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In diesen Tagen  läuft es gut im kleinen Kino von Julia Strelow. Aber das Jahr war schwierig. Im heißen Sommer kamen wenige Besucher – und das Diktat der Verleihfirmen macht der Kinobetreiberin zu schaffen

Julia Strelow kämpft mit schweren Rahmenbedingungen

Das kleine Kino und seine Feinde

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Kreuth - Julia Strelow will das kleine alte Kino ihres Vaters neu erfinden. Jetzt hat sie ihr erstes Jahr als Betreiberin hinter sich. Es war hart. Strelow bleibt kämpferisch – wie lange noch, weiß sie selbst nicht

Julia Strelow will das kleine alte Kino ihres Vaters neu erfinden. Jetzt hat sie ihr erstes Jahr als Betreiberin hinter sich. Es war hart. Strelow bleibt kämpferisch – wie lange noch, weiß sie selbst nicht. 

Wahrscheinlich hat Snoopy gerade wieder einen Witz gemacht. Jedenfalls sickert Kinderlachen – gedämpft von den Schallschutztüren – in das Foyer des Kinos Rottach-Weißach. Sonst hört man nur das allgegenwärtige Rauschen der Lüftung. In der Luft hängt der Geruch frischen Popcorns. Julia Strelow sitzt regungslos in ihrem Sessel an der Kinokasse und lauscht. Hinter ihr wuselt Kino-Hündin Pippa zwischen Popcornmaschine und Frauchen hin und her. Sonst herrscht Ruhe, nur unterbrochen eben von diesem schönen Kinderlachen. 

Wenn das ganze Jahr über Weihnachten wäre, „dann hätte ich keine Sorgen“, sagt Strelow, die Betreiberin des einzigen Kinos im Tal. Für die Feiertage hat sie zwei Kinderfilme eingekauft. Die Peanuts und Heidi. Die laufen gut. Wenn die Kinder mit staunenden, weit aufgerissenen Augen – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – in die sonderbare Welt des Kinos eintauchen, „dann ist das für mich ein unbeschreiblich schönes Bild“. 

Dann erinnert sich Strelow wieder, warum sie Freundeskreis, Job und Familie in Hamburg, Lübeck und Berlin zurückgelassen hat, um das Kino, das Lebenswerk ihres alten Vaters, zu retten, vielleicht sogar neu zu erfinden. „Wenn es gut läuft, ist das für mich der schönste Job der Welt.“ Aber dann gibt es wieder diese Abende, die sich scheinbar endlos aneinandereihen. Auch da sitzt Strelow in ihrem Sessel. Allein. Kein Kinderlachen, nur das Rauschen der Lüftung, die Kinotechnik für Filme kühlt, die keiner sieht. „Das sind die Phasen, in denen Du vor Frust einfach nur noch heulen willst.“ Im vergangenen Jahr gab es viele dieser Abende. 

Dafür können sowohl Strelow als auch die Tal-Bewohner nur bedingt etwas. Schuld ist der drittgrößte Feind des Kinos: das Wetter. Selbst den größten Cineasten treibt es an einem klaren Sommerabend bei 30 Grad kaum ins Kino. Davon gab es viele im Jahr 2015. Der zweitgrößte Feind sind für Strelow Streaming-Anbieter wie Netflix, über die sich jeder die neuesten Filme aus dem Internet auf den heimischen Fernseher holen kann. „Und der ist heute doch auch schon ein kleines Heimkino.“ Der größte Feind des kleinen Kinos aber sitzt laut Strelow quasi mit im Saal: der Verleiher. Das sind die großen Produktionsfirmen, von denen Kinos Filme ausleihen. Und die Verträge dafür seien nur noch auf große Kinos zugeschnitten. 

Dass es kleine Kinos wie das Weißacher mit nur zwei Sälen gibt, werde nicht berücksichtigt. Das Angebot für den neuen Star Wars von Disney hat Strelow auf dem Schreibtisch liegen. „Die haben die 50-Prozent-Marke geknackt.“ Heißt: Disney will von jeder Kinokarte mehr als die Hälfte des Geldes. Damit nicht genug: Wenn Strelow Star Wars zeigen würde, müsste sie dies mindestens einen knappen Monat tun – und dann dreimal am Tag. 

In dem Kinosaal dürfte in dieser Zeit nichts anderes laufen. „Das geht hier nicht.“ So viel Publikum gebe es im ganzen Umkreis nicht. Strelow hat nur zwei Säle, ihr Kino lebt von der Abwechslung. „Dabei ich hätte Star Wars so gerne gezeigt.“ Jetzt hofft Strelow auf einen langen, finsteren Winter, in dem sich die Tal-Bewohner in ihre Kinosessel kuscheln. Zwischendrin peppt die Ex-Hamburgerin ihr Programm mit hochkarätigen Kulturveranstaltungen auf. Da lief dann schon mal eine Oscar-prämierte Doku mit Gala-Abend, Gerhard Polt stellte einen neuen Film vor. 

Und gemeinsam mit Bergfilm-Festival-Organisator Michael Pause und Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn erfand sie den Festival-Publikumspreis. Sieger und Siegerehrung liefen dann freilich in ihrem Kino. Finanziell bringt ihr das alles wenig. Aber Spaß macht’s. Wie lange Strelow noch durchhält, in einer Zeit, in der diese kleinen Kinos mit ihrem schummrigen Licht, dem Popcorngeruch und dem Kinderlachen genauso angestaubt rüberkommen wie das Billard-Center und die Bowlingbahn, das weiß sie selbst nicht. Ihren Humor hat sie sich jedenfalls noch ins neue Jahr gerettet: „Am liebsten würde ich auch nur Arthouse-Filme zeigen.“ Aber, verrät Strelow mit einem Augenzwinkern: „Die Intellektuellen trinken einfach zu wenig"

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