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Hat eine klare Forderung: Die Rottacher Geschäftsfrau Constance Niedner appelliert an die Staatsregierung, eine Öffnung der kleinen Läden am Sonntag zuzulassen. 

„Das ,Zusein am Sonntag‘ ist antiquiert“

Rottacher Laden-Inhaberin fordert Öffnung am Sonntag - das sagt sie im Interview

  • Gabi Werner
    vonGabi Werner
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Die kleinen Laden-Inhaber wurden von der Corona-Krise schwer getroffen. Auch Constance Niedner aus Rottach-Egern kämpft mit hohen Einbußen. Sie hat eine klare Forderung an den Ministerpräsidenten. 

Rottach-Egern – Constance Niedner (46) leidet unter den Folgen der Corona-Krise. Am 18. März musste sie – wie alle anderen Einzelhändler auch – ihre kleine Boutique „Jagdfieber“ an der Nördlichen Hauptstraße in Rottach-Egern schließen. Inzwischen läuft der Betrieb zwar wieder, doch die hohen Einbußen sind für die Geschäftsfrau nicht mehr aufzuholen. Mit einem mehrseitigen offenen Brief hat sich die Rottacherin jetzt an Ministerpräsident Markus Söder gewandt – und bringt darin auch ein altbekanntes Reizthema ins Spiel: die Sonntags-Öffnung. Wir haben mit Niedner über ihren Vorstoß gesprochen.

Frau Niedner, Sie fühlen sich als kleiner, inhabergeführter Einzelhandel in der Corona-Krise benachteiligt. Warum?

Constance Niedner: Die Coronakrise hat uns alle hart getroffen. In vielen anderen Branchen ist nun bei der Konjunkturhilfe immer von „besonderen Umständen“ die Rede, die zu beachten sind: in der Gastro, bei Übernachtungsbetrieben, Künstlern usw. Dass aber auch wir sehr spezielle Umstände haben, wird bisher komplett ignoriert. Wir Einzelhändler müssen unsere Ware wie Kleidung, Schuhe, Accessoires und Taschen für das Frühjahr schon im Herbst des Vorjahres ordern. Diese Bestellungen können nicht mehr storniert oder die Ware zurückgegeben werden. Bei einem Geschäft wie meinem mit 60 bis 70 Quadratmetern Verkaufsfläche sind da schnell Rechnungen von 100 000 Euro beisammen, die jetzt auflaufen. Zugleich muss ich, wie jeder andere, weiterhin die laufenden Kosten und hohe Mieten bezahlen und möchte auch meine 450-Euro-Kräfte unterstützen.

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Gleichzeitig beklagen Sie wegbrechende Umsätze.

Constance Niedner: Das Frühjahr ist normalerweise genau die Zeit, in der die ersten Touristen kommen und einkaufen. Das ist das Geld, mit dem ich jetzt meine Rechnungen bezahlt hätte. Ich habe keine Chance mehr, das aufzuholen. Die Kunden sind in ihrem Kaufverhalten auch nach wie vor sehr zurückhaltend: Nur wenige haben Lust, mit Maske einen Pullover oder ein Shirt zu probieren. Außerdem darf ich höchstens fünf Kunden gleichzeitig in mein Geschäft lassen.

Wie viel Umsatz ist Ihnen gegenüber dem Vorjahr weggebrochen? Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Constance Niedner: Nach April lag der Verlust bei 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, jetzt sind es noch 45 Prozent. Meine Zulieferer stunden mir derzeit noch viele ausstehende Zahlungen, und so geht es sicher den meisten Kollegen auch. Wenn morgen aber alle Lieferanten ihr Geld haben wollten, wären viele von uns nicht mehr zahlungsfähig. Ich bin unglaublich froh über meine Stammkunden, die vom ersten Tag an wieder zu mir gekommen sind. Aber die Laufkundschaft fehlt einfach. Hinzu kommt, dass sich jetzt viele beim Online-Handel eingegroovt haben.

Sie haben sich in einem mehrseitigen Brief an Ministerpräsident Söder gewandt – ein verzweifelter Hilferuf?

