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Energiekrise setzt Gärtnereien zu

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Sündhaft teure Blütenpracht: Christian Palmes Gärtnerei in Gmund hat 2000 Quadratmeter Gewächshausfläche. Weil Palme mit Gas heizt, stellt ihn der kommende Winter vor ernste Probleme.
Sündhaft teure Blütenpracht: Christian Palmes Gärtnerei in Gmund hat 2000 Quadratmeter Gewächshausfläche. Weil Palme mit Gas heizt, stellt ihn der kommende Winter vor ernste Probleme. © Thomas Plettenberg

Die Energiekrise trifft die Gärtnereien im Landkreis mit voller Wucht: Die Heizkosten für ihre Gewächshäuser steigen ins Unermessliche. Jetzt hoffen die Betriebe auf einen Preisdeckel nach dem Vorbild anderer europäischer Länder.

Landkreis – Stromkosten auf Rekordniveau, ein astronomischer Gaspreis: Zahlreiche Firmen leiden unter den horrenden Energiekosten. Gärtnereien sind mit ihren energieintensiven Gewächshäusern besonders betroffen.

Gmund

Wenn Christian Palme, Chef der gleichnamigen Gärtnerei in Gmund, über die aktuelle Lage spricht, verwendet er Kraftausdrücke. Wen wundert’s? Palme heizt rund 2000 seiner 3000 Quadratmeter Fläche mit Gas. Nur die Pflanzflächen unter Folie werden mit Öl beheizt. Erst vor zwei Jahren hatte Palme 50 000 Euro in neue Gaskessel investiert. „Das galt damals als ökonomische und umweltfreundliche Alternative zur Ölheizung“, sagt Palme bitter. „Jetzt lasse ich einen der Kessel für teures Geld auf Öl umrüsten.“

Palme hat gar keine andere Wahl: Seine Heizkosten sind von früher 20 000 Euro jährlich auf aktuell 120 000 Euro jährlich gestiegen. Aus dem monatlichen Abschlag von 1700 Euro wurden 11 000 Euro. „Das läuft in eine Richtung, die wir nicht mehr kalkulieren können“, sagt er. Vor allem, weil auch andere Produkte teurer geworden sind. Plastiktöpfe: 40 Prozent mehr. Substrat: 20 Prozent teurer. „Wir müssen das auf unsere Ware umschlagen“, sagt Palme. Jede seiner rund 80 000 Pflanzen müsse um etwa zwei Euro teurer werden, um die höheren Kosten zu erwirtschaften. „Und dann ist die Frage, ob die Kunden das mitmachen, die ja auch sparen müssen.“

Preis für Rosen verdreifacht

Die Verteuerung ist nur eine der Maßnahmen, die Palme mit Blick auf die Energiekrise ergreift. Eine weitere ist, dass er seinen Betrieb im Januar und Winter komplett zusperrt: „Dann spare ich mir für diesen Zeitraum wenigstens die Personalkosten“, sagt er. Dass ihm dann das Geschäft zum Valentinstag flöten geht, nimmt er in Kauf: „Der Preis für Rosen hat sich verdoppelt bis verdreifacht. Eine Rose für zehn Euro kauft eh keiner, also lasse ich es bleiben.“

Palme hat auch überlegt, seine komplette Produktion ein Jahr lang ruhen zu lassen. „Aber heizen müssen wir trotzdem, weil sonst Rohre, Pumpen und Kessel einfrieren und kaputt gehen“, sagt er. Die Aussichten für die kommenden Monate sind düster: „Ich muss schauen, wo ich die finanziellen Mittel herbekomme, um über diesen Winter zu kommen.“

Holzkirchen

„Die Energiekrise trifft alle Betriebe hart, egal ob Bäckerei oder Gärtnerei“, sagt Stephanie Garbe. Seit 1995 führt sie Garbe’s Gartenhof in Holzkirchen – ähnlich schwierig war es nicht einmal während der Corona-Pandemie: „Da haben die Menschen ja viel gegartelt“, sagt Garbe.

Zwei Gewächshäuser hat Garbe, eines beheizt sie auf fünf Grad, das andere auf 15 Grad. Bislang zumindest: „In diesem Winter werden wir uns keine 15 Grad mehr leisten und stattdessen unseren Bestand an wärmeliebenden Pflanzen reduzieren.“ Die Weihnachtssterne bekommen einen Fensterplatz im Festgebäude, das sei leichter zu beheizen als ein Gewächshaus. Außerdem verkürzt Garbe ab Oktober ihre Öffnungszeiten, um Strom- und Heizkosten zu senken.

Planung unmöglich

Nicht nur die saftigen Energiepreise an sich machen ihr zu schaffen. „Das Problem ist auch, dass wir keinen Kalkulationsfaktor haben.“ So müsse zum Beispiel ihr Geranienlieferant jetzt wissen, wie viele Geranien sie ihm im Frühjahr abnehme, da die Jungpflanzen bereits jetzt angebaut werden müssen. Zugleich könne er ihr aber nicht sagen, wie viel die Geranien dann im Einkauf kosten, da die Heizkosten weiter steigen könnten.

Vor dem Hintergrund dieser Unberechenbarkeit hofft Garbe auf einen Preisdeckel. „Es muss ganz schnell was passieren, damit der Mittelstand wieder kalkulieren kann“, sagt sie. Hilfreich wäre etwa, für einen Gasgrundbedarf in Höhe von etwa 70 Prozent einen Festpreis zu garantieren und die verbleibenden 30 Prozent des Verbrauchs variabel zu gestalten.

Hausham

Auch Wilhelm Jähne sagt: „Ein Preisdeckel bei den Energiekosten wäre eine gute Sache. Die Franzosen machen’s, die Spanier und die Portugiesen. Ich weiß nicht, warum das bei uns so schwierig ist!“ Dabei kommt der Inhaber der Gärtnerei Jähne in Hausham noch mit einem blauen Auge davon: Er heizt seine 3000 Quadratmeter Gewächshausfläche mit Öl. Zwar habe er mit zuletzt 1,39 Euro pro Liter fast doppelt so viel bezahlt wie noch vergangenes Jahr, aber so schlimm wie Gaskunden ist er nicht betroffen.

Jähne kommt zugute, dass er eine Kapazität von 20 000 Litern hat: „So kann ich auf Vorrat einkaufen und daher Ölpreisschwankungen nutzen.“ Außerdem hat er schon vor einigen Jahren seinen Energieverbrauch um 50 Prozent gesenkt – indem er sogenannte Energieschirme in all seinen Gewächshäusern installieren ließ. Diese vollautomatischen Schirme öffnen sich je nach Witterung und bilden dann eine isolierende Haut. Auch über eine Hackschnitzelheizung hat der Inhaber des alteingesessenen Familienbetriebs bereits nachgedacht. „Die funktioniert in einem Wohnhaus, aber leider nicht in Gewächshäusern, weil sie die Spitzen nicht brechen kann.“

Jähne kennt Gärtnereien in Holland, die ihren Betrieb über den Winter komplett einstellen. „Das geht bei uns aber nicht, weil mir der Schnee das Dach der Gewächshäuser eindrückt, wenn ich nicht heize.“

VON BETTINA STUHLWEISSENBURG

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