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Ob einsame Single-Frau oder verwirrte Seniorin: Luise Kinseher wechselt nahtlos zwischen ihren Rollen.

Eine Kabarettistin im Gespräch

So erlebte Kinseher ihren Auftritt am Tegernsee

Rottach-Egern - Luise Kinseher war mit ihrem neuen Programm "Ruhe bewahren!" im Rottacher Seeforum zu Gast. Wir sprachen vor dem Auftritt mit der Kabarettistin - und hörten Interessantes.

„Ruhe bewahren!“ Der Titel des Kabarettabends mit Luise Kinseher in Rottach-Egern ist schon bei ihrer Ankunft realer, als der Künstlerin lieb ist. „Es ist mir unglaublich zwider“, entschuldigt sie sich. „Ich war pünktlich in Rottach-Egern, aber dann habe ich mich verfahren.“

Man hatte ihr gesagt, ihr Auftritt sei im Kurhaus. Allerdings hatte ihr niemand mitgeteilt, dass Rottach-Egern inzwischen gar kein Kurhaus mehr hat, sondern mit einem Seeforum aufwarten kann. Also fuhr Kinseher daran vorbei, bog in die Seestraße ein – musste ganz langsam hinter ein paar Touristen-Autos herkurven. Und als sie umdrehte und die Einfahrt auf den Parkplatz suchte, wurde hinter ihr wild gehupt. „Und dann musst du Ruhe bewahren! Ja, das ist schon mal ganz aus dem Leben gegriffen“, sagt sie im Interview und lacht.

Das Gesicht Kinsehers spricht Bände, die Mimik, Theatralik – alles, was sie später auf der Bühne mit unglaublicher Präsenz in ihren Rollen zeigt, ist jetzt schon da. Später erzählt sie vor ausverkauftem Haus aus dem Leben dreier Frauen: einer einsamen Singlefrau, die den ganzen Abend auf den Anruf eines Typen wartet, dem sie im Fahrstuhl begegnet ist.

"Ruhe bewahren" - so lautet der Titel des neuen Programms, das Luise Kinseher im Rottacher Seeforum präsentierte.

Dame Nummer zwei ist die „Mary aus Bavary“. Nur mit einem Morgenmantel bekleidet, strauchelt sie ständig angetrunken über die Bühne, redet aber tief philosophisch daher. Zum Beispiel über die Minimininimü-Quantenquarks und Wurmlöcher, über Falten und Schachteln, die in Zeitschleifen entstehen. Man muss einfach Ruhe bewahren, denn die Zeit hat keiner in der Hand. „Jetzt ist nicht jetzt, sondern jetzt ist schon Vergangenheit.“

Die dritte Rolle ist die der schon etwas verwirrten, älteren Dame im Staubmantel, die das Leben mit ihrem dementen Mann Heinz meistern muss. Heute ist er nicht mehr der Dickkopf, dem sie immer widersprechen muss. „Er folgt sofort!“ Und: „Es hat sich rentiert, gemeinsam alt zu werden, wir hatten ja auch schöne Zeiten. Wir waren mit einem VW in Italien, als das noch eine unbescholtene Marke war.“

Seitenhiebe auf Politik und Zeitgeschehen gibt es immer wieder – aktuell eingebaut. „Schauen Sie sich das bayerische Kabinett an: Die nehmen doch bestimmt was ein! Oder warum ist der Söder so schmerzfrei? Und lächelt die Aigner immer grundlos?“

Und sie baut bei ihrer Show das Publikum mit ein: Da sitzen in der ersten Reihe eine Hochzeitsplanerin, ein Büro-Ausstatter und ein technischer Zeichner – die müssen schon auch Ruhe bewahren, wenn sie derbleckt werden. Übergangslos wechselt die Kinseher zwischen den Rollen, schauspielerisch eine grandiose Leistung. Das Publikum – viele sind von weither angereist – ist begeistert.

Woher sie die Kraft nimmt? „Mei, ich stehe jetzt schon seit Jahrzehnten auf der Bühne“, sagt sie. „Und ich lebe von der Beziehung zum Publikum. Ich liebe das und bin sehr dankbar. Ich kann mich auch noch gut an die Zeiten erinnern, als das nicht so war, sondern ich um jeden einzelnen Zuschauer kämpfen musste“, erzählt die Kabarettistin.

Dabei geht Kinseher nicht unter die Gürtellinie. Etwas, das sie ja auch zur Mama Bavaria macht. „Das Derblecken ist eine eigene Kunst“, sagt sie. „Man kann kritisieren, aber nicht beleidigen. Es muss lustig sein und pointiert. Zudem sitzen beim Nockherberg die, um die es geht, vor dir.“ Ob sie sich da zurückhalten muss? „Nein, ich bin einfach so, wie ich bin“, sagt sie. „Meine Themen spreche ich an. Meine Handschrift, meine Meinung findet man wieder, nicht nur in pointierten Nebensätzen.“

Luise Kinseher schreibt alle Texte selbst. Jeden Tag einige Stunden Zeitungslektüre gehören da einfach dazu. Und da sieht man ganz genau, wie’s zugeht im Leben. Manchmal bleibt da einfach nichts anderes, als die Ruhe zu bewahren.

Sonja Still

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