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Ein Mensch namens Xaverl: Stephanie Bayarri Toledo mit einem Bild ihres Sohnes, seiner Mütze und seinem Teddy. Das Kinderzimmer hat sie nicht verändert.

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„Die Sehnsucht frisst einen auf“: Stephanie Bayarri Toledo hat ihr Kind verloren

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Stephanie Bayarri Toledo hat kurz nach der Geburt ihr Kind verloren. Seitdem kämpft sie dafür, Frieden zu finden. Denn die Kreutherin will wieder Mutter werden.

Landkreis – Stephanie Bayarri Toledo steht in der Stille des Kinderzimmers und zweifelt, ob sie zum Alltag zurück will. 14 Tage hat sie hier ihren Sohn Xaverl ins Bett gebracht. 14 Gute-Nacht-Küsse, 14 morgendliche Umarmungen. Sie hat Vater Daniel nachts mit Xaverl durchs Zimmer tanzen sehen. Beide haben gelacht, als Xaverl später leise schnarchte.

Jetzt ist Xaverl weg. Vater Daniel ist zurück auf der Arbeit. Verwandte, Freunde und Nachbarn haben Stephanie in Kreuth besucht und sind wieder gegangen. Sie hat gehofft, irgendwann einfach weiterzumachen. Aber als ihr die Stille des Kinderzimmers unter die Haut kriecht, merkt sie: „Ich kann es nicht.“

So wie Stephanie ergeht es jeder dritten Frau in Bayern. Sie verlieren ihr Kind während der Schwangerschaft oder kurz danach. Viele kämpfen mit den Folgen ein Leben lang.

Auch Stephanie kämpft. Die 31-jährige Kreutherin will Frieden finden. Sie will wieder Mutter werden. Sie will Xaverl im Herzen behalten, aber das Trauma überwinden. Ohne zu zerbrechen, ohne hart zu werden. „Ich bin froh über die Tage mit Xaverl“, sagt sie. „Aber die Sehnsucht nach dem eigenen Kind frisst einen auf.“

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Der erste Schritt ist es, Worte zu finden

Der Kampf beginnt an diesem Tag im stillen Kinderzimmer. Bis zu diesem Moment hatte Stephanie seit dem Tod Xaverls kaum gegessen. Sie hat den Haushalt liegen gelassen, selten geduscht, die Haare nicht gekämmt. Doch an diesem Tag setzt sie sich an den Rechner und schreibt eine E-Mail, um nach Hilfe zu fragen. Sie schreibt, dass Xaverl gesund wirkte. Wie glücklich sie war, als er bei Daniel auf dem Bauch schlief. Und wie er beim Stillen mit blauen Augen zu ihr hoch blinzelte. Und sie beschreibt den 14. Tag im Kinderzimmer. An diesem 14. Tag trinkt Xaverl nicht mehr. Er ist träge. Stephanie und Daniel wickeln ihn, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Es hilft nichts. Xaverls Arm läuft blau an, dann der Kopf. Xaverl hört auf zu atmen.

Stephanies Schwester Julia eilt herbei. Sie hat eine Ausbildung in Erster Hilfe, belebt Xaverl wieder. Auch die Feuerwehr kommt, der Rettungswagen und der Hubschrauber. Er fliegt Xaverl in die Klinik nach Schwabing. Stephanie und Daniel fahren mit dem Kriseninterventionsteam hinterher. In der Klinik sagt ihnen die Schwester, dass Xaverl gestorben ist. „Und dann weißt du nicht, wie es weitergehen soll.“

Stephanie schreibt all das in die E-Mail. Sie weint. „Eine Befreiung“ ist das Schreiben dennoch. Sie findet Worte. Sie verarbeitet. Die Mail schickt sie an Bianca Steinbauer. Die 40-jährige Heilpädagogin und Eltern-Baby-Therapeutin leitet die Bethanien Sternenkinder Miesbach-Otterfing zusammen mit Katharina Eham. Zwei Räume im Miesbacher Wohngebiet, mit Sitzgruppe, Therapie-Büchern und Kinder-Spielzeug. Im Nebenraum Kuschelkissen und Sitzmatratzen. Steinbauer lädt die Eltern ein. „Sie hat Daniel und mir geholfen, mit uns ins Reine zu kommen“, sagt die Mutter. „Uns wieder zu achten und zu lieben.“

Ein Beispiel: Stephanie fängt nach zwei Monaten wieder an zu arbeiten. „Ich wollte auf andere Gedanken kommen.“ Doch nach einigen Tagen läuft im Büro alles wie früher. Stephanie ist wütend. „Es war, als hätte es Xaverl nie gegeben.“ Eham rät ihr, ein Bild des Sohnes auf den Schreibtisch zu stellen. Das zeigt: Xaverl gab es. Er ist nicht vergessen. „Ich musste lernen, das den Kollegen zuzumuten“, sagt Stephanie. Aber sie tut es. Nun halten die Kollegen inne, wenn sie Xaverl sehen. Sie lächeln. „Das tut einfach gut.“

Eine gute Mutter sein – auch für ein totes Kind

Andere Probleme sind komplizierter. „Auch Mütter und Väter von Sternenkindern wollen gute Eltern sein“, sagt Steinbauer. „Sie wollen für ihre Kinder da sein, sich kümmern, ihnen Liebe schenken.“ Weil sie das durch deren frühen Tod nicht können, entstehen Schuldgefühle. Steinbauer hilft, diese zu vermeiden. Sie erklärt Eltern, dass alle Babys Anspruch auf einen Platz auf dem Friedhof haben – egal in welcher Schwangerschaftswoche sie gestorben sind. Sie rät Eltern dazu, die Bestattung ihres Kinder mitzugestalten.

