1. Startseite
  2. Lokales
  3. Tegernsee
  4. Gmund

50 Jahre Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal: Die Vorsitzende über Heimat-Verlust und Profitmaximierung

Erstellt:

Von: Gabi Werner

Kommentare

„Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt“: Angela Brogsitter-Finck, hier auf Gut Kaltenbrunn vor der Kulisse des Tegernseer Tals, steht seit 2006 an der Spitze der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal.
„Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt“: Angela Brogsitter-Finck, hier auf Gut Kaltenbrunn vor der Kulisse des Tegernseer Tals, steht seit 2006 an der Spitze der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal. © Thomas Plettenberg

Die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal feiert heuer Jubiläum. Seit 50 Jahren kämpft sie an zahllosen Fronten für den Erhalt der Heimat - und macht sich dabei selten beliebt. Ein Interview.

Tegernseer TalDer Umbau eines Almidylls zur hippen Saurüsselalm, die geplante Fällung von 19 Linden im Tegernseer Kurpark zugunsten einer Tiefgarage, die Expansionspläne am Westerhof: Immer dann, wenn der schmerzhafte Verlust von Natur und Landschaft, von Ursprünglichkeit und Identität droht, meldet sich die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) zu Wort. In den 50 Jahren seines Bestehens hat sich der Verein mit seiner – oft lautstarken – Kritik nicht nur Freunde gemacht. Seit 2006 kämpft Angela Brogsitter-Finck an vorderster Front für die Ziele der SGT. Im Herbst 2021 wurde sie für weitere drei Jahre zur Vorsitzenden gewählt – es wird ihr letzte Amtsperiode sein. Im Interview blickt die 79-Jährige anlässlich des 50-jährigen Jubiläums ihrer Schutzgemeinschaft auf Erfolge und Misserfolge zurück und erklärt, was sie persönlich antreibt.

Frau Brogsitter-Finck, wir sitzen hier auf Gut Kaltenbrunn. Der Ort steht symbolhaft für das Engagement der Schutzgemeinschaft wie kaum ein anderer, oder?

Angela Brogsitter-Finck: Das ist absolut richtig. In Kaltenbrunn hat die Schutzgemeinschaft im Jahr 2001 ihren Neuanfang gemacht. Der spätere neue Vorstand hat sich hier bei einer Veranstaltung Schörghubers über das geplante Hotel zum ersten Mal getroffen und sich kurz darauf zusammengefunden. Der alte Vorstand war damals ja total zerstritten. Kaltenbrunn war der Dreh- und Angelpunkt für die neue Zukunft der SGT.

Und später, im Jahr 2008, wurde hier mit der Verhinderung des großen Tagungs- und Wellnesshotels durch Stefan Schörghuber der wohl größte Erfolg der SGT gefeiert.

Angela Brogsitter-Finck: Für mich war das ein Wunder! Es konnte keiner wirklich damit rechnen, dass unsere Popularklage Erfolg haben würde. Herr Schörghuber hatte damals die besten Anwälte zur Verfügung. Aber auch wir hatten Unterstützung von sehr wichtigen Leuten aus dem Kulturbereich und einflussreichen Persönlichkeiten – ansonsten hätten wir die Kosten für das Gerichtsverfahren ja auch gar nicht bezahlen können.

Sie sind seit 2006 Vorsitzende der Schutzgemeinschaft. Gibt es weitere Meilensteine, an die Sie sich erinnern?

Angela Brogsitter-Finck: Es gibt immer mal wieder kleinere Erfolge. Verhindern lassen sich Bauprojekte meist nicht, aber zumindest erreichen wir, dass darüber diskutiert wird und die Pläne vielleicht manchmal etwas abgeschwächt werden.

Vor allem muss die SGT aber mit Rückschlägen umgehen können, oder?

Angela Brogsitter-Finck: So ist es. Oft laufen unsere Bemühungen ins Leere. Wir können nichts entscheiden, sondern die Menschen nur sensibilisieren, damit sie genauer hinschauen. Wir gelten ja nicht mal als so genannter Träger öffentlicher Belange. Allerdings bemühen wir uns gerade darum, dass wir ein anerkannter Landschaftsschutzverein werden. Um gehört zu werden, ist es auch wichtig, dass wir uns mit anderen Vereinen und Organisationen verbünden.

