+
Mit dem Boot sucht die Gmunderin Julia Hager die Ozeane nach Plastikmüll ab. Demnächst bricht sie zu einem Forschungsprojekt vor Myanmar auf.

Julia Hager kämpft gegen die Vermüllung

Biologin setzt sich für die Weltmeere ein

Gmund - Ende November bricht die Gmunder Meeresbiologin Julia Hager zu einem Forschungsprojekt nahe Myanmar auf. Hier fischt die 36-Jährige Plastikmüll aus dem Ozean -und untersucht ihn.

Eines ist für Julia Hager klar: „Uns geht es zu gut, wir kriegen von den Problemen gar nichts mit, dabei sind wir in jeder Sekunde mit den Ozeanen dieser Welt verbunden.“ Und die Ozeane schlucken jede Sekunde unseren Müll – vor allem Plastik. Ende November wird die Meeresbiologin (36) aus Gmund das Projekt „Fishing for Microplastic“ leiten. Als Erste überhaupt im Mergui Archipel vor Myanmar wird Hager mit einem Forschungsteam Plastikmüll einsammeln und analysieren.

Dass sie beruflich etwas mit Umwelt und Natur machen würde, war schnell klar. Die gebürtige Thüringerin zog es nach ihrem Abitur in Weimar nach Freising, sie wollte Forstwissenschaft an der Hochschule Weihenstephan studieren. Julia Hager landete schließlich in Regensburg und im Fach Biologie. Später spezialisierte sie sich in Bremen auf Meeresbiologie. „Als studentische Hilfskraft hab’ ich da schon ein paar Expeditionen mitgemacht, zum Beispiel von Kapstadt in die Antarktis“, erzählt sie.

Hager erforschte von 2009 bis 2011 das Verhalten von Seelöwen in Oregon, unternahm Expeditionen von Alaska in die Beringsee, von Seattle nach Oregon. „Auf dem Schiff, das ist einfach mein Leben“, meint sie und strahlt. Doch genau in Oregon fiel ihr auch der Plastikmüll an den Stränden auf. „Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima hat es dort regelrecht ganze Docks angeschwemmt.“ Doch das Visum für die USA wurde nicht verlängert, sie kehrte zurück, zu ihrer Mutter nach Rosenheim, engagierte sich weiter ehrenamtlich in verschiedenen Umweltvereinigungen, die sich um den Meeresmüll kümmern.

Vermüllte Strände - dieser Anblick bietet sich der Meeresbiologin immer wieder. Dabei befindet sich der größte Teil des Plastikmülls am Meeresboden.

Dann kam die Anfrage von der Organisation Project Manaia für „Fishing for Microplastic“. Auf der SeaNomad, einem Segelkatamaran, wird Hager Anfang Dezember zehn Tage lang den fast unberührten Mergui Archipel erforschen, der mehr als 800 Inseln umfasst und von der Meeresschutzorganisation Mission Blue zu einem „Hope Spot“ ernannt worden ist – „ein Gebiet, das entscheidend ist für die Gesundheit der Ozeane“. Zusammen mit Manuel Marinelli, einem Greenpeace-Aktivisten, sowie einem amerikanischen Geographen, einer Juristin und einer Journalistin wird die 36-Jährige die Strände absuchen, Proben von der Wasseroberfläche nehmen und auch den Mageninhalt von Fischen untersuchen.

„Dabei ist das, was wir alle sehen, auch im Urlaub an Stränden, nur der kleinste Teil. Das meiste landet auf dem Meeresboden“, sagt Hager. Am schlimmsten betroffen sind Nord- und Südpazifik sowie Nord- und Südatlantik. Dort gibt es regelrechte Wirbel, in denen der Plastikmüll ununterbrochen im Wasser herumgeschleudert werde. Die Quellen der Verschmutzung liegen oft tausende Kilometer entfernt.

