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Erkrankter Pfarrer lässt sich von drei Frauen vertreten - „Es wird nicht jedem gefallen“

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Von: Peter Reinbold

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Den Wortgottesdienst in der Tegernseer Pfarrkirche St. Quirinus feierte Maria Thanbichler.
Den Wortgottesdienst in der Tegernseer Pfarrkirche St. Quirinus feierte Maria Thanbichler. © Steffen Gerber

Das Coronavirus hat in einem Pfarrverband im Landkreis Miesbach vermutlich ein kleines Erdbeben ausgelöst. Der erkrankte Pfarrer betraute drei Frauen mit der Aufgabe, die Karfreitagsliturgie zu feiern.

Tegernsee – Das Coronavirus zwingt Monsignore Walter Waldschütz, in seiner Wohnung im Pfarrhaus von Tegernsee zu bleiben. Die Symptome, starke Halsschmerzen, Husten und Fieber, verhindern, dass Waldschütz seinen Dienst als Priester des Pfarrverbands Tegernsee-Egern-Kreuth im Landkreis Miesbach versehen kann. „Es ging mir schon mal besser“, sagt er. Und das ausgerechnet an den höchsten katholischen Feiertagen Karfreitag und Ostern. „Das ist mir noch nie passiert und ein sehr eigenartiges Gefühl“, sagt Waldschütz (69). „Wegen Krankheit bin ich noch nie ausgefallen.“

Tegernsee/Karfreitag: Erkrankter Pfarrer lässt sich von drei Frauen vertreten

Irgendwann ist immer das erste Mal. Waldschütz hat allerdings alles in die Wege geleitet, damit die Gläubigen trotzdem am Karfreitag die Kirche besuchen und dem Leiden und Sterben Jesu Christi gedenken konnten sowie an Ostern die Möglichkeit besteht, Messen zu feiern. Andere Priester und Padres helfen aus. „Für die Unterstützung bin ich sehr dankbar“, sagt Waldschütz.

Für den Karfreitag beschritt der Monsignore einen Weg, der nicht bei allen Gläubigen in den drei Gemeinden St. Quirinus (Tegernsee), St. Laurentius (Egern) und St. Leonhard (Kreuth) die volle Zustimmung finden dürfte und womöglich für ein kleines Erdbeben gesorgt hat. Maria Thanbichler, Elisabeth Aust und Magdalena Mehringer – drei Frauen, die als Pastoral- und Gemeindereferentin sowie als Wortgottesleiterin im Pfarrverband arbeiten – hatte Waldschütz mit der Aufgabe betraut, zur Todesstunde Jesu um 15 Uhr die Karfreitagsliturgie zu feiern. Die Zustimmung der Erzdiözese war dafür nicht erforderlich. „Das konnten wir alleine entscheiden“, erklärt Waldschütz. Er weiß, dass seine Entscheidung bei konservativen Christen auf Kritik stoßen dürfte. „Es wird nicht jedem gefallen.“

Monsignore Walter Waldschütz, Pfarrer des Pfarrverbands Tegernsee-Egern-Kreuth.
Monsignore Walter Waldschütz fiel krank aus. © THOMAS PLETTENBERG

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Tegernsee: Pfarrer lässt sich von drei Frauen vertreten - „Mehr Aufgaben in der Kirche“

Diese Erfahrung hat auch Thanbichler gemacht, die sich durch Widerstände aber nicht abschrecken ließ. „Frauen müssen in der Kirche mehr Aufgaben übernehmen.“ Sie verweist dabei auf den Synodalen Weg. Ein Beispiel, das sie sich auch für ihre Pfarrei vorstellen kann: In einem anderen deutschen Bistum dürften Frauen zum Beispiel das Sakrament der Taufe spenden, was Thanbichler zufolge in der Erzdiözese München und Freising derzeit nicht möglich ist.

Bei progressiven Gläubigen findet Waldschütz, der sich einen Namen als fortschrittlicher Pfarrer gemacht hat, sicherlich Beifall. Er geht mit Thanbichler, die nicht zum ersten Mal an Karfreitag einen Wortgottesdienst leitet, konform, dass die Rolle der Frau in der katholischen Kirche wachsen muss. Er wisse nicht, ob das fortschrittlich ist, „aber es ist vernünftig“. Es gibt seiner Meinung nach kein Recht, das andere Geschlecht auszugrenzen.

Allerdings betrachtet er es nicht als Allheilmittel, um die Austrittswelle, losgetreten unter anderem durch die zahlreichen Missbrauchsfälle und zuletzt durch die Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens, zu stoppen. In der evangelischen Kirche, darauf verweist Waldschütz, gebe es weibliche Pfarrer, keinen Zölibat – und trotzdem geht die Zahl der Gläubigen zurück. Und das mittlerweile auf dramatische Art und Weise: Laut Hochrechnungen von Experten sind erstmals seit Jahrhunderten mehr als 50 Prozent der Menschen in Deutschland weder römisch-katholisch noch evangelisch (wir haben berichtet). Mehr Verantwortung und Aufgaben für Frauen löse nicht dieses Problem und das des grassierenden Priestermangels. „Aber es kann dazu einen Beitrag leisten.“

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