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Führt ein bewegtes Leben: Der Arzt Dr. Klaus Fresenius, hier in seinem Garten in Rottach-Egern.

“Meine Generation ist sicher die glücklichste, die es je gab“

Tal-Arzt Fresenius im Interview: „Es muss sich einiges ändern“

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Klaus Fresenius gestaltet die Medizin im Tal seit Jahrzehnten mit. Im großen Interview zu seinem 70. Geburtstag spricht er über das Krankenhaus Agatharied und die Zukunft des Arztberufs.

Rottach-Egern – Dr. Klaus Fresenius ist Arzt durch und durch. Er macht sich in vielen Gremien für seine Berufskollegen stark und praktiziert zugleich immer noch in seinem von ihm mitgegründeten Ärztezentrum medicum.tegernsee in Weissach. Beim Interview im Garten seines Hauses in Rottach-Egern anlässlich seines Geburtstags am Mittwoch, 12. Juli,  spricht er über sein bewegtes Leben, das Agatharieder Krankenhaus und die Angst vor der Zahl 70.

Herr Dr. Fresenius, Glückwunsch zum 70. Geburtstag. Vom wirklichen Ruhestand sind Sie aber noch weit entfernt.

Fresenius: Ich nähere mich ihm vorsichtig und praktiziere noch zweieinhalb Tage in der Praxis. Außerdem habe ich ja noch einige Ehrenämter inne.

Die wären?

Fresenius: In die Berufspolitik bin ich seit meiner Niederlassung als Arzt eingestiegen. Ich war 25 Jahre lang Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Miesbach und bin seit 30 Jahren Delegierter des Bayerischen und Deutschen Ärztetages. Aktuell habe ich den Vorsitz des Ärztlichen Bezirksverbands Oberbayern inne, dem 16 000 Ärzte angehören, bin Aufsichtsrat des Krankenhauses Agatharied und stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises Eineinhalb Millionen Euro haben Bürger des Landkreises bisher dem Freundeskreis gespendet, um ihrem Krankenhaus zu helfen.

Und dennoch flammt gerade wieder die Debatte um Kooperation auf.

Fresenius: Ich war damals Verfechter einer Ein-Haus-Lösung im Krankenhaus und bin immer noch froh, dass es so gekommen ist. Wir hätten heute gar kein Krankenhaus mehr, wenn wir weiterhin diese vier Häuser behalten hätten. In Folge war ich mit dem Kreisverband gegen einen Zusammenschluss mit Rosenheim (Anm.d.Red.: Fusion mit den RoMed-Kliniken), weil wir befürchteten, zu einem Aufnahmekrankenhaus des Klinikums Rosenheim zu werden. Jetzt kommt eine neue Situation, wie man in Bad Tölz sieht, wo die Gynäkologie schließen musste. Wir müssen schauen, wie wir uns behaupten und die Zukunft gestalten.

Setzt der politisch gewollte Schließungswahn Agatharied unter Druck?

Fresenius: Das ist alles sehr komplex. Politische Forderungen nach Mindestmengen bei Operationen sowie Kostensteigerungen etwa bei Gehältern oder Anschaffungen von Geräten stehen nicht die notwendigen Erlöse gegenüber. Da geht’s gleich mal um Millionen. Natürlich muss man überlegen, ob Kooperationen mit anderen Kliniken in der Umgebung die Situation besser machen. Es gibt Gedankenspiele, wir tasten uns da voran, müssen aber aufpassen, dass wir nicht vor lauter Sparsamkeit die selbstfinanzierenden Maßnahmen verpassen, zum Beispiel die Verbesserung der Parksituation mit einem Parkdeck. Wir sind zum Glück in der komfortablen Situation, dass wir keine roten Zahlen schreiben. Um das zu halten, muss sich aber einiges ändern.

Ist Ihr Ärztezentrum medicum ein Vorbild für den ganzen Landkreis?

Fresenius: Mir war immer klar, dass die Zukunft in größeren Zusammenschlüssen liegen wird, die Bereitschaftsdienste und eine tägliche Erreichbarkeit gewährleisten können. Im medicum sind wir inzwischen rund 15 Ärzte und 30 Fachangestellte. Das ermöglicht Teilzeittätigkeiten für unsere Mitarbeiter. Wir bilden damit auch gute Synergien zu Kollegen, die in Einzelpraxen arbeiten. Künftig wird es sicherlich mehrere derartige Ärztehäuser geben.