5,25 Billionen Plastikpartikel schwimmen in den Meeren – von Plastiktüten über Flaschen, Fischernetze bis hin zu Mikrokügelchen. „Es wird sogar angenommen, dass sechsmal mehr Plastik in den Ozeanen treibt als Plankton.“ Hunderttausende Tiere verenden qualvoll, weil sie sich in den Plastikringen eines ehemaligen Sixpacks verfangen, weil sie Plastiktüten mit Quallen verwechseln, weil sie an Feuerzeugen ersticken.

Dabei ist gerade die Artenvielfalt in den Ozeanen das Entscheidende für die marinen Ökosysteme. Ein großes Ziel des Projekts von Julia Hager, das vor allem von der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee und MLs Haareszeiten unterstützt wird, ist es deshalb, dass der Mergui Archipel zum Unesco-Weltnaturerbe ernannt wird, zum Meeresschutzgebiet.

Auf der Suche nach Plastikmüll: Auch in ihrer Heimat, am Tegernsee, nimmt Julia Hager interessehalber manchmal eine Probe.

Das Problem des Plastikmülls in den Meeren hat laut der Meeresbiologin viele Verursacher: Kreuzfahrtschiffe und Frachtschiffe werfen ihren Müll über Bord, die Industrie produziert immer mehr Plastik-Verpackungen, aber auch die Verbraucher steuern mit ihrem oft unüberlegten Verhalten beim Einkaufen oder beim Wegwerfen einen guten Teil bei. „Plastik gibt es erst seit 60 Jahren. Vorher haben wir ja auch unsere Milch und unseren Salat vom Einkauf nach Hause gebracht“, gibt die Gmunderin zu bedenken.

Auch wenn wir hierzulande von Ozeanen weit entfernt zu sein scheinen, wir alle sind von ihnen abhängig. „Jeder Tropfen Wasser, den wir trinken, und mehr als jedes zweite Sauerstoffmolekül, das wir einatmen, haben ihren Ursprung im Meer“, erklärt Hager. Die Ozeane bedecken einen Großteil der Erde, allerdings stehen nur vier Prozent der Meere unter Schutz. „Wir müssen uns eines klar machen: Jedes Plastik, das wir hier wegwerfen, landet irgendwann im Meer.“

Julia Hager weiß, dass das Problem des Plastikmülls in den Meeren nur von mehreren Seiten gelöst werden kann: „Zum einen müssen wir die Meere aufräumen, zum anderen aber von vornherein Plastikmüll vermeiden. Dabei müssen die Industrie und die Politik genauso Verantwortung zeigen wie wir.“ Und so weit weg ist das Problem des Plastikmülls im Wasser nicht: Julia Hager hat kürzlich interessehalber eine Wasserprobe aus der Mangfall entommen, „und dabei jede Menge Mikrokügelchen gefunden, wie sie in Zahncremes enthalten sind“.

Annika Prem

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Lederer vor dem Abriss: Ausverkauf im Geisterhotel
Das Geisterhotel öffnet die Tür: Immer sonntags von 14 bis 17 Uhr ist Räumungsverkauf im Lederer. Betten, Tische, Lampen und Küchengerätschaften sind zu haben. Wann der …
Lederer vor dem Abriss: Ausverkauf im Geisterhotel
Neue Grundlage für Abschussplanung: Populationsgutachten vorgestellt
Wie sich der Wildbestand im Landkreis entwickelt, ist für Behörden nur schwer feststellbar. Damit sie und zukünftige Generationen ein verlässliches Bild der Entwicklung …
Neue Grundlage für Abschussplanung: Populationsgutachten vorgestellt
Jubiläum auf der Bühne
Das Tegernseer Volkstheater feiert Jubiläum: Die Bühne wird heuer 120 Jahre alt. Ein Blick auf die lange Tradition – und die bevorstehende Festwoche.
Jubiläum auf der Bühne
Musikanten-Gipfeltreffen am Tegernsee
Rund 180 Musikanten blasen dem Publikum im Innenhof von Gut Kaltenbrunn demnächst wieder den Marsch - aber auch die Polka oder den Walzer: In Gmund findet wieder der Tag …
Musikanten-Gipfeltreffen am Tegernsee

Kommentare