Doch keiner kann sich erinnern...

Drei angebliche Prügel-Frauen aus dem Tal vor Gericht

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Drei Frauen sollen eine Kreutherin (37) vom Barhocker gezerrt und wild auf sie eingetreten haben. Ein ernster Tatvorwurf - der nun mit einem überraschenden Urteil endete.

Kreuth – Der Tatvorwurf gegen drei Frauen aus dem Tegernseer Tal war eigentlich ein ernster: Sie sollen in einer Kreuther Bar eine vierte Frau erst vom Barhocker gerissen und anschließend auf sie eingeschlagen und eingetreten haben – juristisch eine gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung. Was sich bei der Verhandlung vor dem Miesbacher Amtsgericht zutrug, glich bisweilen aber eher einer Gerichtsshow im Fernsehen. Das Urteil: Freispruch.

Laut Anklage soll eine der drei Angeklagten, eine 37-Jährige aus Kreuth, im November 2016 die Geschädigte zunächst so von ihrem Barhocker geschubst haben, dass diese samt Hocker nach hinten umfiel. Anschließend soll sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen, einer Rottacherin (47) sowie einer aus Waakirchen (47), auf die am Boden liegende Geschädigte eingeschlagen und eingetreten haben. Laut ärztlichem Attest erlitt diese dabei Prellungen und Hämatome an der Halswirbelsäule, an der Schulter, am Brustkorb sowie rechtsseitig am Becken.

Vor Gericht verweigerte die Rottacherin ihre Aussage, die beiden anderen Angeklagten bestritten die Vorwürfe. Die Geschädigte, eine Kreutherin (50), sei infolge ihres Alkoholkonsums ohne Fremdeinwirkung vom Hocker gefallen, berichtete die Angeklagte aus Kreuth. Schläge oder Tritte habe es nicht gegeben – wohl aber eine verbale Auseinandersetzung, die die Geschädigte mittels Beleidigungen provoziert habe: Mit Aussagen wie „Du bist so dumm wie Brot“ und „Du bist so schiach“.

Die Geschädigte hingegen gab an, ihre vermeintlichen Peinigerinnen hätten das Wortgefecht ausgelöst, indem sie sich über ihren Zustand lustig machten. Dann aber verstrickte sich die Kreutherin, die im Zuge der Verhandlung einräumte, ein Alkoholproblem zu haben, in Widersprüche. Obwohl sie bei der Vernehmung durch die Polizei ausgesagt hatte, sie sei vom Hocker geschubst worden, behauptete sie im Zeugenstand plötzlich, sie sei gefallen. Auch auf die Frage, wer sie aus der Bar zum Taxi gebracht habe, widersprach sich die Kreutherin selbst. Damit nicht genug: Bei der Polizei gab sie an, gewürgt worden zu sein, vor Gericht konnte sie sich daran nicht mehr erinnern. Bereits an dieser Stelle äußerte Richter Walter Leitner Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geschädigten und stellte sogar ein Verfahren wegen einer Falschaussage in Aussicht.

Auch die Zeugen konnten nur wenig zur Klärung beitragen. Ein Bargast wollte vor Gericht am liebsten gar nichts sagen, „ned dass’ mich einsperren“. Als er sich schließlich zu einer Aussage durchringen konnte, wollte er zwar Tritte gesehen haben, konnte sich aber nicht mehr erinnern, welche der drei Angeklagten diese ausgeführt hatten. Auch weil er damals schon ein „paar Halbe“ und – wie sich später herausstellte – das ein oder andere „Schnapserl“ getrunken hatte. Ähnlich verhielt es sich mit dessen Lebensgefährtin, die „gar nichts gesehen“ haben will. Lediglich die Bedienung, die an besagtem Abend als einzige nüchtern war, konnte sich erinnern. Sie gab an, keine Schläge oder Tritte beobachtet zu haben. Nur in einem Punkt waren sich alle einig: Die Rottacherin war unbeteiligt.

Freisprechen musste Leitner alle drei Angeklagten. Das Gericht sei nicht überzeugt, dass diese die Körperverletzungen begangen haben. Im Zweifel müsse er für die Angeklagten entscheiden, begründete er sein Urteil. Die Geschädigte habe ein Alkoholproblem, sei betrunken gewesen, habe Erinnerungslücken und sich in Widersprüche verstrickt. Zudem habe die einzig nüchterne Zeugin ausgesagt, keine Tritte gesehen zu haben.

Rubriklistenbild: © dpa

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