Bauwut in Rottach-Egern: „So können wir nicht weitermachen“
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Der Blick auf Rottach-Egern zeigt es: Im Ort gibt es noch viele freie Flächen und große Grundstücke, die nur locker bebaut sind.
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Bisher noch üppiges Grün: Dieses Grundstück an der Werinherstraße soll bebaut werden.
Bauwut in Rottach-Egern: „So können wir nicht weitermachen“
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Das Gästehaus Pfatischer soll durch Wohnhäuser ersetzt werden.

Die Luxus-Gemeinde am Tegernsee hat ein Problem

Bauwut in Rottach-Egern: „So können wir nicht weitermachen“

Rottach-Egern – Villen werden durch Mehrfamilienhäuser ersetzt, großzügige Grundstücke bis zur Grenze des Möglichen bebaut. Der Ort verändert sein Gesicht. Was die Rottacher jetzt wissen müssen.

Die jüngste Sitzung des Ortsplanungsausschusses hatte es in sich: 20 Punkte standen auf der Tagesordnung, mehrere Stunden wurde debattiert. Dabei spiegelte die letzte Sitzung des Jahres deutlich wider, was der Gemeinde Rottach-Egern immer mehr Sorgen macht: 

Es sind die Anträge zum Abbruch einzelner Villen, an deren Stelle Mehrfamilienhäuser gebaut werden sollen. Weil Rottach-Egern per Satzung mehr Stellplätze als sonst üblich fordert, sind meist aufgrund von oberirdischem Platzmangel auch Tiefgaragen geplant, um die Autos unterzubringen. Die Tiefgaragen verdrängen aber das Grundwasser, was wiederum zu Problemen bei den Nachbarn führen könnte.

Nicht nur Florian Baier (CSU) wird das allmählich zu viel: „So können wir nicht weitermachen“, sagte er in der Sitzung, als es um einen Vorbescheidsantrag der Tegernseer Grund Immobilien GmbH am Kalkofen 1 ging. Fraktionskollege Josef Kaiser brachte es auf den Punkt:

 „Wir haben langsam ein Problem, weil sich unser Ortsbild radikal verändert.“ Es gehe nur noch um „reine Gewinn-Maximierung“. Die Gemeinde müsse doch die Möglichkeit haben, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, merkte Kaiser kopfschüttelnd an. Im konkreten Fall wurde der Antrag abgelehnt. 6,60 Meter Wandhöhe sei zu viel. Wenn die Wandhöhe nur 6,30 Meter betragen würde, hätte der Antrag wohl Erfolg. Mehr sei rechtlich nicht drin.

Fall Werinherstraße

Hier wird das ganze Ausmaß des Dilemmas deutlich: An der Werinherstraße 2, fast direkt am See und damit mit Maximalgewinn-Garantie, will die W2 Verwaltungs GmbH zwei Einfamilienhäuser und zwei Mehrfamilienhäuser mit Tiefgaragen bauen. Ein Teil wurde bereits befürwortet, doch am liebsten würde man die Entscheidung rückgängig machen. „Das werden ja Kasernen am See, das ist der Wahnsinn“, fand selbst Andreas Erlacher (FWG), der als Architekt arbeitet, immer wieder in prestigeträchtige Projekte involviert ist und daher oft nicht mitstimmen darf. Beispielsweise hat Erlacher die Villa von Manuel Neuer am Leeberg geplant und die Bauleitung durchgeführt. 

Erlacher schlug vor, zunächst eine Veränderungssperre über das Grundstück zu verhängen und dann einen Bebauungsplan zu erarbeiten. Damit könne man die städtebauliche Entwicklung steuern. Allerdings müssen sich die Vorgaben an den bestehenden Gebäudegrößen orientieren (siehe unten: Was die Gemeinde tun kann). „Wir können also nicht willkürlich sagen, dass wir das nicht wollen“, erklärte Erlacher. „Dieses Vorgehen macht Sinn“, fand Vize-Bürgermeister Josef Lang (CSU), der gerade Rathauschef Christian Köck vertritt. Gleiches Spiel auf dem Nachbargrundstück, wo drei Wohnhäuser mit Tiefgaragen entstehen sollen. Bei der Sitzung am heutigen Dienstag, wird sich der Gemeinderat erneut mit dem Thema Werinherstraße befassen.