Welche Art der medizinischen Versorgung würde dem Tal noch guttun? Frischzellen und Schönheitsoperationen?

Fresenius: Alles hat bei richtiger Indikation seine Berechtigung. Viele junge Ärzte betonen auch die Lebensqualität hier im Tal, aber mein Herz hängt an der wissenschaftlich fundierten Medizin. Wir müssten schauen, dass wir die Qualität halten, die da ist. Es zeichnen sich in einzelnen Fächern Engpässe ab, in der Neurologie haben wir zum Beispiel lange Wartezeiten. Andererseits wird der Arzt ein Frauenberuf werden. 80 Prozent der Medizinstudenten sind schon jetzt weiblich, und Frauen gehen dahin, wo sie eine gute Infrastruktur für sich und ihre Kinder vorfinden.

Als Gemeinderat, der sie ja sind, können Sie zur Verbesserung der Infrastruktur beitragen.

Fresenius: Ich bin in der dritten Periode Gemeinderat und schon 24 Jahre Kreisrat. Im Tegernseer Tal, im gesamten Landkreis haben wir mit der Stärkung der Schullandschaft und unserer guten Versorgung im Gesundheitswesen für eine gute Struktur gesorgt.

Was liegt Ihnen für Ihre Gemeinde am Herzen?

Fresenius: Wir müssen schauen, dass wir unsere Flächen, die unsere Lebensqualität ausmachen, bewahren und tun das aktuell auch. Dennoch hängt, wie vieles andere, auch das medicum vom Florieren des Tegernseer Tals ab. Wir leben doch von den Mitarbeitern der Betriebe, den Landwirten und den Selbstständigen.

Sind Sie eigentlich echter Tegernseer?

Fresenius: Meine Großmutter ist Mitte der 30er-Jahre aus Danzig an den Tegernsee gezogen. Meine beiden Eltern waren in Bad Wiessee als Ärzte niedergelassen. Ich selbst ging in Rottach-Egern und Bad Wiessee in die Grundschule, war ein Regensburger Domspatz, der zum Glück erst später von den Missbräuchen hörte. Ich gehöre zur 68er-Generation und lebte auch so. Obwohl ich ein mieser Schüler war, erhielt ich auf dem Klageweg einen Medizinstudienplatz. Nach Krankenhausjahren in Tegernsee und im Rechts der Isar in München arbeitete ich zwei Jahre im Kongo und wollte damals zur Weltgesundheitsorganisation. Der Arztberuf erschien mir als gute Möglichkeit, in einem fremden Land zu arbeiten. Ich fasste aber hier Wurzeln, und während meiner Assistenz- und Weiterbildungszeiten am Tegernseer Krankenhaus lernte ich die Schönheiten des Tegernseer Tals neu kennen. Vor dem Dienst am Morgen waren wir damals im Winter mit den Skiern auf dem Hirschberg, während der Mittagspause am Wallberg. Heute noch gehe ich gerne zum Skifahren und laufe jeden Morgen an der Weißach entlang.

Ist die 70 eine Zahl, die Ihnen Angst macht?

Fresenius: Nein! Ich habe Frieden mit meiner Endlichkeit geschlossen, bin gesund, und vieles ist jetzt leichter. Zudem bin ich meinem Ziel, Lebenserfolg zu haben, ziemlich nahe gekommen. Ich fürchte nichts mehr und habe meine Ölbohrplattform, mit der ich das Leben vergleiche, bisher nicht in Schieflage gebracht. Meine Generation ist sicher die glücklichste, die es je gab. Auch Dank Europa haben wir seit 70 Jahren Frieden.

Wie wird gefeiert?

Fresenius: Im Krankenhaus Agatharied wird die Palliativstation eröffnet. Nicht nur als stellvertretender Vorsitzender des Hospizvereins, sondern auch als Arzt und älter werdender Mensch mache ich mir das zum Geschenk. Mit meiner Familie werde ich morgens zur Riedersteinkapelle wandern, mit allen medicum-Mitarbeitern, Freunden und Familie feiern und Zukunftspläne schmieden.

gr

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