+
Ob am Leeberg oder direkt am See: Wer hier baut, kommt ohne Bodengutachten und Sicherungsmaßnahmen nicht mehr aus. 

Interview mit Ingenieur Rasso Bumiller

Das sagt der Experte zur Bodenbeschaffenheit am Tegernsee

  • schließen

Tiefgaragen, die Bebauung des Leebergs, der Krater in der Lindenstraße: Der Ingenieur Rasso Bumiller (47) ist Bodengutachter und spricht im Interview über brisante Themen. Auch über Manuel Neuer.

-Herr Bumiller, in wie viele Bauvorhaben sind Sie denn involviert am Tegernsee?

Das sind etwa zehn pro Jahr. Architekten suchen meinen Rat ebenso wie private und öffentliche Bauherren. Insgesamt begleiten wir etwa 150 bis 160 Bauvorhaben in ganz Oberbayern. Um auf der sicheren Seite zu stehen, sollten sich Bauherren vorab eine Untersuchung des Bodens leisten.

-Das ist vermutlich vor allem am Leeberg so. Wie schwierig ist die Lage dort?

Der Leeberg ist ein grantiger alter Mann: Wenn man ihn ärgert, reagiert er. Aber Spaß beiseite: Die Hangsicherung dort muss auf eine permanente Sicherung ausgelegt sein. Die größte Gefahr besteht während der Herstellung der Hangsicherung, denn da schwäche ich das ganze System. Nehmen wir das Beispiel Manuel Neuer: Auch sein Haus wurde abgesichert. Es liegt jedoch in einem geologisch sehr sicheren Bereich, einem Felsbuckel, der bis zur Point reicht. Seine Baugrube musste man aus dem Fels herausbrechen.

-Wo liegen am Leeberg sensible Bereiche?

Zum Beispiel ganz hinten am Ende der Leebergstraße. Da war früher mal ein Neubaugebiet angedacht. Ich habe es untersucht und nahegelegt, die Finger davon zu lassen. Es handelt sich um das Gebiet einer ehemalige Rutschung, die mehrere hundert bis wenige tausend Jahre alt ist. Und keiner kann sagen, ob das Gelände wieder in Bewegung kommt.

- Es gibt Georisk-Karten vom Landesamt für Umwelt, in denen die Zonen eingezeichnet sind.

Ja, nur die Fachleute dort machen keine eigenen Untersuchungen, sondern beziehen Informationen und Daten von uns und anderen. Sie sind an jeder Bohrung interessiert, um alle Fakten zusammenzusetzen.

- Ist es für Bauherren verpflichtend, den Baugrund untersuchen zu lassen?

Könnte man meinen! Ist es aber nicht. Den schwarzen Peter hat eigentlich der Architekt. Er muss den Bauherrn darauf hinweisen, Fachleute einzuschalten. Im Gegensatz zu München ist die Geologie hier sehr schwierig, Bauherren am Leeberg sind gut beraten, sich vorher abzusichern.

-Wie ist der Boden in Rottach-Egern beschaffen?

Recht gut. Der Boden besteht aus sehr viel Kies, den die Rottach und die Weißach seit Jahrtausenden von den Bergen her bringen und in den Tegernsee schichten. Dieser Kies ist gut wasserdurchlässig und als Baugrund gut geeignet. Man geht davon aus, dass die Kiesschicht bis zu 80 Meter tief ist. Gmund und Bad Wiessee haben hingegen eher schlechte, bindige Böden, die aus Schluffen und Tonen bestehen.

-Ist der Boom der Tiefgaragen-Bauten problematisch?

Die sehr prominenten Lagen direkt am See haben einen Grundwasserpegel, der so hoch ist wie der Seespiegel. Nehmen wir nun das viel diskutierte Bauvorhaben an der Werinherstraße: Das Grundstück wurde jedoch in früheren Zeiten aufgeschüttet und ist wie eine Hallig. Beim Hochwasser 2013 stand es daher nicht unter Wasser.

-Nachbarn befürchten, dass Grundwasser, das von der Tiefgarage verdrängt wird, deren Gebäude schädigen könnte. Ein Fall, der bei jedem Vorhaben eintreten könnte?

Dieser Fall tritt nicht ein. Man muss sich das so vorstellen: Das im Boden vorhandene Grundwasser ist ein breiter Strom, der zum Tegernsee will. Dieser Strom hat eine Fließgeschwindigkeit von fünf Metern am Tag, ist also unheimlich träge. Nehmen wir mal an, Sie stehen auf einer Brücke über diesem Strom und halten den Finger hinein. Sie stellen fest, dass sich ein kleiner Aufstau bildet, aber dieser Aufstau ist dem Strom relativ egal. Rottach-Egern ist etwa zwei Kilometer breit. Eine Tiefgarage, die drei Zentimeter Aufstau verursacht, der auf dem Grundstück selbst wieder abgebaut wird, ist kein Problem.

