+
Schafkopfen im Unterricht? In Stefan Ambrosis (Mitte) Wahlfach ist das sogar Pflicht. Der Schulleiter lehrt die Gmunder Gymnasiasten bayerische Kultur – mit allem, was dazugehört.

„Dahoam“ mit 15 Schülern

Beliebtes Wahlfach in Gmund: Bayerisch auf dem Stundenplan

Karten spielen und Schweinsbraten essen? An der Realschule in Gmund am Tegernsee ist das Teil des Unterrichts. Im Wahlfach „Dahoam“ bringt Schulleiter Stefan Ambrosi seinen Schülern bayerische Traditionen näher – auch, um damit Toleranz und Weltoffenheit zu fördern.

Gmund am Tegernsee – Maxi Estner mischt. Im Uhrzeigersinn teilt er jeweils acht Karten an seine drei Mitspieler aus, die mit ihm am Tisch sitzen. Dann herrscht Stille. Keiner verzieht die Miene. Konzentriert starren alle in ihre Karten. „Weiter“, sagt Karli Stecher. „I spui“, sagt Andreas Mayrhofer, der neben ihm sitzt. Jetzt wird es spannend. Jetzt dreht sich alles darum, wer mit seinen Obern und Untern wen aussticht.

Nein, diese Szenen spielen nicht in einem Wirtshaus, sondern in der Aula der Realschule in Gmund am Tegernsee (Kreis Miesbach). Vier Schüler üben sich im Schafkopfen – eines der ältesten Kartenspiele in Bayern. Manche zählen es sogar zum bayerischen Kulturgut. Rektor Stefan Ambrosi schaut den Buben über die Schulter. Nicht, um sie zu rügen, weil sie Karten spielen, statt im Unterricht zu sitzen. Er schaut, ob sie alles richtig machen.

Schafkopfen, Watten, Schweinsbraten

Jeden Mittwochnachmittag trifft sich Ambrosi mit 15 Schülern. Manchmal zum Schafkopfen. Manchmal auch zum Watten oder um gemeinsam einen Schweinsbraten in den Hauswirtschaftsräumen der Schule zuzubereiten. Das macht er nicht aus Gaudi. Wobei... „Spaß macht es mir schon“, sagt der Direktor. Die Treffen sind dennoch Teil des Unterrichts. Ambrosi hat an seiner Schule das Wahlfach „Dahoam“ ins Leben gerufen. Der Name ist Programm. Auf dem Lehrplan steht die Heimat und all das, was die bayerische Kultur und die Besonderheiten im Tegernseer Tal ausmacht. Heimat- und Sachkunde für Fortgeschrittene quasi – aber ohne Noten und Prüfungen. Und zur hiesigen Kultur gehören eben nicht nur Orts- und Geschichtskenntnisse, sondern auch Kartenspiele.

Auf Entdeckungsreise: Immer wieder unternimmt Ambrosi mit seinen Schülern Ausflüge im Wahlfach.

Schon oft hat Ambrosi festgestellt, dass Schüler heutzutage gar nicht mehr Watten oder Schafkopfen können. Das wollte er so nicht stehen lassen. „Ich hab’s ja auch lernen müssen“, sagt er. Seine Schüler lernen es jetzt eben im Unterricht. Und sind davon begeistert. Heuer haben sich so viele für das Wahlfach angemeldet wie noch nie. Der 14-jährige Sebastian Gehr aus Waakirchen besucht „Dahoam“ seit der fünften Klasse. Jetzt ist er in der Neunten und immer noch dabei. „Wir machan immer neie Sachan“, sagt er. „Des gfoit ma.“

Der gleichen Meinung ist Christina Reiter aus Waakirchen. „I bin sehr mit der Hoamat verbunden“, sagt die 15-Jährige. Zu Hause ist sie im Trachtenverein. Seit einem Jahr nimmt sie jeden Mittwoch an dem Wahlfach teil. Genau wie Monika Berghammer aus Rottach-Egern. Die Pflege von bayerischen Traditionen ist ihr wichtig. „Schafkopfen gibt’s ja schon seit ein paar hundert Jahren“, sagt die 13-Jährige. „Das ist doch super, dass wir des jetzt immer noch spielen.“

Geschichte Bayerns kommt nicht zu kurz

Bei „Dahoam“ dreht sich jedoch nicht alles ums Kartenspielen und Essen. Auch die Geschichte Bayerns kommt nicht zu kurz. Ambrosi nimmt seine Schüler regelmäßig mit auf Ausflüge. Zum Beispiel ins Markus-Wasmeier-Freilichtmuseum am Schliersee oder ins Freilichtmuseum Glentleiten bei Großweil im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Bald soll es auch nach München gehen, ins Karl-Valentin-Musäum. Diese Vielfalt gefällt Monika. Sie hat im Wahlfach schon viel über Bayern und die Ortschaften um den Tegernsee gelernt. Ihr Fazit: „Es is a Glück, dass wir hier aufwachsen derf’n.“

Dass es Auswärtige aus der Stadt in ihre Heimat zieht, wundert sie nicht. Für diejenigen, die des Bairischen nicht mächtig sind, haben die Schüler Übersetzungskarten gebastelt. Darauf steht auf der einen Seite ein hochdeutsches Wort, auf der anderen Seite die bajuwarische Entsprechung. Idiot heißt auf bairisch „Depp“, Donnerstag „Pfinzta“, und ein Mensch außerhalb des Weißwurst-Äquators wird eben als „Preiß“ bezeichnet.

So manches in seinem Kurs darf mit einem Augenzwinkern betrachtet werden, sagt Stefan Ambrosi lächelnd. Eine sture „Mia san mia“-Mentalität will er seinen Schülern nicht vermitteln. Ganz im Gegenteil. Ein gesundes „Dahoam“-Gefühl hat für ihn auch etwas mit Weltoffenheit und Toleranz zu tun. „Je stärker meine Wurzeln sind, desto weniger muss ich Angst vor dem Fremden haben.“ In seinem Wahlfach sind übrigens auch „Zuagroaste“ willkommen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Michael Pause: „Nicht jedes Youtube-Video ist ein Film“
Zum 15. Mal findet im Oktober das Bergfilm-Festival am Tegernsee statt. Michael Pause (64), bekannt von der BR-Sendung „Bergauf-Bergab“, war von Anfang an mit dabei. Im …
Michael Pause: „Nicht jedes Youtube-Video ist ein Film“
Nach Verpuffung am Wiesseer Jodbad: So geht es den Opfern
Schwere Verletzungen hatten zwei Arbeiter am 21. Juni bei einer Gas-Verpuffung in Bad Wiessee erlitten. Wiessees Bürgermeister Höß weiß, wie es ihnen inzwischen geht.
Nach Verpuffung am Wiesseer Jodbad: So geht es den Opfern
Fritz Wepper nach Reha in Wiessee wieder fit
Er ist munter wie eh und je: Drei Wochen lang hat sich Fritz Wepper nach seinem Zusammenbruch in der Privatklinik Jägerwinkel in Bad Wiessee erholt. Nun ist der …
Fritz Wepper nach Reha in Wiessee wieder fit
Schlimmer Bergunfall: Münchner (36) stürzt in den Tod
Der Münchner ist am Donnerstagmorgen zu den Ruchenköpfen bei Bayrischzell unterwegs. Seine Frau, die zuhause auf ihr gemeinsames Baby aufpasst, schlägt am Abend Alarm - …
Schlimmer Bergunfall: Münchner (36) stürzt in den Tod

Kommentare