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Über die Maßnahmen zum Hochwasserschutz sind Fischer Karl Mayr (v.l.), Imker Georg Biechl und Naturschutzwächter Klaus Altmann empört.

„Nur noch eine Bachleiche“

Behörde zerstört Lebensraum für Tiere - Fischer entsetzt

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Die Wildbäche in Scharling sind nicht mehr wild. Zum Schutz vor Hochwasser hat das Wasserwirtschaftsamt massiv in die Natur eingegriffen. Fischer und Naturschützer sind über das Vorgehen entsetzt.

Kreuth-Scharling – Karl Mayr (57) ist richtig wütend. Er steht auf einer Brücke im Kreuther Ortsteil Scharling, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass man nur seinen weißen Schnauzer darunter erkennt. Mayr schaut hinunter auf den Bach und schüttelt den Kopf. Die Familie des Kreuthers hat am Bleichgraben und seinen Zuflüssen, auch als Scharlinger Wildbäche bekannt, seit Generationen das Fischereirecht. Als Mayr bemerkte, was mit den Bächen passiert ist, ist er erschrocken. „Ich hätte weinen können.“

Über mehrere Strecken fehlen Bäume, Wurzelwerk, Büsche. Jetzt ist da nichts mehr, außer den uferbegrenzenden Steinen, die in den 1970er Jahren von Menschenhand angelegt wurden. Damals waren die Wiesenbäche begradigt und ausgebaut worden. Im November vergangenen Jahres hat das Wasserwirtschaftsamt erneut massiv eingegriffen. Der Grund: Hochwasserschutz.

Am Ufer stolziert ein Fischreiher entlang. In den Bächen hat er nun leichte Beute, er sieht die Fische auf den ersten Blick. Nur: Der Bach ist leer, von Fischen keine Spur. „Hier gibt es keinen Lebensraum mehr“, sagt Mayr. Bachforellen lieben schattige Gewässer mit viel Sauerstoff. Bei schönem Wetter wird der Bach aber ohne den Schutz der Bäume stundenlang besonnt. Mayr ist frustriert. Jahrelang hat er hier versucht, wieder mehr Fischbestand zu züchten. Genau wie am Mühlbach. „Jetzt ist das hier nur noch eine Bachleiche.“

Das Dilemma der Behörde: Naturschutz vs. Hochwasserschutz

Derweil war der Eingriff durch das Wasserwirtschaftsamt laut Mayr in dem Ausmaß nicht abgesprochen. In einer E-Mail vom 24. November schrieb Andreas Holderer, Abteilungsleiter für den Landkreis Miesbach, dass bei den Arbeiten „einzelne Anlandungen im Gewässerbett und das Wurzelwerk in den Uferböschungen entfernt“ werden.

Für die Scharlinger Bäche ist der Freistaat Bayern zuständig und somit das Wasserwirtschaftsamt, obwohl die Bäche als Gewässer dritter Ordnung eigentlich der Gemeinde Kreuth obliegen. „Eine unserer Aufgaben ist eben der Hochwasserschutz“, sagt Holderer. Seine Behörde stecke dabei immer in dem Dilemma, das mit dem Naturschutz zu vereinen. Diesmal wurde der aber hinten angestellt. „Die Bäche waren verlandet und zugewachsen.“ Im Falle eines Hochwassers könne das Wasser nicht ablaufen.

Holderer sagt aber: „Man kann sich über den Umfang streiten.“ Und genau das ist jetzt der Fall. Mayr fordert 3500 Euro Schadensersatz. Holderer will das prüfen lassen. „Ich kriege aber sofort den nächsten Schadensprozess ins Haus, wenn bei den Anwohnern das Wasser im Keller steht, weil wir uns nicht gekümmert haben“, sagt er. Ähnlich sei man an Rottach und Weißach vorgegangen. „Das sieht optisch nicht super aus“ gibt Holderer zu. „Beim Hochwasser 2013 waren die Leute aber froh, dass es so ist, wie es ist.“

Naturschutzwächter sagt: Lebensräume durch die „Säuberung“ kaputt

Das Fernglas über der Schulter, die Hände in der Hosentasche marschiert Naturschutzwächter Klaus Altmann (66) die Bachabschnitte entlang. Er war einige Jahre stellvertretender Forstamtsleiter in Kreuth, jetzt kümmert er sich ehrenamtlich um den Schutz der Natur. „Seit dem Pfingsthochwasser 1997 hat es drei epochale Hochwasser gegeben“, erzählt Altmann. „Die Bäche hier waren nie davon betroffen.“ Jetzt sei durch die Schmelze gerade viel Wasser drin. Der Bach ist etwa 30 Zentimeter tief.

Lebensräume für Singvögel, Amphibien und andere Kleintiere seien durch die „Säuberung“ (Altmann) kaputt gegangen. Der Naturschutzwächter schätzt, dass etwa fünf oder sechs große Weiden gefällt wurden. „Für die Bienen ist das in dieser Jahreszeit eine wichtige Nahrungsquelle.“

Ein Anwohner spaziert mit seinem Hund den Weg entlang. Rudi Wolf, der ehemalige Kreuther Kuramtsleiter, wohnt seit 66 Jahren direkt am Bach. Er erinnert sich, wie er als Bub auf dem Bauch liegend Fische gefangen hatte. Heute wäre das nicht mehr möglich. „Das war mal ein Wiesenbach, jetzt wurde das völlig überdimensioniert“, sagt er. Eine Hochwassergefahr hat er hier nie erlebt.

Nichts mehr übrig: Einige Bäume entlang der Bäche wurden ebenfalls gefällt.

Mayr und Altmann stehen neben einigen Baumstümpfen. „Hier hätten wir den Platz, den Bach auf natürliche Weise wiederherzustellen“, sagt Mayr. Auch das Wasserwirtschaftsamt würde die Bäche gerne renaturieren, wie Holderer sagt. „Das geht aber nur, wenn uns einer einen Uferstreifen verkauft.“ Und das sei beinahe unmöglich, händeringend würde die Behörde nach Grundverkäufen suchen.

Bei den Scharlinger Bächen gehört ein Teil der Gemeinde, ansonsten grenzen viele Privatbesitzer an. Kreuths Bürgermeister Josef Bierschneider sagt: „Bei uns ist meines Wissens keine Anfrage des Wasserwirtschaftsamtes auf Erwerb oder Nutzung einer zusätzlichen Fläche eingegangen.“

Drei Kilometer bachabwärts, kurz bevor das Gewässer in die Weißach mündet, fließt der Bach unter einer Straßenbrücke durch. Eine Amsel sitzt auf dem Baum, die Natur ist hier noch intakt. Altmann ist sicher: „Nicht die Bäume verursachen das Hochwasser, sondern Brücken, unter denen sich Äste verfangen.“

Das Wasserwirtschaftsamt will trotzdem prüfen, ob weiteres Eingreifen notwendig ist. „Wir werden uns das noch mal ansehen“, sagt Holderer. Möglicherweise müssen im Herbst noch mehr Bäume und Büsche dem Hochwasserschutz weichen. Altmann sagt: „Wenn die Bereiche ebenso radikal gesäubert werden, gehen noch mehr Lebensräume verloren.“

nip

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