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Immer schön gleiten: Münchner Tourengeher können jetzt auch nachts den Hirschberg erobern. Ein Bus bringt sie hin. Naturschützer sind nicht begeistert.

Aufregung um neuen Freizeittrend 

Reportage: Mit dem Bus zur Nacht-Skitour am Hirschberg

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Stirnlampe an und los: Skitouren bei Nacht werden immer beliebter. Jetzt gibt es sogar einen Bus, der Sportler aus München abends für ein paar Stunden in die Berge kutschiert. Naturschützer schlagen Alarm.

Kreuth – Miriam Philp, 27, hat Angst im Dunkeln. Nachts geht sie nie im Wald spazieren, und beim Schlafen lässt sie die Jalousien immer einen Spalt offen. „Das hier heute“, sagt die Münchnerin und drückt die Skischuhe in die Bindung, „ist eine Mutprobe.“ Sie liebt Skifahren, aber nicht bei Nacht. Zumindest dachte sie das bis heute.

Miriam Philp steht am Auslauf der Hirschberg-Abfahrt südlich vom Tegernsee. Sie ist mit dem Bus gekommen. Ein ganz neues Angebot, das Münchner immer donnerstags in einer guten Stunde vom Zentralen Omnibusbahnhof an der Hackerbrücke herbringt. Für die Münchner ist es ein Feierabend-Abenteuer für 15 Euro, für Naturschützer der nächste Schritt im Rund-um-die-Uhr-Tourismus-Wahnsinn. Die Berge werden schon länger auch nachts erobert, die Ruhepausen für die Natur werden immer kürzer. Jetzt kommen die Städter auch noch busseweise.

Eine Stunde dösen im Bus – dann wird es anstrengend

Der Auftakt: Direkt am Hirschberg lädt der Busfahrer die Skier und Stecken seiner Fahrgäste aus.

18 Uhr, Hackerbrücke. Hier fahren gleich zwei Busse nach Zagreb und Meran ab. Und auch der zum Hirschberg. Miriam Philp steht mit 20 anderen Skiabenteurern an der Haltestelle. Sie sind alle recht jung, unter 30. Die meisten haben über Facebook von dem Angebot erfahren, das es laut Veranstalter so in Deutschland noch nie gegeben hat. Die Sportler kennen sich nicht, aber es gibt viel zu reden: über das Equipment, Wurstsemmeln und Energieriegel. Über den Mittleren Ring und die A 8 geht’s nach Süden zum Hirschberg. Eine Stunde dösen im Bus – dann wird es anstrengend. Und gerade darauf freuen sich alle.
 
Vor 50 Jahren war es selbstverständlich, vor der Abfahrt zu Fuß auf den Gipfel zu marschieren. Dann kamen die bequemen Bergbahnen und beheizten Sechser-Sessellifte. Doch plötzlich ist es wieder modern, sich zu quälen. Der Deutsche Alpenverein schätzt, dass sich die Zahl der Tourengeher in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat – auf 500 000 Aktive. Aus einer ambitionierten, kleinen Szene ist Breitensport geworden. Längst nicht allen reicht es, mal am Wochenende auf den Berg zu gehen. Statt nach Feierabend im Fitnessstudio zu schwitzen, schnallen sie sich die Tourenski an.

Miriam Philp schiebt sich die ersten Meter hinauf. Hinter ihr liegt das Liftstüberl zum Einkehren nach der Tour, vor ihr der Hang und der dunkle Wald. Beim Aufstieg in der nächsten Stunde macht nur die Stirnlampe ein bisserl Licht. Dazu knirschender Schnee, der eigene Atem und das Gleiten der Felle. Und, nun ja, das Schnaufen von 20 anderen Tourengehern, denn es hat sich eine große Gruppe gebildet. Die Stimmung ist gut, es wird gequatscht und gelacht.

Das ist es, was Naturschützer fürchten: eine Eventisierung des Tourengehens. Am Taubenstein beim Spitzingsee und am Sudelfeld ist schon seit Jahren viel los. Im Skigebiet Garmisch-Classic musste sogar ein Kompromiss über Aufstiegszeiten und Routen ausgehandelt werden. Auch am Hirschberg gibt es das Nachtskifahren schon seit einigen Jahren. Aber bis der Münchner Bus kam, war es ein Geheimtipp für Einheimische. Marco Müller, Gebietsbetreuer im Mangfallgebirge, ist mit der Ausbreitung des nächtlichen Skitourismus nicht glücklich. „Vor allem, weil im Winter die Störwirkung für die Tiere noch viel größer ist als im Sommer.“

Für Schneehühner zum Beispiel ist in der Kälte jede Form von Aufregung eine lebensgefährliche Energieverschwendung. Sie sitzen im Latschengelände in kleinen Höhlen unter der Schneedecke, erklärt Thomas Bucher vom Alpenverein. „Wenn man da mit Tourenski drüber geht, ist das wie eine Tretmine.“ Vorne an der Skispitze platzt ein Loch im Boden auf und das Schneehuhn schießt heraus. „Da kriegt man selbst fast einen Herzinfarkt.“ Um solche Situationen zu vermeiden, hat der Alpenverein im Projekt „Skitouren umweltfreundlich“ etwa 500 Skitouren kartiert, Wald-Wild-Schongebiete ausgewiesen und Warnschilder aufgestellt.

