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So kennt die Welt Wildbad Kreuth: Scheinwerfer der Fernsehstationen leuchten die Fassade aus (Archivbild). Das Gebäude gehört den Herzögen, die Hanns-Seidel-Stiftung ist (noch) Mieter.

Ein Rundgang vor dem letzten Treffen

Kreuth und die CSU: So wurde das Wildbad zur Legende

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Kreuth - Vier Jahrzehnte traf sich die CSU in Kreuth. Meistens harmlos, manchmal meuternd. Jetzt muss sie raus aus dem Wildbad. Ein letzter Rundgang erinnert an Mythen und Legenden - und einen Poltergeist.

Empfang in Kreuth: Hier gibt’s die Zimmerschlüssel. Das Strauß-Gemälde hängt links von der Rezeption.

Die Treppe knarzt, das Geräusch wabert über die leeren Flure. Die Pforte zur Bibliothek schwingt auf, rechts der tote Kamin, der ewig nicht mehr brannte, links ein halbleeres Regal. Ein paar Meter weiter öffnet sich leise die Tür zur Küche, Bewegungsmelder, aber dahinter kaum noch Essbares. Nicht dass es spuken würde in den alten Gemäuern, das Problem ist eher: Der Spuk ist vorbei. Ja, man muss sich Sorgen machen um den Geist, der hier hauste.

Zeitenwende im legendären Wildbad, der Hausherr zieht aus. Vor ein paar Tagen hat die Hanns-Seidel-Stiftung zum letzten Mal Seminargäste in ihrem Bildungszentrum beherbergt, servierte zum Abschied ein wenig Wehmut und viel Spanferkel. Der Mietvertrag für das 200 Jahre alte Areal im Landkreis Miesbach läuft aus, die parteinahe Stiftung muss bis Ende März besenrein an die Wittelsbacher übergeben, denen das Gebäude gehört und die nun um ein Vielfaches mehr Miete wollten. Mitarbeiter gekündigt, Heilbrunnen abgestellt, Seminare künftig dezentral. 2016 soll hier eine Großbaustelle sein, ein Investor plant ein edles Tagungshotel.

So kam es zum Mythos vom "Kreuther Geist"

Welcher, weiß man noch nicht. Weil die Gespräche offenbar zäher als vermutet laufen, gibt es Geraune. Der Investitionsbedarf dürfte enorm sein, um die kargen Räume auf Tegernseer-Tal-Standard zu heben. Und überhaupt – ein Hotel! Welch biedere Nutzung in einem Bau, der schon Kurbad für Darmleidende, Ferienort für Kaiser und Heilanstalt für Nervenkranke war – und für die CSU eine Mischung aus allem.

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Rivalen: Kohl und Strauß am 1. Dezember 1976. Kurz zuvor hatte die CSU in Kreuth die Bombe platzen lassen.

Seit vier Jahrzehnten mietet sich die CSU jeden Januar ein, sie machte Kreuth mit ihren Klausuren berühmt. Zwei Volten, der „Trennungsbeschluss“ 1976 und der Stoiber-Sturz 2007, schufen einen Mythos. Seither glaubt die Menschheit an den „Kreuther Geist“, eine Art Poltergeist, der brave Hinterbänkler in Aufrührer verwandelt. Und gelangweilte Journalisten in ein Jagdrudel, das jedem Mikrofone ins Gesicht drückt, der ein Politiker sein könnte, gern auch dem Hausmeister.

Der heißt seit 14 Jahren Stefan Saller, er würde nie im Leben darauf kommen, sich vor eine Kamera zu stellen. Freundlich, aber still läuft er über die verwaisten Gänge, schmunzelt nur auf Fragen nach dem Geist. Dafür öffnet er die Räume, in denen er hausen könnte. Das bei Bedarf streng bewachte Ministerpräsidenten-Zimmer 218 etwa, erster Stock: zwei zusammengeschobene Holzbetten, im 70er-Jahre-Bad blassblaue Fliesen, alles karg, nur Klopapier-Rollen im Überfluss. Trotzdem sollte jeder Regent ausharren. Stoiber beging 2007 den Fehler, lieber daheim zu schlafen. In jener Nacht auf den 18. Januar stürzten ihn die Parteifreunde.

Bei der Stoiber-Verschwörung lief dummerweise eine Kamera

Oder die drei größten Verschwörungsorte. Der Seminarraum, in dem sich 2007 die CSU-Herren Beckstein, Huber und Glück konspirativ trafen, um über Stoibers nahendes Ende zu beraten. Dummerweise lief hinten versehentlich eine TV-Kamera und übertrug live in einen Satellitenwagen des Staatsfunks. „Moment, da ist ein rotes Licht an“, soll Glück zu spät entdeckt haben.

