenbeck sieht dagegen ein bisschen stolz aus. Darf er auch. Wäre der junge Ex-Zivi in diesem Sommer 2009 nicht so neugierig gewesen, diese Beerdigung hätte wohl nie stattgefunden. Jetzt ist er extra von seinem Medizinstudium aus Lübeck angereist. Linda Ralph hat den Deutschen wie ein Familienmitglied empfangen. Klingenbeck recherchierte damals in seiner Heimat rund um Brandau, fragt alte Brandauer, und wanderte mit einem Metalldetektor durch ein kleines Wäldchen nahe Brandau. Die Sonde schlug an. Als er ein bisschen im Humus buddelte, fand er Wrackteile – und einen Oberschenkelknochen. Der Rest war Sache der Behörden.

Georges Schwester besuchte noch die Absturzstelle in Brandau

Linda bekam 2010 einen Anruf, das Wrack sei gefunden worden. Zusammen mit ihrer Cousine Evelyn Creig und ihrer Familie besuchte sie die Absturzstelle. „Der Empfang der Brandauer“, sagt sie, „war einfach unglaublich.“ Dass Deutsche die Nachkommen eines britischen Bomberpiloten einmal so aufnehmen würden, wer hätte das gedacht. Inzwischen steht dort ein kleines Museum, ein Raum mit Wrackteilen und Ausgrabungsstücken, die Namen der Bomber-Crew, gegenüber die Namen der im Krieg gefallenen deutschen Soldaten. Bis es zu einem DNA-Abgleich mit den Hinterbliebenen der Besatzung kam, dauerte es Jahre. Und dann nochmal ein Jahr bis zur Beerdigung.

An was sie gedacht haben, als sie ihren Onkel endlich gefunden haben? „An ihre Mütter“, sagen die beiden Cousinen und dann kommen ihnen wieder die Tränen. Den Fund der Absturzstelle hat Lindas Mutter noch erlebt. Wessen Knochen dort lagen, war noch nicht klar. Trotzdem: „Für meine Mutter war es eine große Erleichterung. Einfach zu wissen, was passiert ist.“

Der 25-jährige George Smith hätte sich wohl nie träumen lassen, dass einmal seine Nichte die Fahne seines Sarges in Empfang nimmt. Bei einer Beerdigung, 72 Jahre nach seinem Tod, auf einem Friedhof im oberbayerischen Dürnbach am Tegernsee, bei einer strahlenden Oktobersonne, mit den leicht angezuckerten Bergen im Hintergrund. Auch seine Brüder waren im Krieg. Sie kehrten heim, liegen in Schottland begraben. George wird nie zurückkehren. So ist das Gesetz. Soldaten werden dort beerdigt, wo sie gefallen sind. In Smiths Fall Süddeutschland, deshalb musste er nach Dürnbach. Für die Familie ist das in Ordnung, mehr als das. „We are smiling now“, sagt Lindas Cousine Evelyn nach der Beerdigung. Wir lächeln jetzt. Sie hätte sich keine schönere Zeremonie und keinen schönere letzte Ruhestätte für ihren Onkel vorstellen können.

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