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Pia Marie Witt fliegt als einzige Frau in der Branche Luftschiffe.

Pia Marie Witt startet am Tegernsee

Sie ist die einzige Frau in der Luftschiff-Branche

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Kreuth - Luftikusse? Mitnichten. Luftschiff-Piloten sind vor allem geerdet, sagt Pia Marie Witt, die einzige Frau der Branche. In diesen Tagen will sie Europameisterin am Tegernsee werden – und dann umschulen.

Pia Marie Witt, 39, hält ihre Nase in den Wind. Noch liegt die schneebedeckte Wiese vor dem Wallberg im Schatten, ideale Bedingungen, um zu starten. Denn wenig Sonne heißt wenig Thermik und Luftschiffe mögen diese Form des Aufwinds gar nicht. Die Pilotin, blaue Skijacke, Pelzmütze, Sonnenbrille, murmelt ihrem Team ein paar Anweisungen zu. Die zwei kauzigen Männer, ein langhaariger Bayer und ein Allgäuer, breiten die Hülle im Schnee aus und werfen den Rotor an. Das Schiff wächst. Witt gönnt sich einen Moment Ruhe. „Schön ist es hier schon“, sagt sie. 

Es ist später Morgen, hinterm Berg ahnt man die Sonne. Wahrscheinlich würde Witt jetzt lieber mit ihrem vierjährigen Sohn im Schnee spielen, als in dieses Schiff zu steigen. Die Begeisterung über das, was sie täglich tut, das Luftschiff-Fahren, diesen Exoten-Job, scheint verflogen. Witt ist an diesem Tag schon lange wach. Sie hat am Bodensee, wo sie lebt, in aller Früh den Wetterbericht abgehört, Lieferwagen und Hänger mit Gasflaschen vollgepackt, die Technik überprüft, ihr Team eingesammelt. Dann sind sie stundenlang über die Autobahn gegondelt. Alltag einer Luftschiff-Pilotin. Vor der Europameisterschaft, die morgen am Tegernsee startet, wird die deutsche Vize-Meisterin und einzige Frau in dem Gewerbe oft gefragt, was sie am Fliegen so begeistert. Sie zuckt dann mit den Schultern und sagt: „Ich bin einfach gut darin.“ 

Video: Mit Pia Marie Witt im Luftschiff unterwegs

Luftschiff-Flug über den Tegernsee

Pia Marie Witt ist Deutschlands einzige Luftschiff-Pilotin. Wir sind mit ihr eine Runde über den Tegernsee geflogen. Alle Infos zur Luftschiff-EM 2016 am Tegernsee findet ihr hier: http://bit.ly/21b37DV

Posted by Tegernseer Zeitung on Donnerstag, 18. Februar 2016

Früher war da mehr. Mit 19 fuhr sie zum ersten Mal in einem Luftschiff mit – und war begeistert. Damals wollte der Pilot sie zuerst nicht ausbilden; ein Jahr bettelte sie, dann ließ er das Mädel doch ans Steuer. „Ich bin drin gesessen und hab’ gewusst, was ich machen muss“, sagt Witt. Geld hatte sie keins, arbeitete sogar ohne Bezahlung im Team mit und lernte bald, wie anstrengend der Job sein kann. Und wie gigantisch. Während eines Konzerts im Kasseler Fußballstadion winkten ihr tausende Menschen zu. Der große Michael Jackson unterbrach wegen ihr sogar mal ein Konzert. Als er in den Himmel starrte, folgten zigtausende Gesichter seinem Blick. Witt schwebte in ihrem Schiff über Publikum, Bühne und Großbildleinwand – und alle winkten ihr zu. Solche Augenblicke entschädigen für die Schwerstarbeit, die endlosen Autofahrten, das Vagabundenleben, mit dem die 39-Jährige Schluss machen will. 