Dadurch können die Eltern Eltern sein. Das schafft Erinnerungen, die den Verlust verarbeiten helfen. „Nur was ich kennenlerne, von dem kann ich mich verabschieden.“ Wenn Begrüßen und verabschieden zeitlich eng zusammenliegen, ist das schwer. „Auch Eltern eines Sternenkindes sollen sagen können: ,Wir sind eine gute Mama und ein guter Papa.‘“

Für dieses Gefühl kämpfen auch Stephanie und ihr Mann Daniel. Als sie Xaverl beerdigen, ist die Kreuther Kirche voll. Freunde und Familie sind da, Nachbarn, Bekannte und Feuerwehrler. „Es ist schön, dass Xaverl so vielen Menschen so viel bedeutet hat“, sagt Stephanie. Vater Daniel trägt mit Freunden und Verwandten Xaverls Sarg zum Grab. „Er hat gesagt: ,Das ist mein Sohn, also trage ich ihn auch‘“, sagt Stephanie. „In dem Moment haben selbst die Männer geweint.“

Das einzige Gegenmittel: sich gegenseitig stützen

Acht Monate ist das her. „Der erste Schmerz ist vergangen“, sagt Stephanie heute. „Geblieben ist die Leere.“

Gegen die Leere kämpft Stephanie heute in der Gruppe für Sternenkindmütter. Es ist ein Donnerstag im Raum der Sternenkinder in Miesbach. Stephanie sitzt auf einer Matratze und umklammert ein Kissen. Links neben ihr sitzen drei Mütter, die ihr Schicksal teilen. Rechts sitzen vier. Vorne im Raum sitzt Steinbauer. In der Mitte brennen acht Kerzen – eine für jedes Kind. Dazwischen stellt Steinbauer sechs Schalen mit Symbolen. Mit ihnen sollen die Mütter Fragen beantworten: „Wo muss ich mehr auf mich achten?“ Und: „Was ist gerade besonders gut in meinem Leben?“

Stephanie braucht nur ein Symbol. Sie steht auf und nimmt ein Herz. „Für meine Liebe zu Daniel“, sagt sie. Er ist ihr Fels. Er ging mit ihr zu den ersten Terminen bei den Sternenkindern. Er hört ihr zu, ist immer für sie da. Aber auch Daniel trauert. „Wir stützen uns gegenseitig“, sagt Stephanie. „Dadurch ist unsere Beziehung noch stärker geworden.“ Sie wischt eine Träne weg und lächelt.

Leser helfen Lesern: So spenden Sie für Stephanie und die Sternenmütter

Begünstigte 

Von der Aktion „Leser helfen Lesern“ der Heimatzeitung profitieren diesmal vier Organisationen. Der BRK-Kreisverband will bedürftigen Senioren den Hausnotruf kostenlos zur Verfügung stellen. Der Verein Bethanien Sternenkinder Miesbach-Otterfing möchte Eltern, die ihr Kind vor oder kurz nach der Geburt verloren haben, weiter kostenlos betreuen sowie Therapie-Materialien kaufen. Die Diakonie Tegernseer Tal will ein Auto kaufen und rollstuhlgerecht umbauen, um gehbehinderte Senioren in ihre Tagespflege bringen zu können. Der Förderverein Ersthelfer vor Ort Bayrischzell/Fischbachau will ein neues Einsatzfahrzeug ausrüsten.

Spendenkonto 13 300 

Spenden können auf das Konto 13 300 bei der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee (BLZ 711 525 70), IBAN DE04 7115 2570 0000 0133 00, eingezahlt werden – persönlich oder per Überweisung. Spendenquittungen Der Durchschlag der Überweisung wird bis zu einem Betrag von 200 Euro vom Finanzamt als Zuwendungsbestätigung anerkannt. Für Spenden über 200 Euro stellt das Landratsamt die Spendenquittung aus. Um unnötige Rückfragen zu vermeiden, werden die Spender gebeten, die vollständige Anschrift auf der Überweisung anzugeben.

Namensnennung 

Wer „Leser helfen Lesern“ mit mindestens fünf Euro unterstützt, wird als Spender in der Zeitung genannt. Wer ungenannt bleiben möchte, möge dies einfach auf dem Überweisungsträgers vermerken.

Alle Geschichten zu unserer Spendenaktion Leser helfen Lesern 2019 finden Sie auf unserer Themenseite.

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