-Entwarnung also für Rottach-Egern?

Ich sehe das ganz entspannt. Tiefgaragen haben keinen messbaren Einfluss, der einen Nachbarn schlechter stellt. Nur wenn jedes Seegrundstück über seine komplette Breite eine Tiefgarage bekommen würde, dann müssten wir Kompensationsmaßnahmen ergreifen. Das wird in München bereichsweise gemacht, wo ein Bau neben dem anderen liegt.

-Der Krater in der Lindenstraße war ein krasser Fall. Kann so etwas wieder passieren?

Fest steht: Es hat sich ein Krater gebildet, der einen Volumenverlust von etwa 220 Kubikmetern hatte. Verantwortlich war ein hunderte oder wenige tausend Jahre alter Hohlraum, der in sich zusammensackte. Der Fall ist selten, aber es gibt Hinweise, dass es weitere solcher Hohlräume gab, die bereits kollabiert sind, etwa am Fuße des Wallbergs.Ich bin mir sicher, dass es so schnell keine Erlaubnis mehr geben wird für Erdwärmesondenbohrungen. Es ist ein Glück im Unglück, dass der Fall nicht woanders aufgetreten ist, wo noch größerer Schaden entstanden wäre.

-Ist der Boden dort tatsächlich schon zur Ruhe gekommen?

Ich habe ein Gutachten für die Gemeinde erstellt, das inzwischen vorliegt. Vermessungen haben gezeigt, dass wir keine Bewegungen mehr haben. Im Übrigen glaube ich, dass der Hohlraum komplett kollabiert ist.

-Was ist mit den Kosten? Was ist mit dem Landratsamt, das die Genehmigung erteilt hat.

Eine hoch interessante Frage. Das sollt man mit einem Juristen klären, ob es eine Amtshaftung gibt. Es gibt mehrere Geschädigte: die Gemeinde, die Bauherrin, Nachbarn, auch die Spartenträger. Der Schaden liegt mit Sicherheit im sechsstelligen Bereich.

-Es ist schon spannend hier für Sie, oder?

Und wie! Ich bin eigentlich ein Dolmetscher: Der Boden sagt uns was, und ich habe gelernt zu verstehen, was er uns sagt. Das hat dazu geführt, dass Bauvorhaben auch verändert wurden. Denn wir müssen mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie.

-Haben Sie noch einen besonderen Fall auf Lager?

Das wäre das Grundstück an der Prinzenkapelle. Es wurde mir dreimal zur Untersuchung angetragen. Da hatte ich große Bedenken, weil es am Fuße einer alten Rutschung liegt. Wie man sieht, ist es gut gegangen, aber es gibt Grundstücke, die sollte man einfach in Ruhe lassen.

gr

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Es ist soweit: Seeturnhalle wird abgerissen
Es ist längst beschlossen, jetzt wird‘s ernst: Ab 9. Oktober beginnt der Abriss der Gmunder Seeturnhalle. Ein Stück Ortsgeschichte verschwindet.
Es ist soweit: Seeturnhalle wird abgerissen
Herzogin führt uns durch ihre Privatgemächer - ein Rundgang
200 Jahre Wittelsbacher und Tegernseer Woche machen‘s möglich: Am Samstag erfüllte sich bereits ein Highlight: Zum Tegernseer Schlosstag führte die Herzogin durch ihre …
Herzogin führt uns durch ihre Privatgemächer - ein Rundgang
Nackte Wände, heiße Rhythmen - Konzert-Party in Maximilian-Baustelle
Mit kubanischen Klängen erweckte Trovasur den Maximilian aus seinem Dornröschenschlaf. 200 Besucher feierten das Erwachen mit einer Warm-up-Party auf der Baustelle. Wir …
Nackte Wände, heiße Rhythmen - Konzert-Party in Maximilian-Baustelle
Unmut als Nährboden: Warum die AfD bei uns so leichtes Spiel hat
Warum der AfD-Sieg bei uns wenig überraschend ist: Den Ausgang der Bundestagswahl im Landkreis Miesbach kommentiert Redaktionsleiter Stephen Hank.
Unmut als Nährboden: Warum die AfD bei uns so leichtes Spiel hat

Kommentare