Auf dem Berg wollen die Münchner vom Alltag abschalten

Den Interessenskonflikt zwischen Mensch und Natur gibt es besonders im freien Gelände, wenn es keine Spuren gibt. Am Hirschberg steigen die Sportler am Waldrand und an der Piste auf. Die Raupen für die Pistenpräparierung bleiben dafür extra in der Garage. Zudem dürfen die Teilnehmer nicht bis zum Gipfel marschieren, sondern müssen spätestens bei den Rauheckalmen nach 700 Höhenmetern umdrehen. So sollen die Schneehühner, Gamsen und Hirsche geschützt werden. Und es gibt kein grelles Flutlicht. Nur die Stirnlampen tanzen wie Glühwürmchen durch die Nacht.

Trotzdem rumort es am Tegernsee. Die einen schimpfen, dass die Münchner jetzt auch noch nachts die Natur kaputt machen und die Rehe aufscheuchen, die bei Anbruch der Dunkelheit zum Fressen auf die freien Flächen kommen. Die anderen freuen sich über eine naturnahe, optimale Ausnutzung der wenigen guten Schneetage, die es in der Region noch gibt.

Auf Tour: Skilehrer Albert Meier (re.), Autor Sebastian Dorn.

Es ist ein Schmarrn, dass der eine Nacht-Skibus die ganze Natur durcheinanderwirbelt, sagt Skilehrer Albert Meier, 52. Im Gegenteil: Man vermittle Bewusstsein für die Natur. „Was ist denn die Alternative?“, fragt er. „Die Leut’ kommen doch trotzdem. Jetzt sind sie beinander und fahren nicht irgendwo rum.“ Albert Meier begleitet die Münchner Feierabendsportler, von denen viele Anfänger sind. „Nicht zu schnell gehen“, ruft er am Anfang immer wieder. Nach 200 Höhenmetern wird es dann auf der Piste eh ganz schön steil.
 
Warum rennen blutige Anfänger nachts plötzlich die Berge hinauf? Das war doch früher nicht so. Aus psychologischer Sicht hat sich nichts verändert, sagt Sportpsychologe Jürgen Beckmann von der Technischen Universität München. Nur das Angebot ist besser geworden, die Beleuchtung, die Pistenlängen. Seine Formel: Super Bedingungen mal einfache Anreise ergibt hohe Motivation.

Die schwindet, je weiter es nach oben geht. Auf einem Plateau nach 400 Höhenmetern, kurz bevor der Schlepplift an der Gründ-Hütte endet und weit unter der Tourengrenze an den Rauheckalmen, ruft Albert Meier die Gruppe zusammen. „I glaub’, des langt. Fahr ma obi.“

Eine Stunde geht‘s hoch. Zehn Minuten runter

Der Ausklang: Im Skistüberl gibt’s nach der Abfahrt das ein oder andere Weißbier. Autofahren muss ja keiner mehr.

Miriam Philp schnauft durch, wischt sich den Schweiß von der Stirn und öffnet ihre Bindung. Die Atmosphäre nachts sei ganz anders als beim Skifahren am Wochenende. Da sind am Hirschberg viele Kinder unterwegs. Und jetzt: kein Trubel, keine Hektik. „Es ist viel leiser. Man fühlt sich mit der Natur verbunden.“ Eine andere Tourengeherin, Lisa Karl, 28, genießt das Auspowern beim Anstieg. Abschalten, den Alltag vergessen. Unter der Woche geht sie joggen und macht Yoga, am Wochenende geht’s auf den Berg. Und jetzt auch werktags. Bisher musste sie dafür immer mit dem Auto fahren.
 
Der Aufstieg hat eine gute Stunde gedauert, das gemütliche Runterwedeln über die präparierte Piste ist nach zehn Minuten vorbei. Im Stüberl warten das Weißbier für drei Euro und der Reiberdatschi für 3,50 Euro. Und der Bus, der um 22.15 Uhr zurückfährt. „Schaut’s a mal, da links der Tegernsee, so schee“, säuselt der Busfahrer ins Mikrofon. So, wie es sich in einem Touristenbus gehört.

dor

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