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Das Korbinians-Kolleg hat wieder begonnen: Angst vor dem politischen Long Covid

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Von: Christina Jachert-Maier

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Das Korbinians-Kolleg hat wieder begonnen. Beim Start begrüßten (v.l.) Korbinian Kohler, Edgar Grande und Wilhelm Vossenkuhl die Zuhörer.
Das Korbinians-Kolleg hat wieder begonnen. Beim Start begrüßten (v.l.) Korbinian Kohler, Edgar Grande und Wilhelm Vossenkuhl die Zuhörer. © Tp

Wie hat Corona die Politik, die ganze Welt verändert? Mit einer Betrachtung dazu meldet sich das Korbinians-Kolleg zurück.

Weissach – Am liebsten hätte Korbinian Kohler das Thema Corona weggedrückt. Etwas anderes zum Thema gemacht als dieses Virus, das seit zwei Jahren die Welt in den Ausnahmezustand zwingt. Am Ende beugte er sich der Einschätzung seines Freundes Wilhelm Vossenkuhl, Philosophieprofessor und akademischer Kurator des Korbinians-Kollegs zu Fragen der Zeit, das Kohler seit 2017 in seinem Hotel Bachmair Weissach anbietet. „Corona ist einfach das wichtigste Thema der Zeit“, weiß Kohler. Und dem widmete sich nicht nur der erste Vortrag des wieder zum Leben erweckten Kollegs. In welcher Zeit wir nach Corona leben, ist Thema des gesamten Wintersemester 2021/22 mit sieben Terminen.

Korbinian Kohler gewährt persönliche Einblicke

Rund 80 Besucher waren gekommen, um den Vortrag des Politikwissenschaftlers Edgar Grande zu hören. Damit war das Auditorium etwas kleiner als vor der Pandemie, als im Schnitt 120 Zuhörer zum Kolleg kamen. Spürbar war die Freude, dass ein Dialog in Präsenz wieder möglich ist, „Das Blut fließt wieder“ sagte Kohler, der bei der Begrüßung sehr persönliche Einblicke gewährte. Wie er zu Beginn des Lockdowns durch sein gespenstisch leeres Hotel wanderte und manche Träne verdrückte: „Ich dachte, mein Lebenswerk ist dahin.“ Und dass sein Unternehmen dank kräftiger staatlicher Hilfen und zweier starker Sommer dann doch wirtschaftlich unbeschadet durch die verordneten Schließzeiten gekommen ist. „Aber irgendjemand muss das am Ende bezahlen.“

Corona als Treiber des Wandels

Die Pandemie hat das Land in einen Ausnahmezustand versetzt. Was hat die Einschränkung der Grundrechte mit der Politik, den Menschen gemacht? Referent Grande beleuchtete das in einem analytischen Vortrag. Dabei ist nach seiner Einschätzung Corona nur ein Treiber eines Wandels, der schon länger im Gange ist. Der andere Treiber ist die Klimaproblematik, die vor dem Virus da war und die Menschheit auf nicht absehbare Zeit beschäftigen wird.

Spaltung der Gesellschaft

Als Problem machte Grande die Spaltung der Gesellschaft aus. Inzwischen werde gut ein Drittel der Bürger von keiner der Parteien präsentiert. Die Bundestagswahl 2021 sei symptomatisch gewesen. Ein großes Ablenkungsmanöver, inszeniert wie eine Reality-TV-Show. „Ein monatelanges Dschungelcamp, bei dem sich die Kandidaten jeden Tag neuen Aufgaben stellen mussten.“ Er sah nur einen Unterschied: Während die Dschungelcamp-Kandidaten keine lebenden Tiere mehr verspeisen müssten, drehe sich bei den laufenden Koalitionsverhandlungen alles um die Frage: „Wer muss die größte Kröte schlucken?“

Ist die neue Regierung zu Reformen bereit?

Dabei sei dies in Wahrheit nicht der wichtigste Punkt. „Die größte Frage ist, ob die neue Regierung bereit sein wird, Reformen in Angriff zunehmen.“ Nach Corona fürchtet Grande einen politischen Long Covid. Das Parlament habe viel Einfluss eingebüßt. Darüber finde keine wirkliche Debatte statt, auch nicht im Bundestag. Er vermisse auch eine breitere Empörung über die Wahlpannen in Berlin. Es gelte, die politischen Folgen von Corona gut aufzuarbeiten, meinte Grande: „Welche langfristigen Folgen die Wirkung der Pandemie auf die Politik haben werden, lässt sich derzeit nicht zuverlässig beurteilen.“

Regierungstreu und unkritisch hätten sich die Medien als „vierte Gewalt“ im Staate verhalten, merkte Kohler nach dem Vortrag an. In der Folge liefen die sozialen Medien wie Facebook den etablierten den Rang ab.

Prognosen zur weiteren politischen Entwicklung stellte Grande nicht in den Raum: „Das wäre spekulativ.“ Professor Vossenkuhl war am Ende klar: Grande möge doch bitte in einem Jahr wiederkommen: zur weiteren Analyse.

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