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Diese Europäische Sumpfschildkröte wurde 2013 am Steinberg entdeckt.

Kampf gegen umstrittenes Bauvorhaben

Stoppt die Sumpfschildkröte ein großes Bauvorhaben bei Biotop am Tegernsee?

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Am Steinberg setzen Bewohner alle Hebel in Bewegung, um ein Bauvorhaben am Rande eines Biotops zu verhindern. Könnte eine Europäische Sumpfschildkröte dabei helfen? Sie wurde 2013 hier entdeckt.

Gmund – Tatjana Woitynek war ziemlich erstaunt, als sie im Juni 2013 auf einer Feuchtwiese zwischen dem Schneiderhäusl und der Steinbergstraße, nahe des Dicklohbächleins, eine Schildkröte entdeckte. Sie brachte das Tier zu einem Tierarzt, der ein Reptilienasyl betreibt. „Er sagte mir, dass es sich keinesfalls um eine Haus- oder Landschildkröte handelt, die aus einem Gartenteich entkommen ist, sondern um eine wildlebende Schildkröte“, berichtet die Künstlerin. Mehr noch: Es handelte sich offenbar um ein höchst seltenes und laut Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien (FFH) geschütztes Exemplar. Tatjana Woitynek tat, was der Tierarzt ihr riet: Sie setzte das Tier wieder in der Feuchtwiese aus.

Dieser Tage erinnerte sie sich wieder an den Fund. Denn nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt sorgt ein Bauvorhaben für heftige Proteste bei Naturschützern und Bewohnern: Angrenzend an die Steinbergstraße sollen drei Wohnhäuser gebaut werden. 

Hier sollen die Häuser gebaut werden.

Den Vorentwurf eines Bebauungsplans hat der Gemeinderat vor wenigen Wochen mehrheitlich in die erste öffentliche Auslegung geschickt, um Stellungnahmen von Bürgern und Behörden einzuholen. Etliche Nachbarn wehren sich gegen das Vorhaben, sie befürchten eine Schädigung, ja sogar Zerstörung, einer „einzigartigen Flora und Fauna des angrenzenden Biotops“. Auch die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal protestiert in einer ausführlichen Stellungnahme heftig.

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Nicht nur eine Unterschriftenaktion wurde gestartet. In einem zehnseitigen Schreiben an Bürgermeister Alfons Besel und die Gemeinderäte wird umfassend und mit Bildern dokumentiert, warum die Flächen des Bebauungsplans eher dem angrenzenden und teils in die Bauflächen hineinragenden Biotop zugeordnet werden und damit unter Naturschutz gestellt werden sollten, als aus dem Landschaftsschutz entnommen und in Bauland umgewandelt zu werden. Nicht nur von einer vielfältigen, teils gefährdeten Pflanzenwelt – von etlichen Knabenkrautarten bis zum Fieberklee und Schildehrenpreis – ist die Rede. Auch die Existenz zahlreicher Tiere, darunter die Gelbbauchunke, wird nachgewiesen.

Auch der Fund der Europäischen Sumpfschildkröte findet darin Erwähnung. Handelt es sich um ein Einzeltier? Oder lebt am Steinberg gar eine kleine Population der gut 70 Jahre alt werdenden Tiere? „Das gilt es zu prüfen“, sagt Gabriela Schneider vom Bund Naturschutz, Kreisgruppe Miesbach. Der Fund, auch wenn er bereits 2013 stattfand, sei in jedem Fall eine Sensation, da man bisher davon ausgegangen sei, dass das Tier nur mehr in Brandenburg vorkomme.

Im Landratsamt glaubt man nicht an ein natürliches Vorkommen: „Es handelt sich vermutlich um ein ausgesetztes Exemplar“, so Sprecher Birger Nemitz. Das Tier sei im Landkreis nicht heimisch. Auch müssten in der Nähe der Wohngewässer warme Sandhügel zur Ei-Ablage vorhanden sein. Rathauschef Besel reagiert sachlich: „Ob seltene Tier- und Pflanzenarten durch das Bauvorhaben tangiert sind, muss die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt feststellen.“ Natürlich könnten Naturschutzbelange dem Vorhaben entgegenstehen. „Die Bebauung findet aber oberhalb des Biotops statt. Sollte die Schildkröte tatsächlich existieren, dann könnte sie außerhalb der Bebauung ungestört weiterleben.“

Im Mittelalter wäre sie noch deutlicher der Gefahr durch den Menschen ausgesetzt gewesen. Damals galten Sumpfschildkröten wegen ihres Lebens im Wasser als „Fische“ und waren eine anerkannte Fastenspeise.

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gr

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