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Die "Zeitkapsel": Der Psallierchor ist mit Fresken und Büchern geschmückt. Letztere sind zur Zeit eingelagert.

Kirche ist Psallierchor zu teuer

Kreissparkasse bleibt auf Fehlkauf sitzen

Tegernsee - Die Kreissparkasse Miesbach erwarb 2010 den Psallierchor der Tegernseer Kirche. Ein Fehlkauf. Jetzt hat die Kirche Interesse – nur der Preis ist ihr zu hoch.

Was ist eigentlich wo? In dem Komplex findet sich neben Kirche und Psallierchor unter anderem auch das Gymnasium Tegernsee. Unsere Grafik zeigt, wie das Gebäude aufgeteilt ist (vergrößern).

Damals, im Oktober 2010, bejubelten Geschichtskundige „die Öffnung der Zeitkapsel“. Kulturfreund Georg Bromme, zu dieser Zeit Vorstandschef der Kreissparkasse, hatte nach langen Verhandlungen mit Herzog Max in Bayern ein immerwährendes Nutzungsrecht für dessen Bibliothek erworben, also ein Nutzungsrecht, dessen Ende – wie es der Bayerischen Notarverein ausdrückt – „ungewiss“ ist.

Wie viel dieses Recht und die 11.600 Bücher der Bibliothek kosteten, darüber schweigt sich die Kreissparkasse aus. Klar ist nur: Sie schätzt den Psallierchor heute als Fehlkauf ein und will ihn an die Kirche abtreten – für einen Preis zwischen einer und 1,5 Millionen Euro.

Dabei hat der 150 Quadratmeter große, mit Fresken und Stuck geschmückte Psallierchor zu St. Quirinius eine besondere Geschichte. 1429 erbaut, gehörte er einst zur Tegernseer Klosterkirche. Hier, im hinter dem Altar gelegenen Raum, sangen Benediktinermönche ihre Psalmen. 1825 ließ Bayerns erster König Max I. Joseph den Chor mit einer Bretterwand abtrennen. Der König wollte einen Gang zwischen der neuen Hofküche und seinem Speisesaal schaffen. Ein Abkürzer, damit die königlichen Mahlzeiten auf dem Weg zum Tisch nicht erkalteten.

Und auch der Kulturförderer Bromme hatte viele Pläne mit dem Raum, der derzeit nur vom Gymnasium aus zugänglich ist. Kleine, feine Konzerte sollten dort stattfinden. Zudem war ein multimediales Konzept in Planung. Die Gymnasiasten sollten an wissenschaftliches Arbeiten mit dem historischen Buchbestand herangeführt werden und – von den herrlichen Fresken inspiriert – perspektivisches Zeichnen üben.

Der damalige Vorstandschef der Kreissparkasse wollte sich wohl selbst ein Denkmal setzen

Doch alle Ideen verpufften, bis heute wurde der Raum nie genutzt, sondern nur bei seltenen Führungen gezeigt. Bromme, der dem Landkreis mit dem historischen Chor ein Präsent machen und sich wohl auch selbst ein Denkmal setzen wollte, verlor das Interesse. Wohl vor allem angesichts der Probleme, die sich bei näherer Betrachtung auftaten. Der Psallierchor, sagt Kirchenhistoriker Roland Götz, sei schon wegen seiner Veränderungsgeschichte ein Kleinod. „Aber der Gebrauchswert dürfte gegen null gehen.“ Es gibt kein Licht, keinen Strom, keine Heizung. Vor allem fehlt ein zweiter Fluchtweg, ohne den keine Veranstaltung stattfinden darf. Auch das Interesse der Wissenschaft an den Büchern, die teils ungeschnitten sind, ist sehr gering. Die Kreissparkasse hat sie inzwischen aus dem Raum entfernt und eingelagert. Die drei Fresken von Hans-Georg Asam sind stark sanierungsbedürftig, ebenso der italienische Stuck. „Da muss man viel in die Renovierung investieren“, sagt Götz. Kurz: Die Kreissparkasse will den Chorraum loswerden – so schnell wie möglich.

Schon vor über einem Jahr erklärte Brommes Nachfolger Martin Mihalovits: „Die einzige Organisation, die mit dem Psallierchor etwas anfangen kann, ist die Kirche.“ Die Verhandlungen mit dem Ordinariat kommen allerdings nicht voran. Das liegt zum einen daran, dass die Schaffung eines zweiten Fluchtwegs bislang nicht möglich war: Das Landesamt für Denkmalpflege hat Bedenken. Zum anderen stehen die Preisvorstellungen der Kreissparkasse einem positiven Abschluss im Wege, wie Bernhard Kellner, Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats, deutlich macht. Die verlangte Summe sei viel zu hoch, sagt er. Die Kirche sei gehalten, mit den ihr anvertrauten Mitteln sorgsam umzugehen. „Wir müssen ja garantieren, dass die Verkündigung auch in Zukunft gesichert ist“, meint Kellner.

Die Regierung prüft derzeit das Sponsoring-Verhalten der Kreissparkasse

Grundsätzlich sei das Interesse der Kirche am Kauf aber sehr hoch. „Wir haben ein wunderbares Nutzungskonzept.“ Erstellt hat es der Tegernseer Pfarrer, Monsignore Walter Waldschütz. Er will den historischen Chor fürs Gymnasium nutzen, aber auch für kleine Gottesdienste, Stundengebete und Besinnungstage. „Da gibt es sehr schöne Möglichkeiten“, sagt Waldschütz.

Er hofft, dass der Psallierchor bald in den Schoß der Kirche zurückkehrt. Sogar der emeritierte Papst Benedikt XVI. wünsche sich das – heißt es. Die Kreissparkasse selbst äußert sich aktuell nicht mehr zum Chorraum. Einerseits, weil die Regierung von Oberbayern derzeit des Sponsoringverhalten des Hauses prüft. Zum anderen wegen der Verhandlungen mit dem Ordinariat, wie Sprecher Peter Friedrich Sieben erklärt.

Auch Fotos vom Innenraum des Psallierchors lässt die Sparkasse nicht mehr zu. „Da sieht es jetzt nicht schön aus“, sagt Sieben. Die Regale sind weg, ein Anstrich wäre nötig. Ein trauriger Anblick, wie Götz findet, auch wenn er es in positiven Worten ausdrückt: „Das hat halt noch den Charme des Verlassenen.“

Von Christina Jachert-Maier

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