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Ein eingeschworenes Team: Die Belegschaft der Hanns-Seidel-Stiftung mit Chef Martin Reising (M.) muss Abschied nehmen – und bleibt dabei optimistisch: Daumen hoch.

Was Kohl frühstückte und wie Stoiber geflüchtet ist

Belegschaft erinnert sich an 40 Jahre Wildbad Kreuth

Wildbad Kreuth – Im Januar kommt die Kanzlerin Wildbad Kreuth, danach verabschiedet sich die Hanns-Seidel-Stiftung. Der Belegschaft fällt das nicht leicht – dafür bleiben ihr viele Erinnerungen.

Im Herbst 1975 hat die Hanns-Seidel-Stiftung in Wildbad Kreuth den Betrieb als Bildungszentrum aufgenommen. Seminare, Hochzeiten, Klausurtagungen, Geschichten, Empfänge, Mythen, aber auch die Belegschaft selbst prägen seitdem den berühmten Kreuther Geist. 40 Jahre später, im Sommer 2015, kam das Aus: Die Eigentümerin Herzogin Helene in Bayern erhöhte die Pacht um einen Beitrag, den die Stiftung nicht mehr bereit war zu leisten. 

Im März 2016 endet damit auch für die 35 Angestellten und Leiter Martin Reising eine Ära. „Was ist das für eine Burg?“, dachte Reising, damals 28, als er im Dezember 1998 die Anhöhe hinauffuhr, um sich als neuer Chef vorzustellen. Dass er wie der größte Teil der Belegschaft nun auf mehr als 17 Jahre „in der Burg“ zurückblicken kann, hätte er sich nie vorstellen können, sagt der Tölzer. „Wenn man sich die Belegungspläne von 1998 bis heute ansieht, kann man das nicht mehr vergleichen“, weiß Reising. Das Zentrum mit seinen 97 Einzelzimmern und 22 Doppelzimmern im ehemaligen Sanatorium hat einen ungeheuren Aufschwung erfahren. 

Unvergessen: die Hochzeit des Kreuther Bürgermeisters

Die Seminare, die CSU-Klausurtagungen, die gab es von Anfang an. Erst 2003 öffnete man sich für Hochzeiten. Unvergessen ist zum Beispiel die Hochzeit von Kreuths Bürgermeister Josef Bierschneider. „Das war eine der schönsten Veranstaltungen“, erinnert sich Servicechefin Annette Kirchmair. Auch wenn es keine Honeymoon-Suite gibt, nicht einmal Fernseher in den bescheiden eingerichteten Zimmern – die Brautpaare waren immer zufrieden. Das waren einige Gäste nach der Anreise nicht immer: „Viele haben sich beschwert, dass kein Fernseher auf ihren Zimmern ist“, erzählt Kirchmair. „Und am dritten Tag haben sie sich dann alle dafür bei uns bedankt und gemeint, sie hätten hier ein ganz neues Lebensgefühl erfahren.“ 

Nur noch Aigner und Stamm spielen Schafkopf

Auch das gehört zu Wildbad Kreuth: der Seminarcharakter. Es gibt eine in die Jahre gekommene Sauna, keinen Spa-Bereich, es gibt ein zweckmäßiges Schwimmbad, keine Wellness-Landschaft, ein Bierstüberl, keine Lounge-Bar. „Es ist alles ein bisschen einfacher und abgeschiedener, aber dafür sitzt man abends eben auch beinander und redet miteinander“, sagt Reising. Die Leute sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren, herunterkommen vom Alltag. Oder man spielt Schafkopf, wie Barbara Stamm und Ilse Aigner bei den CSU-Klausurtagungen. „Früher gab es noch viel mehr Kartentische“, verrät Reising. Glos, Glück, Waigel, Kohl, Stoiber – die alte Politiker-Riege sei ausnehmend höflich gewesen. 

