Tegernseerin (56) erleidet Schädel-Hirn-Trauma - Kreuther Frührentner (34) angeklagt
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Tegernseerin (56) erleidet Schädel-Hirn-Trauma - Kreuther Frührentner (34) angeklagt

Täter aus Bayrischzell hat psychische Probleme

Kreutherin (56) nach Schlag zwei Tage bewusstlos - Gericht fällt Urteil gegen Frührentner (34)

  • Marion Neumann
    vonMarion Neumann
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  • Nina Gut
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Ein 34-jähriger Frührentner aus Bayrischzell soll eine Tegernseerin (56) bewusstlos geschlagen haben, als die den Bettler vor einer Bar vertreiben wollte. Nun hat das Gericht entschieden.

Update vom 27. Januar: Unterbringung in Psychiatrie zur Bewährung ausgesetzt

Bei der Fortsetzung der Beweisaufnahme wurde die behandelnde Ärztin des Beschuldigten, der derzeit in einer Klinik in Wasserburg untergebracht ist, gehört. Der Patient zeige dank regelmäßiger Medikation aktuell keine psychotischen Symptome mehr. Der gesetzliche Betreuer des Mannes berichtete außerdem von den derzeitigen Bemühungen, eine geeignete Unterbringung für den 34-Jährigen zu finden. Man wolle unter anderem in einer sozialtherapeutischen Einrichtung im Chiemgau vorstellig werden, hieß es in der Verhandlung.

Der psychiatrische Sachverständige lieferte dem Gericht schließlich ein umfassendes Bild des Beschuldigten. „Wenn er Medikamente nimmt, geht es ihm relativ gut. Man sieht aber auch: wenn er sie nicht nimmt, wird er relativ rasch psychotisch“, erklärte er. An der Diagnose „Schizophrenie“ bestehe kein Zweifel.

Der Angeklagte selbst schien der Verhandlung emotionslos zu folgen. Tief in seinen Stuhl versunken, blickte er durchgehend zu Boden – auch, als der Vorsitzende Richter das Urteil verkündete. Das Gericht sprach sich für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus aus und setzte die Anordnung zur Bewährung aus. Für den Bewährungszeitraum von drei Jahren gelten nun mehrere Auflagen. Unter anderem darf der 34-Jährige seine Medikamente nicht absetzen. Außerdem darf er keine Betäubungsmittel konsumieren. An einem festen Wohnsitz muss er geeignete psychische Betreuung erhalten. „Ich denke, das ist ok“, sagte der Bayrischzeller und nahm damit das Urteil an.

Ursprünglicher Bericht vom 15. Januar

Kreuth – Helga P. (56, Name geändert) vom Tegernsee erinnert sich nur noch an ein paar Szenen, die sich am Abend des 9. August 2019 vor einer Bar in Kreuth abspielten. Sie hatte dort einem 34 Jahre alten Frührentner aus Bayrischzell, der um Geld und Zigaretten bettelte, drei Glimmstängel gegeben. „Aber er wollte immer mehr. Plötzlich war die Schachtel weg. Ich hab mich aufgeregt.“ Auf einmal spürte sie einen Schlag. Dann weiß sie nichts mehr. Zwei Tage später wachte sie in einem Klinikum in Vogtareuth wieder auf.

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Der mutmaßliche Angreifer, in eine dicke grüne Daunenjacke gehüllt und mit Maske im Gesicht, sitzt seit dieser Woche wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht München II. Allerdings geht es nicht um eine Strafe. Vielmehr geht es um die Frage, ob der psychisch kranke Mann für längere Zeit in der Psychiatrie untergebracht wird – er leidet an paranoider Schizophrenie. Laut Staatsanwalt geht von ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit aus.

Laut Antragsschrift des Staatsanwalts wollten die anderen Gäste vor der Bar dem bettelnden Mann nichts geben. Sie meinten, dass der Beschuldigte am Vortag Zigaretten und ein Feuerzeug gestohlen habe. Der 34-Jährige antwortete, dass Gott sie bestrafen werde und alle in die Hölle kommen würden. Daraufhin habe Helga P. versucht, den Beschuldigten zu vertreiben – und habe ihm drei Zigaretten gegeben. Während der Diskussion soll ihr der Mann dann völlig unvermittelt mit der Hand gegen den Hals geschlagen haben, wodurch sie zu Boden fiel und bewusstlos wurde.

Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades und musste bis zum 12. August 2019 auf der Intensivstation behandelt werden. In der folgenden Zeit litt sie nach wie vor an Sprachausfällen, einem dumpfen Gefühl im Kopf und hatte keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr. Auch Monate später waren diese Sinne noch beeinträchtigt und kamen nur langsam zurück.

Vor Gericht berichtete der heute 34-Jährige, dass er als Jugendlicher Drogen genommen habe, um seine so genannten „Ticks“ in den Griff zu bekommen. Auch später probierte er noch das ein oder andere aus. Beruflich war er meistens als Kellner oder Verkäufer tätig. 2011 zog er nach Österreich und wollte Skilehrer werden, aber er stürzte vom Balkon und verletzte sich an der Wirbelsäule.

2009 hatte er zum ersten Mal Psychosen bekommen, hörte Stimmen, die nicht da waren. Immer wieder war er seitdem zur Behandlung in der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Agatharied. Seit dem Vorfall in Kreuth ist er vorläufig in Wasserburg untergebracht. Von der neuen Medikation, die er dort bekommt, ist er begeistert. „Wenn ich das nur früher bekommen hätte“, sagte er. Der Unterschied zu seinem Zustand vor rund einem Jahr sei wie zwischen Tag und Nacht. „Damals war ich noch ganz woanders“, berichtete er in Bezug auf seine damalige Verfassung. Zum ersten Mal seit 2013 sei er wieder richtig zu sich gekommen.

An den Abend des 9. August 2019 erinnerte er sich nur bruchstückhaft. An einen Schlag gegen den Hals der Frau könne er sich nicht erinnern, sagte der Bayrischzeller, sondern an einen Stoß. Der Prozess dauert an.

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