Richter: "An diesem Tag waren sie nicht in Form"

Vor Gericht: Kreuther (92) fährt 17-Jährige an

Kreuth - Ein Kreuther (92) stand wegen eines Unfalls vor Gericht. Seine Frau (92) wollte ihn entlasten - doch dann passierte ihr etwas, mit dem wohl keiner im Gerichtssaal gerechnet hatte.

Eine stolze Zahl in Sachen unfallfreier Jahre im Straßenverkehr hat ein 92-jähriger Mann aus Kreuthaufzuweisen: 71. Diese Serie ist nun aber gerissen, und der Kreuther fand sich prompt auf der Anklagebank des Miesbacher Amtsgerichts wieder. 

Es passierte im Januar: Plötzlich war die Fußgängerin da

Im Januar dieses Jahres fuhr der Mann mit seiner ebenfalls 92 Jahre alten Ehegattin von Gmund kommend nach Agatharied. Nachdem er den dortigen wie er sagt „holprigen Bahnübergang in Schrittgeschwindigkeit“ überquerte, passierte es schon: Auf der von ihm aus gesehen rechten Straßenseite kam dem Kreuther eine Fußgängerin entgegen, die er mit dem rechten Außenspiegel seines BMW angefahren haben soll.

Angeklagter: Nicht er habe sie angefahren - "Sie hat gegen meinen Außenspiegel geschlagen."

„Diese Beschuldigung ist nicht zutreffend“, echauffierte sich der Rentner. „Die Straße ist an der Stelle sehr eng. Es gibt keinen Fußgängerweg, nur ein Geländer.“ Von besagtem Geländer sei er nach eigener Aussage aber noch etwa einen Meter entfernt gewesen. Seiner Meinung nach hätte ein Fußgänger also locker Platz gehabt, an seinem Auto vorbei zu gehen – ohne, dass er die Person hätte mit dem Auto erwischen müssen. Statt der fahrlässigen Körperverletzung, wie es in der Anklageschrift stand, will der Beschuldigte gesehen haben, dass eine junge Frau „gegen meinen Außenspiegel geschlagen hat“.

Nach angeblichen Schlag: Rentner nimmt Verfolgung auf - und fährt gegen Mauer

Die junge Frau soll danach weiter gen Bahnhof gelaufen sein. Der 92-Jährige legte den Rückwärtsgang ein, um sie noch zu finden, prallte dabei mit seinem Heck gegen eine Mauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Doch von der Frau war laut ihm keine Spur mehr.

17-jährige Haushamerin sieht das anders: "Eine Woche Schmerzen."

Anscheinend stand die aber wohl genau neben ihm, er sah sie nur nicht. Sie machte allerdings nicht auf sich aufmerksam, „weil ich nicht wusste was ich sagen soll und unter Schock stand“, sagte die 17-jährige Haushamerin aus. Der BMW-Fahrer habe sie aber sehr wohl am Handgelenk angefahren, wodurch sie eine Woche lang Schmerzen hatte.

Ehefrau will Angeklagten entlasten - und kann sich an nichts mehr erinnern

Eine weitere Zeugin hätte diesem Fall gut getan. Es gab auch noch eine: Die Ehefrau des Angeklagten. Sie bereitete sich schon auf ihre Aussage vor, saß schon auf dem Zeugenstuhl. Doch dann wusste sie nichts mehr. „Es tut mir leid, aber mir fällt gar nichts mehr dazu ein“, entschuldigte sich die 92-Jährige.

So mussten Amtsrichter Walter Leitner und die Staatsanwaltschaft herausfiltern, welche Aussage glaubhafter wirkte. Beide entschieden sich für die der 17-Jährigen, Rechtsanwalt Freiherr Heino von Hammerstein war anderer Meinung. Die Staatsanwältin forderte eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 40 Euro, Hammerstein Freispruch. Und außerdem einen Führerscheinentzug. 

Leitner verurteilte den Rentner wegen fahrlässiger Körperverletzung schließlich zu 30 Tagessätzen à 40 Euro. Den Führerschein darf der Rentner dafür behalten, da er sich nicht, wie von der Anklage dargestellt, unerlaubt vom Unfallort entfernt hatte. Der Richter sagte in Richtung des 92-Jährigen: „71 Jahre unfallfrei, aber an diesem Tag waren Sie nicht in Form: Erst das Mädchen, dann die Mauer.“ 

Philip Hamm

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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