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„Das wäre wirklich ein Schildbürgerstreich“. Hotelier Thomas Auracher kämpft gegen den Ausbau des Karl-Holl-Wegs in Rottach-Egern.

Karl-Holl-Weg in Rottach-Egern

Ärger mit der nächsten Straße: Anwohner fühlen sich „verarscht“

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Obwohl derzeit die Straßenausbaubeitragssatzung (Stabs) auf der Kippe steht, bleibt die Gemeinde Rottach-Egern dabei: Sie will den Karl-Holl-Weg neu erschließen. Die Anwohner fühlen sich „verarscht“.

Rottach-Egern – Thomas Auracher (48), Besitzer des Hotels „Berlin“ und seine Nachbarn sind derzeit nicht gut auf die Gemeinde zu sprechen. Sie sollen den Ausbau des Karl-Holl-Wegs fast komplett bezahlen. 90 Prozent der Kosten sollen die acht Grundstücks- und Hausbesitzer tragen. „Ich hab’ 2016 aus der Zeitung vom geplanten Ausbau erfahren“, sagt Auracher. Kurz darauf habe die Gemeinde die Anwohner informiert und erklärt, was da auf jeden zukommt: Bei Bohrungen habe man festgestellt, dass der Untergrund in so schlechtem Zustand sei, dass es sich bei der Sanierung streng genommen um eine Ersterschließung handle. Mit der Folge: Anwohner werden nicht mit 70 Prozent zur Kasse gebeten, wie bei der normalen Straßenausbaubeitragssatzung (Stabs) festgelegt, sondern mit 90 Prozent.

Dass die Gemeinde das Vorhaben bereits zum zweiten Mal ausschreiben lässt, weil die Kosten bei einer ersten Ausschreibung mit rund 203 000 Euro zu teuer erschienen, tröstet Auracher keinesfalls. Er und seine Nachbarn fordern einen Planungsstopp. Dies vor allem auch deshalb, weil die Stabs politisch auf der Kippe steht. Der Bayerische Landtag hat sich gerade in einer ersten Lesung mit einem Antrag der Freien Wähler zur Abschaffung befasst. Ob es tatsächlich dazu kommt, oder ob dann eine „Kann-Regelung“ eingeführt wird, die den Kommunen freie Hand lässt, ist noch offen, dürfte sich aber nach Einschätzung vieler Kommunalpolitiker wohl spätestens bis zur Landtagswahl im Herbst 2018 geklärt haben.

Warum handelt Rottach-Egern nicht auch wie die Gemeinde Gmund, die gerade erst den Ausbau ihrer Seestraße bis zu einer endgültigen Entscheidung in Sachen Stabs aufgeschoben hat? Das fragen sich Auracher und seine Nachbarn. „Warum drückt die Gemeinde Rottach-Egern jetzt auch noch den Anrainern im Karl-Holl-Weg diese ungerechtfertigten Gebühren aufs Auge?“, frägt sich der Hotelier, der großes Verständnis für den anhaltenden Widerstand mancher Ellmösler gegen den Zahlungsbescheid hat. Die Ellmösler hatten schon 2015 um Aufschub des Ortsstraßenausbaus gebeten – ohne Erfolg. Sie müssen jetzt 70 Prozent der Rechnung über 717 000 Euro schultern.

Auracher hat sich bereits an die Gemeinde gewandt. Er wollte die Straße sogar zurückkaufen, die im Jahr 2002 für 1000 Euro von den früheren Hotelbesitzern an die Gemeinde verkauft worden war. Er kann nicht nachvollziehen, warum die Gemeinde einen so „luxuriösen Ausbau“ plane, wo der Karl-Holl-Weg am Ende ohnehin mit einer Schranke versehen und diese nur im Winter wegen des Schneeräumdienstes geöffnet sei. „Abfräsen und neu teeren wäre doch ausreichend“, findet der Hotelier, der zudem schon jetzt die Beschwerden seiner Gäste fürchtet.

Bürgermeister Christian Köck (CSU) sieht keine Veranlassung, den Straßenbau zu verschieben und kündigt an: „Es wird keinen kategorischen Stopp von Ausbaumaßnahmen geben.“ Die Gemeinde wolle ihre Vorhaben nicht mit Gewalt durchdrücken, „aber wir können nicht warten, bis das Thema Satzung kurz vor der Wahl entschieden wird.“ Schließlich sei man in der Verkehrssicherungspflicht und damit in der Haftung, wenn jemand im Karl-Holl-Weg zu Schaden komme. Es sei nicht möglich, nur die Schlaglöcher auszubessern, sagt Köck und verweist auf den Abwasserzweckverband, der schon länger auf eine ordentliche Trennung von Regen- und Schmutzwasser dränge. Die Wasserleitungen müssten erneuert, sämtliche Sparten von Kanal über Telekom bis Gas sowie die Breitband müssten verlegt werden. Köck ist sich völlig im Klaren darüber, dass das Thema schwierig zu vermitteln sei. Die Gemeinde werde aber verantwortungsbewusst handeln, sie werde versuchen, kostensparend zu arbeiten und werde nichts übers Knie brechen. „Egal, wie wir es machen, wir sind, salopp gesagt, immer die Deppen.“

Für Auracher steht fest: Er wird einen Anwalt einschalten, weil er und seine Nachbarn finden: „Zum jetzigen Zeitpunkt wäre der Ausbau definitiv Bürger-Abzocke und ein Schildbürgerstreich.“

gr

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