Die Spitzenpolitiker feiern nicht mehr so wie früher

Kohl kam einst als Bundeskanzler nach Wildbad Kreuth und wollte nur eines: Spiegeleier mit Bratkartoffeln. Natürlich sind die Mitarbeiter zu Verschwiegenheit verpflichtet, doch „es ist schon nett gewesen, wenn man manchmal Gesprächsfetzen der Politiker mitbekommen hat“. Oder wenn eine Abgeordnete am Bayerischen Abend voller Inbrunst mit Kandlingers Blasmusikanten „Ahoi Kameraden“ sang. Allerdings würden die Politiker heutzutage nicht mehr so feiern wie früher. „Die sind viel getriebener heute“, hat Reising festgestellt. 

Nur Seehofer hat einen Fernseher im Zimmer

Doch alle seien sie bodenständig, die meisten unkompliziert. Peter Ramsauer geht jeden Morgen zum Schwimmen, Ilse Aigner hilft schon einmal mit einem Erkältungsmittel aus, wenn ihr eine Bedienung verschnupft erscheint. „Ministerpräsident Seehofer kommt zum Beispiel in die Küche und begrüßt dort alle“, sagt Reising. Der Ministerpräsdent hat übrigens als einziger einen Fernseher in seinem Zimmer. 

Hier tagten Schülerzeitungen - hier bildete Helmut Dietl Filmemacher aus

Die Authentizität hat sich Wildbad Kreuth bewahrt. Hier tagen Schülerzeitungsredakteure, Frauenrechtlerinnen, bilden sich Rotarier fort, feierte der Deutsche Fußballbund mit dem damaligen Präsidenten Theo Zwanziger, wurde Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg rauschend empfangen, hielt das Tegernseer Gymnasium seine Abibälle ab, bildete Regisseur Helmut Dietl Filmemacher aus. Hier finden Seminare zu Themen wie Weltreligionen, Nanotechnologie, Energiepolitik und sozialer Marktwirtschaft statt. „Das ist eine Herausforderung, diese Mischung, das wird mir fehlen“, sagt Reising. Vom achtjährigen Schüler bis zum 88-jährigen Senior, vom Arbeiter bis zum Präsidenten – alle waren hier. 

Stoibers Sturz war schlimm

Dabei wollte man nie eine Konkurrenz zu den Hotels sein, „das können wir auch gar nicht“, meint Reising. Er forcierte in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit mit den Kollegen. „Da hätte sich viel entwickeln können.“ Der Kreuther Geist – einst 1976 heraufbeschworen, als die CSU unter Strauß eigene Wege gehen wollte. Der Kreuther Geist, der 2007 beim Sturz von Stoiber wieder zum Leben erweckt wurde. „Das war schlimm“, erinnert sich Reising. Stoibers Fahrer lief zum Auto, der Ministerpräsident rannte durch die Hintertür hinaus, hinter ihnen der Pressepulk. 

Der gute Geist bleibt bis zum Schluss

Als guter Geist von Kreuth indes gilt Marlies Mehringer, die viele Jahre an der Rezeption die Gäste empfing. Oder Maria Mühlegger, die seit 35 Jahren dem Haus als Mitarbeiterin die Treue hält. „Diesen Teamgeist werde ich am meisten vermissen“, sagt Kirchmair. Die Mitarbeiter unternahmen auch in ihrer Freizeit einiges miteinander. Die Nachricht, dass es nicht weitergeht, war ein Schock. Die Feier zum 40-jährigen Jubiläum der Stiftung heuer im Herbst haben sie abgesagt. Einige Kollegen wechseln ans Kloster Banz, einem weiteren Bildungszentrum der Stiftung. Einige Kollegen fanden einen anderen Job, einige Kollegen haben noch nichts. Im Januar folgt ihre letzte CSU-Klausurtagung, diesmal soll Kanzlerin Angela Merkel kommen. Die Mitarbeiter werden für einen perfekten Ablauf sorgen. Wie immer.

Annika Prem

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