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Zum Auftakt des Wintersemesters 2019/20 begrüßten (v.l.) Korbinian Kohler, Winfried Nerdinger und Wilhelm Vossenkuhl die Zuhörer. 

Semester hat begonnen

Winfried Nerdinger beim Korbinians-Kolleg: Vom Bauhaus zu Ikea

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Das dritte Semester: Mit einem Vortrag von Winfried Nerdinger über das Bauhaus hat das Korbinian-Kolleg am Tegernsee begonnen. Dabei räumte Nerdinger mit einem Mythos auf.

WeissachDer Saal mit über 100 Menschen gut gefüllt, die Stimmung erwartungsvoll. „Sie sind schon eine richtige Klasse geworden“, begrüßte Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl die Zuhörerschaft beim Korbinians-Kolleg im Hotel Bachmair Weissach. Zum dritten Mal wurde ein Semester eingeläutet, in dessen Verlauf hochkarätige Referenten über Fragen der Zeit sprechen. Inzwischen hat sich ein fester Stamm von Interessierten aus dem ganzen Landkreis gebildet. Die Idee von Unternehmer Korbinian Kohler, Eigentümer des Bachmair Weissach und diverser weiterer Hotels, mit dem – für die Zuhörer kostenlosen Kolleg – ein Forum im Tegernseer Tal zu schaffen, ist aufgegangen.

Das Programm stellt Professor Vossenkuhl zusammen, bei dem Kohler selbst Philosophie studiert hat. Großes Thema des gerade begonnenen Semesters mit insgesamt sieben Veranstaltungen ist die Gestaltung des Lebens. Und weil das Wohnen dabei ein wichtiger Punkt ist, läutete Vossenkuhl das Semester mit dem Thema Bauhaus ein.

Als Referenten hatte Vossenkuhl den Architekten und Architekturhistoriker Winfried Nerdinger geworden. Er ist Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. „Er ist auch der Erste, den wir zum zweiten Mal eingeladen haben“, meinte Korbinian Kohler, der wie bei jedem Kolleg die Runde persönlich willkommen hieß. Nerdinger ist nicht nur Experte in Sachen Bauhaus, sondern war auch Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums in München. Über die Entstehung dieses Zentrums hatte Nerdinger bereits im Kolleg gesprochen. Das Thema Bauhaus liege ihm persönlich sehr nahe, verriet Kohler. „Ich wollte als Kind immer Schreiner werden.“

Der Mythos Bauhaus wird anlässlich des 100. Geburtstags aktuell in diversen Filmen beleuchtet. Nerdinger räumte in seinem Vortrag damit auf. Den Bauhaus-Stil, die Bauhaus-Architektur, überhaupt die Vorstellung einer einzigen Bauhaus-Idee gebe es schlichtweg nicht. Mindestens vier von der Ausrichtung her völlig verschiedene Abschnitte habe die 1919 in Weimar gegründete Reformschule unter den verschiedenen Direktoren erlebt. Geschlossen wurde das Staatliche Bauhaus 1932. 1925 war die Schule nach Dessau umgezogen.

Korbinians-Kolleg am Tegernsee: Professor Nerdinger spricht über das Bauhaus

Ausgangspunkt des Bauhauses, dessen Namen an die mittelalterlichen Bauhütten erinnern soll, war die Besinnung aufs Handwerk und die Idee, dass die Kunst dem Volk gehören solle. Später entstanden Möbel in geometrischen Formen, allesamt in Grundfarben gehalten. Geblieben ist unter anderem der Stahlrohrsessel. „Er entsprach genau der von Walter Gropius propagierten neuen Lebensform des beweglichen Menschen im Industriezeitalter“, meinte Nerdinger. Ein Mensch, der mit einem Reisekoffer eine kahle Wohnung mit Einbauschränken bezieht und ebenso schnell wieder auszieht. Das „spurlose Wohnen“, unabhängig von Ort und Geschichte, sei die eigentliche Absicht des Bauhauses. Damit habe man ein Gegenstück zum bisherigen bürgerlichen Wohnen und Leben zu schaffen wollen. Die „Plüschgelasse der Gründerzeit“ sollten der Vergangenheit angehören.

Die Bedeutung von Herkunft und Geschichte zu negieren, sei aus seiner Sicht ein Fehler, merkte Nerdinger in der späteren Diskussion an. Dort wunderte sich der Tegernseer Verleger Wolfram Weimer, dass das „seelenlose“ Design nicht stärker auf Kritik stoße. „Wann hört das auf?“, wollte er wissen.

Nerdinger bei Korbinians-Kolleg: Moderne Architektur will sich wieder mit der Tradition verbinden

Die moderne Architektur versuche wieder, sich mit der Tradition zu verbinden, entgegnete Nerdinger. Die ökonomischen Zwänge aber blieben. Am Bauhaus schätzt Nerdinger besonders die von Direktor Hannes Meyer vorangetriebene Gestaltungslehre, die ein Produktdesign für Millionen schaffen wollte, und dies zum günstigen Preis. „Von hier führt ein Weg zu Ikea“, machte Nerdinger deutlich. Die größte Wirkung des Bauhauses auf die moderne Lebenswelt zeige sich in der Ikea-Einrichtung, die sich weltweit verbreitet habe: „Das entspricht vielleicht nicht Gropius Bauhaus-Mythos, aber es ist mehr als eine andere Design-Schule je erreicht hat.“

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