Teil des Konzept: das Schuhmacher-Wehr.  Foto: Archiv TP
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Teil des Konzept: das Schuhmacher-Wehr. Foto: Archiv TP

„Natur hat ausnahmsweise mal gewonnen“

Stopp der Hochwasserschutz-Pläne: Das sind die Reaktionen

  • Gerti Reichl
    vonGerti Reichl
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Die Entscheidung des Wasserwirtschaftsamts (WWA) Rosenheim, die Planung für das Projekt Hochwasserausgleich Tegernsee nach 14 Jahren aus Kosten-Nutzen-Gründen zu stoppen, hat eine Flut von Reaktionen ausgelöst.

Tegernseer Tal – Die Entscheidung des Wasserwirtschaftsamts (WWA) Rosenheim, die Planung für das Projekt Hochwasserausgleich Tegernsee nach 14 Jahren aus Kosten-Nutzen-Gründen zu stoppen, hat eine Flut von Reaktionen ausgelöst. Andreas Scherzer, der als Vorsitzender des Vereins „Rettet den Tegernsee“ in einer Arbeitsgruppe aktiv war und damit die WWA-Planung begleitet hat, hat sich gestern mit einem umfassenden Schreiben an die Tal-Bürgermeister gewandt.

Die Entscheidung, dass Kosten für 14 Millionen Euro für den Hochwasserschutz zu viel seien, „um Menschen und deren Hab und Gut zu schützen“, hält Scherzer „gelinde gesagt für eine Frechheit“. „Selbst das Feuerwehrhaus in Tegernsee kostet mit 15 Millionen Euro mehr“, so Scherzer, der Planungen in Feldolling (75 Millionen Euro) oder für den Sylvensteinspeicher (zwölf Millionen Euro) als Vergleiche heranzieht. „Da wir die Berechnungen nicht gesehen haben, gehen wir davon aus, dass sie falsch sind“, so der Vorsitzende, der kritisiert, dass eine Hochschule diese vorgenommen habe. Scherzer macht folgende Rechnung auf: Investitionen von einmalig 14 Millionen Euro auf 100 Jahre gerechnet, würden Schäden von 280 Millionen Euro bei einem Hochwasser alle sieben Jahre gegenüber stehen.

Pläne für Hochwasserausgleich Tegernsee gestoppt: Fokus nun auf dem Schuhmacher-Wehr

Den Fokus richtet er nun auf das Schuhmacher-Wehr, dessen Erneuerung Teil des Konzepts gewesen wäre. „Ohne ein neues Wehr steuern wir direkt auf die nächste Hochwasser-Katastrophe zu“, glaubt der Vereins, dessen Plan B „ein neues Wehr in derselben Höhe, aber mit moderner Steuerungstechnik zur automatischen Regulierung des Sees“ wäre. Überhaupt sei es beschämend, dass ein modernes Bundesland wie Bayern dieses „lebenswichtige Bauwerk“ nicht schon längst erneuert habe.

Doch hier hat Florian Kohler ein Wörtchen mitzureden. Er ist Inhaber der Büttenpapierfabrik und damit auch des Wehrs. Eine Erneuerung der über 120 Jahre alten Anlage hat er bisher nicht ins Auge gefasst, auch wegen der Planung des WWA. Akuten Handlungsbedarf sieht Kohler auch jetzt nicht, da die Anlage gut in Schuss sei: „Wir sind nicht das Wehr vom Tegernsee“, stellt er klar. „Der Scheitelpunkt liegt bei der Holzbrücke.“ Zudem wurde und werde auch künftig das Staubrett manuell umgelegt, und zwar bevor das Wasser im Anmarsch sei. Dies sei ein Vorteil gegenüber der maschinellen Steuerung. Die Aspekte, die zum Stopp der Planung geführt hätten, könne er durchaus verstehen. Was die Erneuerung betrifft, so räumt Kohler ein: „Wir werden uns das in Ruhe anschauen.“

Hochwasserschutz-Pläne am Tegernsee: Grüne begrüßen den Planungs-Stopp

Ausdrücklich begrüßt wird der Planungs-Stopp von Thomas Tomaschek, Vorsitzender der Grünen im Tal. „Dieses gigantische Bauwerk wäre ein fataler Eingriff und ein weiterer Schritt in die falsche Richtung gewesen“, so Tomaschek. Er stellt fest: Flüsse würden begradigt und kanalisiert, Flächen versiegelt, natürliche Überschwemmungsgebiete durch Wohnbebauung oder Hochwasserschutzmaßnahmen, wie etwa an der Rottach, immer weniger. Der Seespiegel steige dadurch schneller an, „Hochwasserschäden, auch begünstigt durch Klimawandel, sind dadurch am Ende von uns selber verursacht.“ Das geplante Vorhaben hätte die Hochwasserlinie möglicherweise noch weiter verschoben und seenahe Bebauung verstärkt. Dass nicht der ökologische Schaden, sondern das Geld ausschlaggebend gewesen seien, hält er für bezeichnend. „So oder so: eine gute Entscheidung für die Natur, die ausnahmsweise mal gewonnen hat.“

gr

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