Fall Pfatischer

Das traditionsreiche, seit drei Generationen geführte Gästehaus Pfatischer mit 30 Betten an der Ludwig-Thoma-Straße soll einem Wohnkomplex mit drei Häusern und Tiefgarage zum Opfer fallen. 19 Wohneinheiten sind geplant. Schon mehrmals war der Bauwunsch Thema, es gilt bereits eine Veränderungssperre. Inzwischen hat sich gezeigt, dass eine Wohnbebauung grundsätzlich möglich und der vordere, an der Ludwig-Thoma-Straße liegende Bau sogar niedriger wäre als das bestehende Gästehaus. Doch fügen sich die Neubauten in die Gegend auch ein? Diese Frage soll bei einer Ortsbesichtigung geklärt werden. Roswitha und Bernd Pfatischer müssen sich also gedulden, bis sie Klarheit haben, wie es mit ihrem Anwesen weitergeht. Wieder war es Erlacher, der forderte: „Wir sollten die Spirale nicht weiter nach oben drehen.“

Fall Hubert

Peter Hubert ist nicht nur Bräustüberlwirt in Tegernsee, er hat auch eine Immobilien GmbH. Die will an der Hag-rainer Straße ein Haus abreißen und durch ein Einfamilienhaus mit Nebengebäude und Tiefgarage ersetzen. Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: Die in der Gestaltungssatzung verankerten sechs Meter Abstandsfläche zum Nachbarn sind nicht eingehalten. Ein Flachdach über dem Eingangsgebäude entspricht ebenso wenig den Gestaltungsvorgaben der Gemeinde wie eine Firstbelichtung. Dem Bauherrn wurde einstimmig empfohlen, sich mit der Gestaltungsfibel im Ort vertraut zu machen und eine neue Planung vorzulegen. „Denn so“, meinte Lang, „trifft das nicht unseren Geschmack.“

Gestaltungssatzung, Bebauungspläne: Wie die Gemeinde überhaupt noch eingreifen kann

Ist der Zug für Rottach-Egern abgefahren, was eine gemäßigte Bebauung betrifft? 

„Keinesfalls“, beteuert Vize-Bürgermeister Josef Lang (CSU). Die Gemeinde könne durch ihre Gestaltungssatzung und durch Bebauungspläne sicherlich eingreifen. „Aber auch da richten sich etwa Maß und Größe der Gebäude immer auch nach der Umgebung.“ Das heißt: Ein größeres Gebäude in der Umgebung gilt als Bezugs- und Vergleichspunkt für neue Bebauung.  Im Klartext: Wurde einmal ein großes Haus zugelassen, sind weitere große Häuser möglich. 

Doch wie weit reicht die Umgebung? 

Wo wird die Linie gezogen? Diese Frage ist strittig und wurde in einem Fall an der Karl-Theodor-Straße heuer sogar vor Gericht ausgefochten. Am Ende bekam die Gemeinde mit ihrer Ziehung der Grenze recht. 

Hat die Gemeinde in der Vergangenheit Fehler gemacht? 

Seit Ende der 80er-Jahre sei kein neues Bauland mehr ausgewiesen worden, weiß Lang. Es sei inzwischen politischer Wille, den Innenraum zu verdichten. Gerade das passiert derzeit überall. „In der 1960er-Jahren hat man noch anders gedacht. Da war eine Villa in einem großen Grundstück gefragt“, so Lang.“ Heute ist es doch so, dass Enkel der Hausbesitzer oft nicht im Tal leben.“ Und denen gehe es darum, soviel wie möglich aus einem Grundstück herauszuholen. Bei älteren Hausbesitzern hätten sich zudem die Ansprüche verändert. „Viele verkaufen ihr Haus und wollen lieber in einer Wohnanlage leben“, glaubt Lang. Dies gelte überhaupt für viele Interessenten für Immobilien. 

Was ist mit Einheimischenprogrammen? 

„Das haben wir grundsätzlich im Hinterkopf“, so Lang. Er versichert: „Wir werden uns bemühen, alles in einem erträglichen Rahmen zu halten.“ Er sei zuversichtlich, dass dies auch gelinge. Schließlich sei es wichtig, „dass Rottach-Egern begehrenswert bleibt“.

gr

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