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„Die Polemik ist einfach unsäglich“

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Von: Gerti Reichl

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Das Schuhmacherwehr bei Gmund.
Das Schuhmacherwehr bei Gmund. © Thomas Plettenberg

Nach dem Scheitern der großen Hochwasserschutzpläne für den Tegernsee rückt das Schuhmacherwehr bei Gmund wieder in den Fokus. Der Verein Rettet den Tegernsee richtet Forderungen an den Betreiber.

Rottach-Egern/Gmund – Dieser Tage wollten die Mitglieder des Vereins Rettet den Tegernsee zur Hauptversammlung im Rottacher Seeforum zusammenkommen. Das Treffen wurde, wie derzeit nahezu alle Versammlungen, wegen der akuten Corona-Lage abgesagt. Vorsitzender Andreas Scherzer hatte schon einen Referenten zum Thema Hochwasser eingeladen, dem ureigenen Thema des Vereins.

In seinem Jahresbericht hätte er wohl auch eingeräumt, dass der lange ausgefochtene Kampf um die Entschlammung der Schwaighofbucht nun zunächst ad acta gelegt wurde. Die Staatsregierung hatte bekanntlich entschieden, dass die Natur in der Schwaighofbucht Oberwasser bekommen und Renaturierungsmaßnahmen beginnen sollen. Scherzer hätte die anwesenden Mitglieder – rund 120 zählt das Aktionsbündnis aktuell, mindestens 80 Prozent sind laut Scherzer von Hochwasser oder seinen Schäden betroffen – auf ein Thema eingeschworen, das er aktuell in den Fokus rückt: das Schuhmacherwehr in Gmund.

Verein Rettet den Tegernsee zum Schuhmacherwehr: „So kann es nicht weitergehen“

Das Wehr sei nicht mehr funktionabel, sagt Scherzer, es müsse renoviert oder neu gebaut werden, „weil so kann es nicht weitergehen.“ Der Vorsitzende beruft sich auf jüngste Beobachtungen. Am 31. August, als sich Dauerregen über dem Tegernseer Tal ergoss, wollen er und seine Mitstreiter gesehen haben, dass die Staubretter am Wehr nicht rechtzeitig umgelegt waren. „Es wurde dann seitens des Betreibers behauptet, dass dies nicht richtig sei, doch wir haben Bilder und Videos zum Beweis“, sagt Scherzer. Er wisse, dass inzwischen Gespräche zwischen dem Betreiber des Wehrs, der Büttenpapierfabrik Gmund, dem Landratsamt und des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim (WWA) am Laufen seien. Dies habe er von Landrat Olaf von Löwis schriftlich. Bei einer öffentlichen Veranstaltung unlängst in Bad Wiessee zum Thema Hochwasser sei davon auch die Rede gewesen. „Starkregen-Ereignisse wie heuer an der Ahr könnten jederzeit wieder passieren“, zitiert Scherzer Andreas Holderer vom WWA.

Erneuerung des wasserrechtlichen Bescheids gefordert

Was würde passieren, wenn 200 Liter Regen pro Quadratmeter nicht an vier oder fünf Tagen wie 2013, sondern an zwei Tagen am Tegernsee herunterkämen? Der Verein will dazu nun eine Hochrechnung in Auftrag geben. „Das Wehr ist jetzt das, auf das wir uns konzentrieren“, wiederholt Scherzer, der auch die Erneuerung des wasserrechtlichen Bescheids fordert. Dieser stammt aus dem Jahr 1974 und wurde zuletzt 2003 erneuert. Darin ist geregelt, wann der Betreiber des Wehrs die Staubretter in der Mangfall umlegen und damit das Abfließen des Tegernsees über die Mangfall beschleunigen muss.

Nachdem die ehrgeizigen Pläne der Staatsregierung zur Hochwasserregulierung am Tegernsee gekippt wurden, ist dem Verein weiterer Punkt wichtig: das Ausbaggern der Mangfall am Auslauf des Sees. „Der Schlamm muss da raus“, fordert Scherzer. In Summe steht für ihn fest: „Die Zeit drängt.“

Das Wehr ist total funktionabel.

Florian Kohler, Inhaber der Büttenpapierfabrik und Betreiber des Wehrs.

Während Andreas Holderer vom WWA bestätigt, dass nach dem Scheitern der großen Lösung nun Gespräche in Sachen Schuhmacherwehr laufen, tritt der Betreiber, Büttenpapierchef Florian Kohler, auf die Bremse: „Das Wehr ist total funktionabel“, stellt Kohler vehement fest, „auch wenn es über hundert Jahre alt ist.“ Er könne nicht nachvollziehen, warum der Verein um Andreas Scherzer „immer wiederkehrende Unwahrheiten“ in Umlauf bringe und einen „künstlichen Interessenskonflikt“ kreiere. „Die Polemik ist einfach unsäglich.“ Dass die Staubretter, wie im August, rechtzeitig und sogar stets vor der kritischen Marke umgelegt würden, sei aktenkundig und durch Zeugen belegt. Die Unterstellung, dass Staubretter nur deshalb nicht umgelegt würden, weil dann mehr Strom für die Fabrik produziert werden könnte, widerlegt Kohler ebenfalls. „Das Gegenteil ist der Fall. Außerdem leiden unsere Firmengebäude am meisten, wenn das Wasser der Mangfall an unsere Wände knallt.“ Und noch ein Punkt ist Kohler wichtig: Wären die Bretter stets umgelegt, dann würde der See an mindestens 67 Tagen im Jahr austrocknen und sich übler Geruch in Rottach breitmachen.“

Da braut sich was zusammen über dem Wehr an der Mangfall. Während Scherzer, wie bisher bei jedem seiner Projekte, zu zielstrebigem Voranschreiten bereit ist, übt sich Kohler noch in vornehmer Zurückhaltung. Noch. Er will es demnächst wieder mit Aufklärung versuchen, ein Vor-Ort-Termin Ende Oktober soll zur Glättung der Wogen beitragen.

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gr

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