Wie funktioniert das?

Angela Brogsitter-Finck: Wir sind Mitglied in vielen wichtigen Vereinen, zum Beispiel im Landschaftspflegeverband, beim Bund Naturschutz, beim Landesbund für Vogelschutz, beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege und beim Verein zum Schutz der Bergwelt. Was letzteren betrifft, so unterstützen wir uns beispielsweise beim Kampf gegen die Saurüsselalm gegenseitig. Nur gemeinsam sind wir stark.

Fühlen Sie sich denn von den Entscheidungsträgern ernst genommen?

Angela Brogsitter-Finck: Wir stehen in einem guten Kontakt zu sämtlichen Bürgermeistern und vielen Behörden. Ich habe schon das Gefühl, dass wir inzwischen ernster genommen und in die meisten Projekte mit einbezogen werden.

Dennoch wird die Meinung der Schutzgemeinschaft nicht überall geschätzt. Sie müssen sich häufig Anfeindungen gefallen lassen.

Angela Brogsitter-Finck: Das stimmt – ich habe mir persönlich schon viel anhören müssen. Auch Beschimpfungen. Ich halte es da aber mit dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Wir sind offen für jede Kritik und laden jeden dazu ein, sich mit uns auseinander zu setzen. So kann zum Beispiel jeder unseren Stammtisch besuchen. Oft wird uns Neid unterstellt, wenn wir ein Projekt kritisieren. Auf der anderen Seite erhalten wir aber auch viel Zustimmung. Die Zahl unserer Mitglieder steigt.

Die SGT fiel früher auch durch einen barschen Tonfall auf. Nicht zuletzt deshalb wurden die Talschützer gerne als bloße Verhinderer und Ewiggestrige beschimpft. Das hat sich geändert.

Angela Brogsitter-Finck: Ja, der Umgang miteinander und der Tonfall sind ein anderer geworden. Dadurch hat auch die Akzeptanz unseres Vereins unter den Einheimischen zugenommen. Viele kommen inzwischen mit ihren Problemen zur SGT. Sie berichten uns, wenn irgendwo Bäume gefällt werden oder sonst etwas im Argen liegt. Manchmal komme ich erst mittags zum Frühstücken, weil den ganzen Morgen das Telefon geklingelt hat (lacht).

Gegründet hatte sich die Schutzgemeinschaft 1972, um „von der schönen Landschaft um den Tegernsee zu retten, was noch zu retten ist“. Ein Wunsch, der heute aktueller ist denn je, schätze ich.

Angela Brogsitter-Finck: Ja, der Ausverkauf unserer Heimat schreitet zügig voran. Inzwischen erleben wir auch einen Kulturwandel im Umgang mit den Bergen, die als großes Potenzial für eine konsumorientierte Profitmaximierung entdeckt wurden – eine Entkernung unserer Kultur. Ein bestimmter Kreis potenter Tal-Unternehmer übernimmt die Führung und macht sich unser Tal nach Gutsherrenart zum eigenen Spielfeld. Eigentlich müsste Ischgl out sein, wir müssten uns zurückbesinnen auf unsere wahre Identität, anstatt sie zu opfern für eine gesichtslose Spaßgesellschaft.

In der Gründungszeit der SGT seien die Baukräne im Tegernseer Tal „wie Schwammerl in die Höhe geschossen“, erklärte Gründungsmitglied und Heimatkundler Beni Eisenburg einmal. Ein Bauboom, der sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter zugespitzt hat. Welche Projekte haben Sie am meisten geschmerzt?

Angela Brogsitter-Finck: Da sind zum einen die intensiven Bautätigkeiten am Leeberg. Besonders weh getan hat mir aber auch die Bebauung am Tegernseer Härtlewald. Dagegen haben wir mit viel Energie gekämpft – es hat aber nichts genützt, am Ende ist alles gebaut worden. Wissen Sie: Wir haben hier im Tal nur noch Residenzen, Chalets oder Ensembles. Das ist ein 08/15-Baustil, der auf Bairisch getrimmt ist. Am Ende ist nur entscheidend, dass es genügend Kohle bringt.

gab

Auch interessant

Kommentare