Raiffeisenbank-Vorstand Josef Paul hat gewagt, was sich kaum eine Bank traut: Sein Institut aus Gmund am Tegernsee verlangt für hohe Einlagen bald Negativzinsen. 

"Geldhaltung verursacht Kosten"

Interview: Darum erhebt die Raiffeisenbank Gmund Negativzinsen

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Gmund – Der Vorstand der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee erklärt, warum er Negativzinsen nicht als "Strafzinsen" bezeichnen möchte, warum er sie erhebt - und was die EZB damit zu tun hat.

Warum sehen Sie sich ausgerechnet jetzt dazu gezwungen, auf Einlagen von über 100 000 Euro Negativzinsen zu verlangen?

Wir legen über Nacht unser Geld bei unserer genossenschaftlichen Zentralbank an, der DZ Bank. Bislang hat sie den negativen Verwahrzins von der EZB gepuffert. Jetzt hat unsere Zentrale gesagt: Liebe Genossen, wir müssen euch mit ins Boot holen, für eure Übernacht-Anlagen müssen wir Minuszinsen erheben. Zum 1. August ist das verwirklicht worden. Und irgendwo müssen wir das Geld anlegen, wir können es ja nicht in den luftleeren Raum schieben. So kam der Dominoeffekt ins Rollen.

Bislang hat sich keine Raiffeisenbank getraut, Strafzinsen zu erheben.

Warum reden Sie von Strafzinsen?

Immerhin müssen Kunden, die bei Ihrer Bank mehr als 100 000 Euro auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto lagern, einen Negativzins in Höhe von 0,4 Prozent bezahlen. Ihre Bank spricht offiziell von Verwahrentgelt.

Ja, und das ist ein entscheidender Unterschied: Von Strafzinsen ist nur in den Medien die Rede. Wofür soll man denn bestraft werden? „Strafzinsen“ haben eher etwas mit Psychologie zu tun, aber nicht mit Betriebswirtschaft.

Das müssen Sie uns erklären.

Wir bewegen uns in einem Wirtschaftsraum, in dem die Europäische Zentralbank (EZB) die Rahmenbedingungen vorgibt. Für das Verwahren von Geld berechnet die EZB derzeit minus 0,4 Prozent an Zinsen.

Wie viele Kunden sind betroffen?

Wir haben festgestellt, dass das bei unserer Bank weniger als 140 Kunden betrifft. Wir reden von Kunden, die auch – bedingt durch unser Geschäftsgebiet im Tegernseer Tal – , höhere Einlagen auf Girokonten haben, als das möglicherweise bei anderen Banken der Fall ist. Auf diese Kunden sind wir zugegangen.

Wie haben Sie das gemacht?

Wir haben mit diesen knapp 140 Kunden gesprochen oder haben sie angeschrieben. Wir haben sie darauf hingewiesen, dass es bei ihren Einlagen einen Umschichtungsbedarf gibt. Wir haben diesen Kunden klar gemacht: Wenn sie ihr Geld bei uns weiterhin parken wollen, dann fallen künftig 0,4 Prozent als Verwahrentgelt an.

Wie haben die Kunden darauf reagiert?

Nachdem wir den Kunden das mitgeteilt hatten, gab es erste Gespräche. Die Kunden haben ganz unterschiedlich reagiert: Einer hat sich bei einer anderen Bank im Ort erkundigt, ob es ein besseres Angebot gibt. Dann hat er seine zwei Millionen Euro zu dieser Bank umgebucht. Für andere Kunden haben wir in einem persönlichen Beratungsgespräch alternative Anlagen für sie gefunden.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie einen Teil dieser 140 Kunden ganz gezielt aus Ihrer Bank herauskomplimentieren wollten?

Nein. Wir wollten ihnen einfach nur zeigen, welche Konsequenzen die Geldhaltung für uns hat: Sie verursacht Kosten. Wir bieten den Kunden nach wie vor unseren Service, nur künftig beteiligen wie sie an den Kosten. Nicht wir, sondern die Europäische Zentralbank hat unser Geschäftsmodell verändert.

Trotzdem gelingt es anderen Banken, auf Negativzinsen zu verzichten. Was ist bei Ihnen anderes?

Ich bin nur für unser Haus verantwortlich. Wenn Sie eine Million Euro an Einlagen nehmen, kostet uns das 4000 Euro im Jahr. Wir ermöglichen es, das Geld bei uns zu parken, wie bei einem Auto im Parkhaus. Aber für diese Parksituation verlangen wir künftig Verwahrentgelt.

Sie hätten ja auch das machen können, was alle anderen Banken auch machen: Statt ein Verwahrentgelt zu erheben, hätten sie einfach an der Gebührenschraube drehen können.

Negativzinsen sind einfach, nachvollziehbar und transparent. Hier ist ganz klar das Verursacherprinzip ersichtlich.

Wie meinen Sie das?

Es ist nachvollziehbar, woher dieser Zins kommt. Uns werden 0,4 Prozent berechnet, und wir reichen den Zinssatz einfach weiter. Und vergessen wir nicht: Guthaben auf den Tagesgeld- und Girokonten von weniger als 100 000 Euro sind ja nach wie vor frei.

Wie viele der fast 140 Kunden, die mehr haben, haben Ihre Bank bereits verlassen?

Die Auswertung habe ich noch nicht. Aus persönlichen Kontakten zu einigen Kunden bekomme ich allerdings mit, dass es sowohl Abflüsse als auch Umschichtungen gab.

Glauben Sie, dass auch andere Kunden aus Angst ihr Geld abziehen könnten?

Nein. Für das Breitengeschäft wird es kein Thema sein. Solche Verwahrentgelte sind nur für die großen Einlagen notwendig.

Wie geht es jetzt weiter? Immerhin rechnen die meisten Volkswirte damit, dass die Leitzinsen der EZB nicht vor 2020 steigen dürften...

Schwer zu prognostizieren. Ich möchte es einmal so formulieren: Hätten Sie es vor einigen Jahren für möglich gehalten, dass der Bund einmal Geld kassiert, wenn er Schulden aufnimmt? Hätten Sie es für möglich gehalten, dass man Geld dafür bezahlen muss, wenn man Geld anlegt? Derzeit ist alles möglich.

Interview: Sebastian Hölzle

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