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Eine innige Beziehung: Christine Krumm (64) mit ihrem Sohn Alexander (28).

Schlimmer Schicksalsschlag vor 28 Jahren

Rottacherin kämpft wie eine Löwin - und wird jetzt geehrt

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Rottach-Egern - Alexander Krumm hat keine Kontrolle über seinen Körper. Seine Mutter kämpft täglich um ein Stück Normalität für sich und ihren Sohn. Ein einfaches Motto gibt ihr Kraft.

Wenn er etwas greifen will, zuckt seine Hand zurück. Er kann nicht sprechen, muss gefüttert werden, ist vollkommen unselbstständig. So lebt Alexander Krumm seit fast 30 Jahren. Er kennt es nicht anders. Als Säugling litt er unter einer Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns. Sie zerstörte Alexanders Gehirnstämme. Alexander ist geistig fit, aber seine Arme, seine Beine, sein Mund, sie alle tun nie das, was er will. 

Alexander ist Spastiker. Deshalb pflegt Christine Krumm, 64, schlank, drahtig, ihren Sohn schon sein ganzes Leben lang. Und das zu Hause in Rottach. Nicht in einem Pflegeheim. Dabei empfindet sie mehr Glück, sagt sie, als Eltern gesunder Kinder. Krumm lächelt tatsächlich viel, wenn sie von ihrem Sohn erzählt. Immer war das nicht so. 

"Wie ein Aufzug nach unten, der nicht mehr anhält."

Nach Alexanders Krankheit als Säugling war der Mutter schnell klar: Irgendwas stimmt nicht. Die Ärzte kamen ein Jahr später darauf. „Dann haben sie’s mir um die Ohren gehauen.“ Ihr Kind würde nie wieder gesund werden, sein ganzes Leben lang 24 Stunden am Tag auf Betreuung angewiesen sein. Die Gelenke würden versteifen, er würde immer schlimmere Schmerzen haben, umso älter er werde. Es gibt keinen härteren Schlag für eine Mutter. „Das fühlt sich an wie ein Aufzug, der nach unten fährt und nicht mehr anhält.“ 

"Selbstmitleid bringt einen nicht weiter."

In einer solchen Situation gibt es zwei Möglichkeiten, sagt Christine Krumm: „Entweder du fragst dein Leben lang nach dem Warum. Oder du gehst nach draußen.“ Krumm ging nach draußen, buchte Therapien in ganz Osteuropa, weil die Menschen sich dort damals noch nicht so auf Maschinen verlassen hatten, sagt sie, reiste, kämpfte, suchte. Ihr Motto: „Selbstmitleid bringt einen nicht weiter.“ 

"Alexander hält mich fit."

Hilferuf vor 26 Jahren in der Tegernseer Zeitung.

Die Hoffnung auf Heilung hat Krumm aufgegeben. Die Entzündung hat Teile von Alexanders Gehirnstamm unwiederbringlich zerstört. Aber ihr ursprüngliches Ziel erreicht sie jeden Tag aufs Neue: Ihrem Sohn soviel Lebensqualität – so viel Normalität – zu verschaffen wie irgend möglich. Christine Krumm wirkt wie eine Frau, die genau weiß, was sie vom Leben will. Und wie sie das erreicht. Taff, könnte man auch sagen. Sie hilft ihrem Sohn täglich, zu leben. Und er hilft ihr glücklich zu sein. In vielen kleinen Momenten, die Krumm daran erinnern, warum sie sich das alles antut. Zum Beispiel, wenn sie ihn lachen hört, während er alleine im Zimmer Musik hört. Und ihr Sohn hält sie auf Trab. Tag ein, Tag aus. „Alexander hält mich fit. Körperlich wie geistig.“ 

Die Diagnose der Ärzte hat sich übrigens nicht bewahrheitet. Alexander hat keine Schmerzen, da ist sich seine Mutter sicher. Er ist wesentlich beweglicher als andere Spastiker, kann sich entspannen, seinen Körper bewusst erschlaffen lassen, das bekommen wenige hin. Der Lohn für Jahre der Therapie und und täglicher Arbeit. 

"Schau da nicht hin." - genau das ist der falsche Satz

Verstecken war dagegen nie Krumms Ding. Auch in ihrer Heimatgemeinde Rottach-Egern geht Christine Krumm raus. Wenn es das Wetter erlaubt, packt sie ihren Sohn in den Rollstuhl und schiebt ihn durch Rottach. Manche reagieren erschrocken auf den 28-jährigen Mann, der mal zuckend, mal bewegungslos in seinem Rollstuhl sitzt und lächelt. Eltern sagen zu ihren Kindern: „Schau da nicht hin.“ Das ist der erste falsche Satz, weiß Krumm. So bringt man Kindern keinen normalen Umgang bei. Die meisten Rottacher kennen Krumm aber sowieso, haben Alexander aufwachsen sehen – und viele haben ihn begleitet. 

Vor 26 Jahren startete Krumm einen Aufruf in unserer Zeitung, suchte Helfer, die sie mal ablösten von ihrem immerwährenden 24-Stunden-Job. Die Helfer kamen, aus Helfer wurden Freunde. Noch heute treffen sie sich regelmäßig bei einem Stammtisch. Inzwischen stellen sie Alexander ihren Enkeln vor. An sie wird Christine Krumm wohl am meisten denken, wenn sie am Freitagnachmittag das Bundesverdienstkreuz am Bande von der bayerischen Sozialministerin Emilia Müller überreicht bekommt. An ihre Freunde und an ihren Sohn, der ihr jeden Tag aufs Neue ein Stück Glück beschert.

kmm

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