Constance Niedner: Verzweiflung würde ich es nicht nennen. Ich bin eher enttäuscht, dass wir inhabergeführten Einzelhändler nach den anfänglichen großen Versprechen einfach außen vor gelassen werden. Dabei sind wir alle zusammen ein richtig großer „Verein“ und haben gemeinsam so viele Mitarbeiter wie die Autoindustrie in Deutschland. Aber wir haben als „Einzelkämpfer“ eben viel weniger Druckmittel als die großen Unternehmen, können nicht mit Entlassungen drohen und haben keine Lobby.

Sie wiederholen in dem Brief die altbekannte Forderung, dass die Geschäfte sonntags öffnen dürfen. Was würden Sie sich davon erhoffen?

Constance Niedner: Man sieht doch in anderen Ferienorten, wo die Geschäfte sonntags öffnen dürfen, wie gut das funktioniert. Die Kunden haben endlich einmal Zeit zum Bummeln und Einkaufen. Es müssen weder der Lebensmittelhandel, noch Drogeriemärkte, noch die großen Kaufhäuser öffnen – aber wir Kleinen, die aufgrund unserer Ausrichtung keine lohnende Onlinepräsenz haben können, – müssten doch selbst entscheiden dürfen, wann wir für unser Unternehmen arbeiten wollen. Ich finde, jeder sollte aufmachen dürfen, wenn er denkt, dass er etwas damit erreichen kann. Für einen Ferienort wie Rottach-Egern ist das „Zusein am Sonntag“ einfach antiquiert.

Die Corona-Krise wäre also ein guter Zeitpunkt, um diese alten Zöpfe abzuschneiden?

Constance Niedner: Ja, das wäre eine gute Gelegenheit, die Sonntags-Öffnung einmal auszuprobieren und die jahrelange Debatte darüber endgültig aus der Welt zu schaffen. Wenn es nichts bringt, werden wir Einzelhändler von allein sonntags wieder schließen. Ich bin aber überzeugt, dass es funktionieren würde. Die Online-Händler machen ja nicht umsonst 60 Prozent ihres Umsatzes an Sonntagen. Wir haben ja sowieso schon Ausnahmeregelungen in den Kurregionen in Bayern: Trachtengeschäfte, Läden mit ortstypischer Ware, Souvenirläden und die kirchlichen Devotionalienläden dürfen öffnen, wir anderen aber nicht. Warum? Immerhin bringt sich doch fast jeder Gast eine schöne Erinnerung aus dem Urlaub mit. Aber sollten wir ihn nicht selbst entscheiden lassen, ob das nun eine Kuhglocke oder ein Schal ist? Es wäre vollkommen ausreichend, zum Beispiel von 12 bis 17 Uhr zu öffnen, und das auch nur in der Saison.

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Fühlen Sie sich mit Ihrem Anliegen als Einzelkämpferin oder haben Sie Unterstützung anderer Einzelhändler im Tegernseer Tal?

Constance Niedner: Als Wahl-Rottacherin liegt mir mein Ort sehr am Herzen, und ich finde es schrecklich, zu sehen, dass es immer mehr Leerstand gibt und Gebäude verfallen. Meinen Kollegen geht es genauso, daher bekomme ich viel Zuspruch. Es gibt aber auch einige, die nicht für die Sonntags-Öffnung sind. Es lohnt sich sicher auch nicht für jeden. Aber alle, die es gerne probieren würden, sollten die Möglichkeit dazu haben. Das würde uns Einzelhändlern auch ein bisschen Zeit schenken, um mehr Kunden bedienen zu können. Für Wurst und Käse stellen sich die Leute nämlich schon einmal an vor dem Geschäft, aber nicht unbedingt, um einen Pullover zu kaufen.

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Sie kämpfen also mit Ihrem Brief auch gegen ein Stück Ungerechtigkeit in der Politik?

Constance Niedner: Ungerecht behandelt fühle ich mich nicht direkt – aber gerade für unsere Branche sind einige Dinge einfach vergessen oder nicht betrachtet worden. Fest steht: Wenn wir Einzelhändler schließen müssen, hat das weitreichende Folgen. Wer kommt schon in einen Ort, wo alle Läden nur noch leer stehen?

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