„Wir leben doch nicht in der Wüste!“

Familie lebt mitten im Ort - und kämpft seit 2014 um Internet-Anschluss

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Es klingt unglaublich und ist dennoch wahr: Eine Familie kämpft mitten in Dürnbach seit 2014 darum, überhaupt um einen Anschluss zu bekommen. Die Telekom? Findet das alles nicht so wild.

Dürnbach – Silvia P. (Name geändert) ist ziemlich genervt. Mehr noch: Sie ist stinksauer. Seit 2014 kämpft sie darum, einen Internet-Anschluss zu bekommen – bislang vergeblich. „Wir leben doch nicht in der Wüste!“, wettert die 63-Jährige, die endlich an der modernen Kommunikationswelt teilhaben möchte. Sie kann einfach nicht verstehen, warum es nicht möglich ist, ihr Haus ans Internet anzuschließen. Dabei wohnt sie nicht in irgendeiner Einöde im Wald, sondern mitten in Dürnbach.

Das Dilemma beginnt, als Silvia P. mit ihrem Mann im November 2014 nach einer Renovierung den Anbau an ein Doppelhaus bezieht. Für die Telekom kein Niemandsland, denn die Vormieterin hatte bereits einen Internet-Anschluss. „Wir haben gleich nach dem Einzug einen Antrag gestellt“, erzählt die Gmunderin. „Wie das halt so ist, wartet man eine Zeitlang. Doch wir haben keine Antwort bekommen.“ Es folgen unzählige Telefonate mit der Hotline, „und viele Stunden in der Warteschleife.“ Man vertröstet Silvia P., bittet immer wieder um Geduld. Dann doch eine Antwort: „Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass für unsere Adresse kein Port mehr frei ist.“ Ein Port: Das „Tor“ für einen Datenaustausch zwischen einem Computer und dem Internet.

„Ich fühle mich wie auf einer einsamen Insel“

Alle Nachbarn haben schnelles Internet, nur eben nicht Silvia P., die sich fühlt, „wie auf einer einsamen Insel.“ Es vergeht Zeit. Viel Zeit, in der sie immer wieder Post von der Telekom erhält, aber keine Zusage. Als sie eines Tages einen Bautrupp in der Straße sieht, schöpft sie sogar Hoffnung. Die wird jedoch zunichte gemacht, als sie folgende Nachricht bekommt: Ein Kabelverzweiger zu ihrem Haus sei nicht möglich. Zu teuer, hieß es in der Begründung. „Man hat mir mitgeteilt, dass nur eine Funk-Verbindung möglich sei“, berichtet Silvia P., „verbunden mit hohen Kosten von etwa 70 Euro im Monat.“

Silvia P. hat sich auch an die Gemeinde gewandt mit der Bitte, ihr zu helfen. „Natürlich unterstützen wir die Bürger nach Möglichkeit“, sagt der Gmunder Geschäftsleiter Florian Ruml, der nicht untätig blieb. Er verfasste ein Schreiben an den Regio-Manager für Breitbandausbau, Norbert Kreier. In einem Antwortschreiben bekam die Gemeinde die Zusage, dass das Problem der Bürgerin in Zusammenhang mit dem Breitbandausbau in Gmund wohl gelöst werden könne.

Auch die Gemeinde setzt sich ein

Der Breitbandausbau findet tatsächlich seit vielen Jahren in Gmund statt. „Wir haben schon früh angefangen, Geld dafür in die Hand zu nehmen“, sagt Ruml. „Das ist zwar eine freiwillige Aufgabe der Gemeinde, aber auch ein Standortfaktor.“ Bis zu 60 Prozent der Kosten bezahlt der Freistaat, 40 Prozent bleiben aus der Gemeindekasse zu bezahlen. Inzwischen, berichtet Ruml und verweist auf eine aktuelle Karte zum Thema Breitband auf der Homepage der Gemeinde, seien die meisten zusammenhängenden Siedlungsbereiche in Gmund ausgebaut. Für rund 2200 Haushalte steht eine Leistung von 100 Megabit pro Sekunde (MBit/s) zur Verfügung. Derzeit geplant sei der Anschluss des Kanzlerfeldes, eines Gebiets um Rainmühle sowie die Gasse. „Unabhängig davon überlegen wir, welche Bereiche wir noch anschließen können“, so Ruml. Bei jeder Baumaßnahme im Ort werde zudem versucht, Leerrohre zu vergraben, durch die künftig Glasfaserkabel gelegt werden können – aktuell etwa am Tölzer Berg.

Mit dem Verweis auf die Breitbandoffensive glaubte auch die Gemeinde, dass das Problem der Bewohnerin in Dürnbach erledigt sei. „Das war aber nicht der Fall“, sagt Ruml und bedauert den Fall zutiefst.

Was die Telekom dazu sagt

Auf Nachfrage der Tegernseer Zeitung, warum für die Dürnbacherin kein Port zur Verfügung gestellt werden könne, wo doch alle Nachbarn ringsum versorgt seien, wählt Telekom-Sprecher Markus Jodl einen recht plakativen Vergleich: „Das ist wie bei einer Steckerleiste. Wenn alle Steckerplätze belegt sind, dann können Sie kein weiteres Gerät anschließen. Sie müssen sich dann eine neue Steckerleiste kaufen, beziehungsweise eine weitere Steckdose legen.“ Im konkreten Fall heißt das: Der Verteilerkasten am Straßenrand bei Silvia P. ist vermutlich voll. Es müsste wohl ein neuer errichtet werden. „Das ist natürlich aufwändig und teuer“, so Jodl. Die Nachbestückung erfolge zwar in der Regel automatisch, „es könne aber nicht schaden, wenn man Bedarf anmeldet.“

Was Silvia P. seit 2014 macht. Drei Jahre nach dem ersten Antrag will Silvia P. weiter dranbleiben. Sie muss Anrufe mit ihrem analogen Telefon tätigen und Computerarbeit von ihrem Arbeitsplatz aus erledigen. Sie braucht wohl wieder Geduld. Und viel Zeit, um endlich an schnelles Internet zu kommen.

gr

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ gms

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