Am Tegernsee wird die Sonne stärker, der Wind dreht, das halb aufgeblasene Schiff kippt samt Gondel in den Schnee. Witt bleibt cool, packt mit an, murmelt: „Wir müssen es in den Wind drehen.“ Heißt: Rotor abkoppeln, die schwere Hülle wieder auf den Boden sinken lassen und durch den Schnee ziehen. Und dann wieder alles von vorne. Witt nimmt’s hin, als würde sie das alles, die EM, das Fliegen, der Job, nicht mehr betreffen. Die Leidenschaft von früher ist ihr abhanden gekommen. Deshalb will Witt aus der Berufung ein Hobby machen und deshalb lernt sie Osteopathie. „In Medizin war ich immer gut“, sagt sie. Witt hat sogar mal Biologie studiert, bevor sie der Luftschiffwahnsinn packte. 

Seit 20 Jahren macht sie den Job jetzt, ihr halbes Leben lang. „Ich habe nie etwas bereut. Ich habe Dinge erlebt und gemacht, die wenige erlebt und gemacht haben.“ Witt hat ein Kinderbuch geschrieben, gesungen, Drachen- und Segelfliegen ausprobiert. Darin war sie weder gut noch schlecht, aber fürs Luftschiff hatte sie gleich ein Gefühl. „Das war mein Traum.“ Damals. 

In Kreuth, unterm Wallberg, hebt Witt dann doch ab, schwebt auf den Tegernsee zu, zieht an Seilen, die das Seitenruder steuern, jagt Flammen in die Hülle, steigt weiter auf. Erster Übungsflug vor der Europameisterschaft. Nein, leicht fällt ihr der Abschied nicht. „Ich bin gerade in der Schwebe, bis ich meinen neuen Weg gefunden habe.“ Schon vor drei Jahren wanderte Witt in die Türkei aus – für eine Anstellung als Ballonpilotin. Es war ihr erster fester Job. Im Gepäck: Ihr neugeborenes Kind. Zwischen Windeln und Wolken. Klingt abgehoben, wie der Titel eines Romans. „Wir sind keine wild romantischen Luftikusse“, sagt sie. Luftschiff-Piloten sind geerdet und konzentriert. 

Der See strahlt in der Sonne, die Berge leuchten. Aber Witt hat nur Augen für ein paar Pferde unter ihr. Die will sie nicht aufscheuchen, zieht wieder an den Seilen, weicht aus. Das ist die große Kunst der Luftschiff-Fahrer. Niemanden stören, aber trotzdem von jedem gesehen werden. Witt beherrscht das gut. Pia und Marie sind nicht mal ihre richtigen Vornamen. Mit ihrem echten öffentlich auftreten, das mag sie nicht. Bald hat sie eh ihr neues Leben als Mutter und Osteopathin. 

Vorher fliegt sie noch die EM, tritt gegen Rekordweltmeister aus der Schweiz, Schweden, Frankreich und Russland an. Eine große Show, die dritte EM überhaupt, organisiert von dem deutschen Luftschiffpapst Helmut Seitz, der Witt aus der Türkei zurückgeholt hat. Witt ist am Scheideweg, aber sie will trotzdem gewinnen. Neues Leben hin oder her: Im Schiff packt sie der Ehrgeiz doch. Bei der jüngsten deutschen Meisterschaft am Tegernsee war das auch so. Witt erlebte den perfekten Moment in der Luft und wurde Vize-Meister. Diesmal will sie zehn Piloten aus ganz Europa schlagen und erste Europameisterin überhaupt werden. 

Jetzt, beim Übungsflug hoch überm Tegernsee, lacht Witt zum ersten Mal an diesem Morgen. „Irgendwie war das Luftschiff immer mein Schicksal“, sagt sie und schaut über den strahlend blauen See. Dann muss sie schon wieder wenden, die Zeit drängt. Denn unten wartet ein Kamerateam, das sie fragen will, was sie am Fliegen eigentlich so sehr begeistert.

Die europäische Luftschiffmeisterschaft im Tegernseer Tal beginnt am Mittwoch, 24. Februar. Die feierliche Eröffnung erfolgt um 10.45 Uhr an der Naturkäserei in Kreuth. Bis Montag, 29. Februar, liefern sich elf Piloten aus sieben Nationen einen spektakulären Wettbewerb am Himmel. Alle Infos zur EM finden Sie hier.

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