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Bei der Präsentation 2011 standen die Bücherregale im Psallierchor noch. Jetzt ist der Raum nackt.

Psallierchor ist leer

Wo sind die Bücher aus dem Tegernseer Kloster?

Tegernsee - In den Regalen im Tegernseer Psallierchor reihten sich 11.600 Bücher auf, als die Kreissparkasse den Raum kaufte. Jetzt ist er leer - zum Kummer des Altertumsgauvereins.

„Es wäre halt schön gewesen, wenn die Kreissparkasse mit uns gesprochen hätte“, sagt Hans-Herbert Perlinger, ehemals Direktor des Gymnasiums Tegernsee und nun Vorsitzender des Altertumsgauvereins. Hat sie aber nicht. Im Frühjahr stellte der Verein, Träger des Museums Tegernseer Tal, überrascht fest, dass die Kreissparkasse den ehemaligen Psallierchor der Klosterkirche hat leer räumen lassen. Die Regale und 11 600 Bücher sind verschwunden. „Das ist nur noch ein nackter Raum“, stellt Perlinger fest. Dabei hätte der Verein den Bestand gern gesichtet. „Es gibt wohl zwei oder drei Dutzend Bücher, die aus dem Kloster stammen“, meint Historiker Roland Götz, der die Werke für den Verein begutachten wollte. „Das geht halt am besten, wenn man einfach die Regale abläuft.“

Die Kreissparkasse will die Bücher aus dem Psallierchor verkaufen

Dafür ist es zu spät. Die Kreissparkasse hat den gesamten Bücherbestand zu einem Auktionshaus bringen lassen. „Dort wird er erfasst und geschätzt“, erklärt Kreissparkassen-Sprecher Peter Friedrich Sieben. Ziel der Bank ist es, die Bibliothek zu Geld zu machen. „Wir können die Bücher nicht einfach verschenken oder unter Wert verkaufen“, stellt Sieben klar. Wie berichtet, ist die Kreissparkasse nach der Überprüfung ihrer Sponsoring-Aktivitäten aufgefordert, unter anderem den Psallierchor und die Bücher zu veräußern.

150.000 Euro hat die Bank im Jahr 2010 für die Bibliothek der herzoglichen Familie bezahlt. Dabei handelte es sich quasi nur um eine Dreingabe zum Dauernutzungsrecht für den Psallierchor. 1,5 Millionen Euro überwies die Kreissparkasse an Herzog Max in Bayern für den Erwerb dieses Rechtes. Der damalige Kreissparkassen-Chef Georg Bromme hatte den Raum öffentlich zugänglich machen wollen, als Geschenk an die Landkreisbürger zum 175-jährigen Bestehen des Geldinstitutes.

Der Psallierchor ist für die Kreissparkasse völlig unbrauchbar

Das Präsent erwies sich schnell als Fehlkauf. Dem früheren Chorraum, einst Teil der Klosterkirche St. Quirinus, fehlt ein zweiter Fluchtweg. Als Raum für Veranstaltungen und Konzerte darf er nicht genutzt werden. Der geforderte Fluchtweg hat sich bis jetzt auch nicht schaffen lassen – das Denkmalschutzamt ist mit der vorgelegten Planung nicht einverstanden. Seit langem versucht die Kreissparkasse, das Dauernutzungsrecht an die Kirche zu verkaufen. Das Erzbischöfliche Ordinariat ist interessiert, will aber den geforderten Preis nicht zahlen.

Auch Bücher aus der Klosterbibliothek sollen dort gestanden haben

An den Büchern ist die Kirche nicht interessiert. „Es handelt sich ja auch nicht um die Klosterbibliothek, sondern um die Bibliothek einer adeligen Familie“, erklärt Götz. Aus historischer Sicht sei sie nur in der Gesamtschau interessant. „Die Zusammensetzung zeigt, was in einer Adelsfamilie gelesen wurde.“ Vermutlich haben aber auch Werke aus der 1803 aufgelösten Bibliothek des Klosters – sie umfasste 60 000 Bände – den Weg in die herzoglichen Regale gefunden.

Ex-Kreissparkassenchef Bromme plante einst, den Bestand wissenschaftlich erfassen zu lassen. Damit wurde aber nur begonnen. Die Kosten liefen davon, die Kreissparkasse stoppte das Projekt und ließ die Bücher schließlich einlagern.

"Wir haben nur durch einen Zufall erfahren, dass die Bücher weg sind."

Das wiederum ging für den Altertumsgauverein unangenehm schnell. „Wir haben überhaupt nur durch einen Zufall erfahren, dass die Bücher weg sind“, meint Perlinger. Dabei habe der Verein sogar einen Sponsor an der Hand, der bereit sei, noch aus dem Kloster stammende Werke für das Tal-Museum zu erwerben. Acht Bücher hat der Verein von der Kreissparkasse aus dem Bestand erhalten, zur Ansicht. Vermutlich sind aber noch weitere Werke interessant. Welche, ist für den Verein im Moment schwer zu sagen. „Wir müssen uns dann wohl an der Liste orientieren, die das Auktionshaus erstellt“, erklärt Götz. Das dürfte nicht leicht werden.

Vereinsvorsitzender Perlinger hätte sich ein anderes Vorgehen gewünscht. Die Sparkasse, findet er, hätte „einen schönen Akt“ daraus machen können, die Bücher aus dem Kloster für das Tegernseer Tal zu sichern.

Von Christina Jachert-Maier

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