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Ungestörter hätte man es in der Sauna, wo die CSU transpiriert und konspiriert. Vermutlich wurden hier im Halbdunkel mehr Bünde geschmiedet als an jedem anderen Ort. Doch nun steht die Türe offen, der Ofen ist kalt. Hausmeister Saller leuchtet kurz rein – kein Kräuter-Guss, kein Kreuther Geist.

Ilse Aigner kartelt, Barbara Stamm singt

Die 120 Zimmer sind karg eingerichtet. Aber in keinem Raum darf das Kreuz an der Wand fehlen.

Selbst das holzvertäfelte Bierstüberl, am Ende eines langen Ganges 19 Stufen die Treppe runter, ist verlassen. An den acht eckigen Tischen trafen sich hier bis frühmorgens Politiker zum Schimpfen, Singen und Schafkopfen. Für nächtefüllende Gesänge ist Landtagspräsidentin Barbara Stamm berüchtigt. Das mit dem Karteln war meist Ministerin Ilse Aigner. Ein paar Halbe Bier sind noch übrig, Tegernseer Hell für 2,70 Euro, aber gerade zimmerwarm. Aus Spargründen ist der Kühlschrank abgestellt.

Fürs letzte Bier werden sich Abnehmer finden. Die schwierigere Aufgabe für Saller wird, den Auszug abzuwickeln, ohne bisher zu wissen, was drin bleiben soll. Offiziell ist der Nachnutzer noch nicht benannt. Das Strauß-Ölgemälde neben der Rezeption, vor dem Jungpolitiker gern gockelig für die Fotografen posieren? Kommt in die Stiftungs-Zentrale in München. Möbel? Vielleicht ins fränkische Kloster Banz, das der Stiftung gehört. Aber was mit den alten Werken aus der Bibliothek, etwa die Kampfschrift „Die FDP auf dem Weg nach links“ von 1972? Oder entdeckt beim Auszug vielleicht jemand, dass vor einigen Jahren heimlich Seminarteilnehmer der kreuzbraven Stiftung Bücher zur Lobpreisung des Sozialismus in die Regale schmuggelten?

Einmal könnte es den Geist noch geben

Manches ist überaltert, die Stiftung hat aber auch viel investiert. Die Technik in den Seminarräumen ist top. Die Küche auch, wenngleich am Konvektomaten schon das Schild „Verkauft“ klebt. „Da haben sich die Köche einen Spaß erlaubt“, sagt Saller.

Die CSU glaubt, sie könne sich künftig wieder ins Hotel einmieten. Man darf das zumindest für 2017 bezweifeln, so schnell baut hier keiner. Einmal könnte es aber den Geist noch geben, zwei Winterwochen lang: In das verlassene Haus zieht am Dreikönigstag nochmal die CSU ein. Erst gehen die Abgeordneten aus Berlin in Klausur, dann die aus dem Landtag, beide Male kommt sogar Kanzlerin Angela Merkel dazu. Eigentlich könnten das Sternstunden des Kreuther Poltergeists werden. Wenn man nur wüsste, ob es ihn noch gibt.

Wildbad Kreuth: ein Rundgang in Bildern

Wildbad Kreuth - ein Rundgang in Bildern

Der berühmteste Moment von Kreuth

Schimpfen, Singen, Schafkopfen: Das Bierstüberl im Keller ist das heimliche Zentrum des Wildbads.

Das Verhältnis von CDU und CSU ist schon immer ein spezielles. Aber im November 1976 drohte die Partnerschaft zu platzen. Die CSU-Landesgruppe reichte in Wildbad Kreuth die Scheidung ein – die Bayern hatten zuvor nach einer zwölfstündigen Diskussion beschlossen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zu kündigen. Die CSU überlegte, bundesweit als „Vierte Partei“ anzutreten. Die Entscheidung ging als „Kreuther Trennungsbeschluss“ in die Geschichtsbücher ein. Seitdem ist das Bildungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung im Kreis Miesbach ein bundesdeutscher Mythos. Es ist der Ort, an dem CSU-Chef Strauß den CDU-Chef Kohl zum Duell herausforderte. Im Kommentar in unserer Zeitung hieß es am 20. November 1976: „Drastische Drohgebärde, ein letzter Warnschuß vor den Bug einer zu lässiger Liberalität neigenden CDU, oder ein Konzept mit langfristiger Zielsetzung – das ist die (unbeantwortete) Frage.“ Drei Wochen später wurde der Trennungsbeschluss damals wieder zurückgenommen. Aber den Kommentar könnte man an manchen Tagen auch heute noch drucken. (mm)

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