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Georg von Preysing (l) und Peter Westenrieder  tragen den liegenden Jesus vom Pfarrheim in die Gmunder Kirche.

Sie machen es aus tiefem Glauben

Diese Gmunder bringen Jesus seit 57 Jahren ins Heilige Grab

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In Gmund gibt es eine ganz besondere Ostertradition: Seit 57 Jahren bringen Messner Hans Latein und seine Helfer am Ostersamstag Jesus ins Heilige Grab vor dem Altar.

Gmund – Das Markus-Evangelium erzählt von Josef von Arimathäa, einem angesehenen, gottesgläubigen Mann. Er wagte es, zu Pilatus zu gehen und um den Leichnam Jesu zu bitten, damit er ihn vom Kreuz abnehmen und in einem Felsengrab bestatten könne. Für viele mag dieser Josef von Arimathäa eine Randfigur der Geschichte sein, nicht so für den Gmunder Mesner Hans Latein (81). Seit 57 Jahren verrichtet er genau diesen Dienst an Jesus: Er nimmt ihn zwar nicht vom Kreuz, sondern nur aus dem Depot im Pfarrhof und trägt ihn den Osterberg hinab, um ihn ins Heilige Grab vor dem Altar in St. Ägidius zu legen. Das geschieht in aller Stille, im Morgengrauen des Ostersamstags. Latein ist aber nicht allein. Seit vielen Jahren hat er seine Familie und Helfer. Für sie wurde dieser Dienst zu einer persönlichen Ostertradition.

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Diese Gmunder bringen Jesus seit 57 Jahren ins Heilige Grab

Herr Latein, Sie pflegen einen persönlichen und anstrengenden Osterbrauch. Was hat es damit auf sich?

Sie wissen ja, dass Gmund mit seinem beweglichen Ölberg von 1827 etwas kirchengeschichtlich sehr Rares zu bieten hat. Die Ölbergandachten mit der Jesusfigur, die sich mechanisch bewegen lässt, und dem Engel, der dann hernieder kommt, sind aber nicht alles. Wir stellen mit den uns zur Verfügung stehenden Figuren und Requisiten die Ostergeschehnisse um das Heilige Grab nach. Aber nicht mit einer großen gemalten Kulisse wie in Egern. Wir bauen in der Nacht, beziehungsweise ganz früh morgens um – und zwar am Karfreitag und am Ostersamstag. Das bedeutet zwei Mal harte Arbeit.

Wie meinen Sie das: Sie bauen um?

Wenn am Donnerstagabend erst um 19 Uhr das Abendmahl gereicht wird und um 21.30 Uhr – also genau zu der Zeit, als Jesus laut Bibel in Gethsemane betete – die letzte Ölbergandacht stattfindet, bauen wir den Ölberg gleich um fünf Uhr in der Früh ab und verstauen die Teile wieder im Pfarrhof. Dann tragen wir das Heilige Grab und den liegenden Heiland hinunter in die Kirche.

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Sie sprechen von wir…?

Ja, die lebensgroße Christusgestalt, die in einer Schachtel im Pfarrhof verwahrt wird, wiegt schätzungsweise um die 25 Kilo: Daran tragen auch zwei Männer schwer. Alleine schaffe ich das nicht. Darum helfen mir meine Familie und auch die meiner Tochter Regina, die ja die offizielle Mesnerin ist. Und dann sind da noch seit Jahren die immer zuverlässigen Helfer, für die dieser Dienst etwas Besonderes ist und die sich damit ihr spezielles, persönliches Ostererleben gestalten.

Darf man fragen, wer da mitmacht?

Die Helfer sind aus der Ministrantenschar herausgewachsen und sind schon seit ewigen Zeiten dabei – und zwar so sicher wie es hell und dunkel wird. Unverrücklich dabei ist zum Beispiel der ehemalige Kirchenpfleger Peter Dorn und unser Austragler-Bürgermeister, der Preysing Schorsch. Aber auch ein paar jüngere, die erst seit kurzem keine Ministranten mehr sind. Sie alle machen das aus einem tief empfundenen Glauben heraus. Das ist auch nichts Öffentliches, an dem jeder einmal mitmachen kann. Die wissen alle, was sie tun und wie es läuft, da muss man nix mehr anschaffen. Und ich bin ihnen dafür sehr dankbar, weil ja alles auf den Punkt fertig sein muss.

Messner Hans Latein (oben) hat uns erklärt, wie Jesus ins Grab gelegt wird.

Bis wann denn?

Bis die Kirche aufgesperrt wird, aber allerspätestens um 15 Uhr, wenn die Karfreitagsliturgie beginnt. Bis dahin stellen wir das Altarbild wieder auf, verhängen es, wie auch das Allerheiligste und sämtliche Christusfiguren. Am leeren Kreuz stellen wir die Leidenswerkzeuge auf: also das Lendentuch, den mit Essig getränkten Schwamm und die Lanze, mit der das Herz Jesu geöffnet wurde, und die drei Würfel, mit denen um sein Gewand gezockt wurde. Vor dem Altar entsteht eines Grabesgruft, in die wir Asparagus-Grün für’s Auge legen. Da legen wir die Jesusfigur hinein. Mystisch beleuchtet wird das Ganze mit etwa 40 Grablichtern aus buntem Glas. Dann können die Gläubigen von hinten in die Kirche einziehen und es wird die Leidensgeschichte gelesen oder auch gesungen. Viele Gmunder bleiben zur Besinnung während der anschließenden sogenannten Grabesruhe bis 19 Uhr, bis die Passionsandacht beginnt.

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Das sind ja mindestens fünf Stunden?!

Ja, die Gläubigen, spüren den Ereignissen von damals nach und hinein in die Zeit als Jesus tot und einfach weg war. Damals herrschte wohl eine große Trauer und Anspannung. Keiner wusste, ob und wie es weitergeht. Man sollte das schon mal bedenken, was es bedeutet, wenn sich ein junger Mann an das Kreuz hingibt.

Das war und ist schon eine stark überlegenswerte Sache, oder?

Ohne Frage. Dieses besondere Ereignis von damals gestalten wir detailgetreu quasi nach Protokoll und fürs Auge nach, bis hin zum Abbau des Heilgen Grabes und Abtransport des Heilands zurück in den Pfarrhof am Ostersamstag in der Früh. Danach nehmen wir alle verhüllenden Tücher wieder weg und der Auferstandene kommt wieder hinauf auf den Altar. Da kannst Du Dir vorstellen, was das für eine Arbeit ist. Alles dafür, damit Ostern für unsere Kirchenbesucher zu einem besonderen und persönlich empfundenen Moment wird. Zu Zeiten der Liturgiereform hat man das schauspielerische Darstellen in der Kirche verdrängt. Aber seit geraumer Zeit erfährt das emotionale Empfinden in der Kirche wieder einen Aufschwung. Gut so, denn nach meinem Dafürhalten geht es nicht ohne Gemüt und Gefühl. Denn wenn das Gefühl mitspielt, tut man sich mit dem Glauben einfach leichter.

Das Gespräch führte Alexandra Korimorth.

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