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Mundschutz statt Dirndl: Susanne Wiesner und ihre Mitarbeiterinnen fertigen jetzt Schutzmasken – für den Krisenstab und andere für den Hausgebrauch.

Akkordarbeit für den Katastrophenschutz 

Rottacher Trachtenschneiderei macht jetzt Mundschutz statt Dirndl

  • Alexandra Korimorth
    vonAlexandra Korimorth
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Schutzmasken sind Mangelware. Die Trachtenschneiderei Wiesner in Rottach-Egern schneidert jetzt im Akkord Mund-Nasen-Schutz - für den Krisenstab und Privatpersonen.

Rottach-Egern – Bis vor zwei Wochen entstanden im Voitlhof in Rottach-Egern Hüte, Trachtenhemden und Dirndl. Aktuell geht es in der sonst so beschaulichen Hutmacherei und Trachtenschneiderei Wiesner zu wie in einer Industrieschneiderei mit Logistikzentrum: Sie zählt zu den professionellen Schneidereien, die für den Katastrophenschutz im Landkreis Miesbach Mund-Nasen-Schutzmasken herstellen – im Akkord.

„Als wir erfahren haben, dass es in der Corona-Krise einen erhöhten Bedarf an Schutzmasken gibt, und weil wir aktiv helfen wollten, haben wir uns am Landratsamt gemeldet und signalisiert, dass unser Betrieb Kapazitäten frei hat“, erklärt Susanne Wiesner. Das war vor zwei Wochen. Seither hat sich der Handwerksbetrieb mit seinen zehn Mitarbeitern komplett verändert. Martin Wiesner und Mitarbeiter Thomas widmen sich zwar noch der Herstellung von Trachtenhüten. Susanne Wiesner und die anderen Mitarbeiterinnen aber haben sich ganz auf Produktion und Versand von Mund-Nasen-Schutzmasken verlegt.

Offizieller Auftrag

Sie fertigen Mundschutzmasken für die öffentliche Hand. Das zertifizierte Vlies dafür, das sich für den Einsatz etwa von Ärzten und Pflegekräften eignet, bekommen sie von offizieller Seite geliefert, teils bereits zugeschnitten. Insgesamt hat der Landkreis Miesbach bisher zwei Rollen zu je 400 Meter Vlies geliefert bekommen, berichtet Pressesprecherin Sophie Stadler – „weit weniger, als angekündigt war“: Es hätten drei Rollen pro Tag sein sollen. Das Material ist knapp. Was ankam, hat der Krisenstab zur Verarbeitung an professionelle Schneidereien im Landkreis verteilt. Darunter war der Betrieb der Wiesners.

Das Rottacher Unternehmen hat in der vergangenen Woche aus dem nach Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger benannten „Hubsi-Vlies“ 1000 Schutzmasken genäht, diese Woche sollen es 2000 werden. Nicht nur das Material, auch der Schnitt ist genau von den Behörden vorgegeben, damit die Masken für medizinische Zwecke eingesetzt werden können. Solange die Wiesners auf „Hubsi-Vlies“-Nachschub warten müssen, fertigen sie zusätzlich Masken ohne Zertifizierung, die in der Not aber nicht nur für den Hausgebrauch, sondern auch von Praxen, Streetworkern und Sozialpädagogen für ihre Arbeit nachgefragt werden.

Begehrte Ware

„Der Stoff, den wir jetzt verwenden, wird sonst für Reinraumbekleidung eingesetzt, kann mehrfach bei 90 Grad gewaschen werden und ist leicht wasserabweisend“, erklärt Susanne Wiesner. Auch dieses Material ist begehrt und knapp. Die Wiesners haben viel Zeit darauf verwendet, Händlern hinterherzutelefonieren, um es zu ergattern. Diese Behelfsmasken entsprechen trotzdem nicht der medizinisch erforderlichen Norm. „Sie dienen lediglich als Hilfsmittel, das Benutzen dieser Masken erfolgt eigenverantwortlich“, erklärt Wiesner. „Es handelt sich nicht um ein Medizinprodukt im Sinne des MPG und bietet keinen Übertragungsschutz bei Tröpfcheninfektionen.“ Das Tragen ist trotzdem sinnvoll, um das Risiko zu verringern, andere Menschen anzustecken. 2000 Exemplare dieser Behelfsmasken hat die Rottacher Schneiderei bisher produziert.

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Nach den Erfahrungen in der ersten Woche, als man erst einmal ins Maskenschneidern hineinfand und auch einen für das Material geeigneten Schnitt gefunden hat, haben Martin und Susanne Wiesner ihren Betrieb fast ganz auf die Produktion der Schutzmasken umgestellt. Sie arbeiten – verstärkt durch eine Schneiderin, die sonst bei Trachten Greif tätig ist – in drei Teams: Hutfertigung, Bearbeitung der Online-Bestellungen und Produktion. Und das an zwei Standorten, um die Ansteckungsgefahr untereinander zu minimieren.

Die einzelnen Arbeitsschritte – vom Zuschneiden über das Vorbügeln und Nähen der Falten, Einfassen der Seiten und Befestigen der Bänder bis hin zu Endkontrolle und Versand – haben sie aufgeteilt. „Das ist keine schöne Arbeit, sondern ziemlich eintönig“, sagt Wiesner. „Kein Vergleich zu unserer sonst eher kunsthandwerklichen Tätigkeit. Es geht um Schnelligkeit, denn der Bedarf ist immens.“

Für den Hausgebrauch

Wiesner geht davon aus, dass die Maskenpflicht im öffentlichen Raum irgendwann kommt. Auch deshalb hält sie die Baumwollmasken, die derzeit von vielen Hobbyschneiderinnen in kleinerer Stückzahl gefertigt werden und dann etwa beim Einkauf im Supermarkt getragen werden können, für immens wichtig. Aus logistischen Gründen geben die Wiesners ihre Behelfsmasken zurzeit ab 15 Stück über den Online-Shop oder per E-Mail-Bestellung ab. „Wenn Zeit ist, sich ein Lager aufzubauen, könnten die Masken auch einzeln im Online-Shop oder beim Straßenverkauf vom Bogner Seppi gekauft werden“, meint Susanne Wiesner.

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„Wir sind froh, dass wir durch den Auftrag vom Landratsamt und die anderen Aufträge über unseren Online-Shop unseren Betrieb aufrechterhalten konnten und keinen unserer Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken mussten“, sagt Susanne Wiesner. „Besonders aber freut uns, dass wir genau denen helfen können, die sich gerade für uns alle so krummlegen.“ Der Auftrag für den Katastrophenschutz hat freilich absolute Priorität. Sobald das Technische Hilfswerk wieder Vlies oder Zuschnitte anliefert, werden alle andere Arbeiten nach hinten geschoben.

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