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Heimatführer Alfred Tegge am Reiffenstuel-Brunnen in Gmund.

Erinnerung an zwei großartige Gmunder und den Bau der Soleleitung bei Reichenhall vor 400 Jahren

Auf den Spuren von Hanns und Simon Reiffenstuel

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Vor 400 Jahren wurde der Bau der Soleleitung zwischen Bad Reichenhall und Traunstein vollendet. Die Erbauer waren zwei Gmunder: Hanns Reiffenstuel und sein Sohn Simon.

Gmund – Er steht vor dem Gmunder Rathaus und erinnert an einen der berühmtesten Söhne der Gemeinde Gmund: der Reiffenstuel-Brunnen, geschaffen von dem Gmunder Bildhauer Quirin Roth. In Bronze und in Miniaturform gegossen, steht Hanns Reiffenstuel auf einem Stapel Deicheln, jenen handgebohrten Holzrohren, die ihn und seinen Sohn Simon so berühmt gemacht hatten. Er stützt sich mit einer Hand auf sein Werkzeug, mit der anderen will er zeigen: Schaut her, was wir geschafft haben!

Es war tatsächlich eine Pionierleistung: Vor 400 Jahren, zwischen 1617 und 1619, also in nur zwei Jahren, erbauten Hanns Reiffenstuel (1547-1620) und sein Sohn Simon (1574-1620) die erste Pipeline der Welt. Sie wurde über 32 Kilometer von Bad Reichenhall nach Traunstein verlegt, um Sole zu befördern, das weiße Gold der damaligen Zeit. Der Bad Wiesseer Alfred Tegge (62), seit 2018 zertifizierter Heimatführer für die Region Tegernsee, hat sich in die Geschichte der Reiffenstuels vertieft. Er hat für die Gemeinde und die vhs Gmund eine Veranstaltungsreihe übernommen, die an die beiden großen Söhne der Gemeinde erinnert.

Lesen Sie hier: Schwere Brocken bei der GmundArt

1547 wird Hans Reiffenstuel in Gmund geboren. Er wird Zimmerer und tritt in das kurfürstliche Hofbauamt bei Herzog Wilhelm ein. Schon ein Jahr später wird er zum Werkmeister befördert und setzt nicht nur den Dachstuhl der Münchner Residenz. Er macht sich vielfältig verdient, bekomme ein eigenes Familienwappen, wird Hofbaumeister und Brückenmeister.

Hanns und Simon Reiffenstuel: zwei technische Genies

Zu jener Zeit war die Salzgewinnung im Berchtesgadener Winkel eine wichtige Einnahmequelle. Salz brachte Wohlstand, die Salzfabriken veränderten ihre Städte. Bis heute ist der prägende Einfluss bemerkbar. Eine Rohrleitung von Reichenhall nach Traunstein zu bauen, 31 Kilometer lang, mit 250 Metern Höhenunterschied, den man überwinden musste, das war 1617 ein großes Wagnis. Die Reiffenstuels brachten den Mut und auch das Können auf, diese Arbeit innerhalb von zwei Jahren auszuführen und auch noch eine Saline in Traunstein zu errichten. 

Portrait von Simon Reiffenstuel (1574-1620).

Warum der Aufwand? „In Reichenhall kennt man seit Menschengedenken salzhaltige Quellen. Diese Sole wurde über Holzfeuern gesiedet, bis das rieselfähige Salz übrig blieb“, heißt es in einem Begleittext zur Sonderausstellung „400 Jahre bayerische Soleleitung“ im Museum Salz & Moor in Grassau (Kreis Traunstein).

Viel Holz war zum Befeuern der Siedepfannen nötig, Doch Holz war knapp und musste von weither nach Reichenhall gebracht werden. Man entschied also, die Sole dorthin zu leiten, wo es ausreichend Holz gab. Die Reiffenstuels galten damals als technische Genies. Sie nutzten das bereits vorhandene Wissen von Rohrleitungen und Wasserrädern und machten sich, nachdem sie 3. Dezember 1616 von Herzog Maximilian I. beauftragt worden waren, ans Werk. 

Hanns und Simon Reiffenstuel: Das war ihre Leistung

Ihre Leistung bestand im Wesentlichen darin, erstmals Rohre und Pumpen zu einer langen Leitung zu kombinieren und Pumpstationen im schwierigen Gelände zu platzieren. „Für diese Leitung wurden 9000 handgebohrte hölzerne Rohre verlegt, die sogenannten Deicheln“, weiß Heimatführer Alfred Tegge. Um die 250 Höhenmeter überwinden zu können, mussten an den Steigungen sieben Brunnenhäuser gebaut werden, wo die Sole mit Hilfe von Wasserrad-betriebenen Kolbendruck-Pumpen in Druckleitungen aus Blei auf die nötige Höhe gefördert wurde. 

Wasserrad und Kolbenpumpe. Ein Nachbau.

Für die Steigleitungen mussten über 580 Zentner Blei verarbeitet werden, „und all dies zu einer Zeit, da es keinen Strom, keine Pressluft, keine Hydraulik oder sonstige technische Hilfsmittel gab“, so Tegge. Die Pumpwerke blieben fast 200 Jahre in Betrieb. „Die nächste Pipeline wurde erst über 225 Jahre in Texas gebaut zum Öltransport.“

Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende erzählt: Im August 1619, so hat Tegge in einer Zeittafel zusammengestellt, fand das erste Probesieden in Traunstein statt. „Als Auszeichnung dafür erhielt Hanns Reiffenstuel vom Kurfürsten einen goldenen Gnadenpfennig mit eigenem Konferfei.“ Der gebürtige Gmunder, so berichtet Tegge, starb am 29. Juni 1620. Simon hatte fünf Monate vorher das Zeitliche gesegnet. „Den Nachkommen wurde Salzfreiheit verliehen und bis 1820, als der letzte Reiffenstuel starb, von Amtswegen vier Fuder Salz geliefert.“

Das Geschlecht der Reiffenstuels war noch ganz anders für Gmund bedeutsam: Von 1400 bis 1792 wurde die „Taverne in Gmund“, der spätere Gasthof Maximilian, von ihm bewirtschaftet. Doch das ist ein anderen Kapitel spannende Geschichte.

Mehr zur Geschichte der Reiffenstuels

Alfred Tegge erzählt die Geschichte der Reiffenstuels bei einem Vortrag der vhs am Freitag, 17. Mai, von 19.30 bis 21 Uhr im Jagerhaus in Gmund. Der Eintritt kostet fünf Euro. Am 21. Juni und 16. August begibt sich Tegge jeweils von 10 bis 12 Uhr bei einem Spaziergang durch Gmund auf die Spuren der Reiffenstuels. Im August bietet die vhs eine eintägige Studienfahrt zur Festwoche nach Traunstein an. Die Gebühr beträgt 50 Euro. Infos und Anmeldung bei der vhs unter der Rufnummer 0 80 22 / 72 54.

gr

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