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Martin Bichler (l.) hat für seinen Schwiegervater Max Knirsch das Haus so umgebaut, dass ihn Gabriele Knirsch-Bichler gut zuhause versorgen kann.

Pflegestärkungsgesetz II

Gmunderin pflegt ihren Vater und ist so zur Expertin geworden

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Schlaganfälle, Parkinson, Demenz: Max Knirsch (88) braucht rund um die Uhr Betreuung. Seine Tochter pflegt ihn seit über zehn Jahren zuhause. Das hat sie zu einer Pflegeexpertin gemacht.

Gmund – Max Knirsch (88) geht am Geländer entlang, das neuerdings im Wohnzimmer aufgebaut ist. Er lässt die Stange los, schwankt kurz und setzt sich in seinen Lieblingssessel. Gabriele Knirsch-Bichler (60) steht mit offenem Mund daneben. „Heute ist ein guter Tag“, sagt sie. Aber schon in einer Stunde kann es ganz anders sein. Dann kann es passieren, dass Max Knirsch beim Hinsetzen samt Stuhl einfach umfällt.

2005 hat alles angefangen. Ab da hat Knirsch-Bichler beide Eltern daheim betreut, 2013 ist ihre Mutter gestorben. Mit demPflegegesetz, das seit Januar geändert wurde,  kennt sich Knirsch-Bichler deshalb perfekt aus. Manchmal kommt es vor, dass sie den Mitarbeitern bei der Pflegekasse erklärt, was Sache ist. Sie hat viel gelesen und einfach aus der Praxis gelernt. Nicht immer waren es gute Erfahrungen.

Pfleger lässt sich von Patienten einkaufen

Da war zum Beispiel dieser eine Pfleger. „Der hat sich von Papa immer einkaufen lassen“, erzählt Knirsch-Bichler. Elektrogeräte, den Wocheneinkauf, was für den Garten – der Pfleger hat alles brauchen können. Und Max Knirsch – die Demenz hat zu der Zeit begonnen – hat für ihn immer wieder Geld abgehoben. Bis Tochter Gabriele Wind davon bekommen hat. Der Pfleger wurde gefeuert.

Heute kommt kein Pflegedienst mehr zu Max Knirsch. Knirsch-Bichler sagt: „Wenn man es körperlich noch kann, ist es ohne harmonischer.“ Zudem kommt ja die Ergotherapeutin, die Logopädin, und zweimal die Woche geht Max Knirsch in die Diakonie. „Da wird er richtig gefördert.“

Sie zeigt ein gemaltes Bild, es ist tatsächlich sehr gelungen. Nur Max Knirsch ist selbstkritisch. „Das geht besser“, sagt er von seinem Sessel aus. Die Stunden in der Diakonie rechnet Knirsch-Bichler über die Kasse ab, ihr Vater hat Pflegegrad 4. Dazu nimmt sie die Entlastungsleistungen her – in dem Topf sind seit der Pflegereform aber 83 Euro weniger. „Dafür gibt es 180 Euro mehr Pflegegeld“ – die kann Knirsch-Bichler umwandeln. Insgesamt also ein Plus.

Pflegende Angehörige für Engagement bestraft

Neu in der Pflegereform sei auch, dass vermehrt Werbung für Tagespflege gemacht werde. Knirsch-Bichler verzieht das Gesicht. „Das kann ja eh keiner in Anspruch nehmen“, sagt sie. Es gebe einfach keine freien Plätze im Landkreis. Auch beim Bayerischen Roten Kreuz Miesbach ist das bekannt. Das hat sie schon bei dem Bruder ihres Mannes mitbekommen. Der hat das Down-Syndrom. Knirsch-Bichler sieht hier Handlungsbedarf: „Es kann nicht sein, dass nur die Elite einen Platz bekommt oder dass der Zufall darüber entscheidet.“

An manchen Tagen klappt das Hinsetzen bei Max Knirsch (Mitte) gut. An anderen braucht er Hilfe von Martin Bichler und dessen Frau Gabriele.

Dem Zufall überlassen will die 60-Jährige zumindest daheim so wenig wie möglich. Ihr Mann Martin hat im Wohnzimmer und in Papas Schlafzimmer ein Holzgerüst aufgebaut, damit er sich festhalten kann. „Er braucht den Halt, er verlässt sich nicht auf seine Füße.“ Mehrere Schlaganfälle, Parkinson, Demenz und eine Augenerkrankung – die Familie hat überlegt, Max Knirsch erneut von einem Gutachter beurteilen zu lassen, um Pflegegrad 5 zu bekommen. Was aber, wenn er sich genau dann so gut selbst hinsetzen kann wie heute? Das Beurteilen ist trotz Kriterien immer ein wenig subjektiv. Knirsch-Bichler sieht noch ein Problem: „Wenn wir mit ihm üben, und er besser wird, wird er nicht hochgestuft.“ Strafe für engagierte Angehörige. Knirsch-Bichler vermutet: „Vielleicht ist das der Grund, warum andere Pflegebedürftige nur irgendwo abgestellt werden.“

nip

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