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Deutschlands ältester Azubi? Oberbayer startet Metzgerlehre - mit 67 Jahren

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Von: Gerti Reichl

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Er will es unbedingt noch lernen: Heinz Waldenmaier (r.) hat bei Stephan Hagn in Rottach-Egern eine Metzgerlehre begonnen.
Er will es unbedingt noch lernen: Heinz Waldenmaier (r.) hat bei Stephan Hagn in Rottach-Egern eine Metzgerlehre begonnen. © Thomas Plettenberg

Heinz Waldenmaier ist 67 und vermutlich Deutschlands ältester Azubi. Er will Metzger werden und geht seit Kurzem bei Stephan Hagn in Rottach-Egern in die Lehre.

Rottach-Egern – Es ist kurz vor Mittag. Es riecht nach Geräuchertem, auf einer Stellage werden frische Weißwürste hereingefahren. Heinz Waldenmaier streift sich die Hände an seiner weißen Gummischürze ab und rückt die weiße Kappe zurecht. Die Ärmel an seinem weißblau-gestreiften Hemd hat er längst hochgekrempelt.

Außergewöhnlicher Azubi in Rottach-Egern: 67-Jähriger will Metzger werden

Er steckt in weißen Gummistiefeln. „Ich hab’ gerade den Boden geschrubbt und geputzt“, sagt Waldenmaier und ist auch ein wenig stolz darauf. Klar, selbst das gehört zur Arbeit eines Lehrlings, auch wenn Waldenmaier ein außergewöhnlicher Azubi ist. Mit seinen 67 Jahren will er jetzt Metzger werden.

Was in der gesamten Produktionskette passiert, will fast niemand wissen und sehen.“

Heinz Waldenmaier

Dabei hat er zeitlebens andere Berufe ausgeübt, war nach Abschluss seiner Ausbildung in der Justizverwaltung dann als Beamter auf Lebenszeit 30 Jahre lang beim Bundesgrenzschutz tätig. Zudem betreibt er seit 1978 mit seiner Frau in Rottach-Egern das Gästehaus „Anzengruber“ sowie in Tegernsee-Süd das Garni-Hotel „Ludwig-Thoma“ – mit Ferienwohnungen und insgesamt 70 Betten.

Waldenmaier ist keiner, der sich zurücklehnt. Er war neun Jahre lang Geschäftsführer im Verkehrsverein Rottach-Egern, auch im Wirtschaftsbeirat Bayern ist er Mitglied. Weil ihn die Themen Tierwohl und Biofleisch seit Langem beschäftigen, wollte er es genauer wissen und erfahren, wie es tatsächlich in einem Schlachthof zugeht. „In Deutschland kennt man ja nur die lila Kuh und das Steak, was dazwischen in der gesamten Produktionskette passiert, will fast niemand wissen und sehen.“ Waldenmaier schon.

Metzgerlehrling mit 67: Mit einem Lehrgang im Schlachthof ging‘s los

Er bewirbt sich im Schlachthof Kulmbach und absolviert erfolgreich den Lehrgang „Schlachten“, um danach auch vom Landratsamt Miesbach, Abteilung Veterinärmedizin, den entsprechenden Sachkundenachweis zu erhalten. Weitere Praktika folgen – unter anderem bei Mirko Göttfert in seiner Steakschmiede in Kreuth, wo er auch künftig seine Kenntnisse erweitern darf. Und selbst einen Einblick in islamische Schlachthöfe in Dubai, wo Interessierte jeden Alters hinter Glasscheiben die Prozesse mitverfolgen können, lässt er nicht aus.

Waldenmaier will dazu beitragen, dass der anspruchsvollen Arbeit des Metzgers in der Öffentlichkeit mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, „denn dieser verarbeitet verantwortungsbewusst ein Tier zu einem ‘Mittel zum Leben’ findet der Rottacher. „Und wenn bei einem möglichen nächsten Fleischskandal wieder der Ruf laut wird, man solle beim Metzger seines Vertrauens einkaufen, dann könnte es sein, dass es diesen bald nicht mehr gibt.“

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Waldenmaier geht also einen Schritt weiter und beschließt, eine Lehre zu machen. Seit Anfang September steht er nun täglich in der EU-zertifizierten Metzgerei von Stephan Hagn in Rottach-Egern. Der 59-jährige Metzgermeister, der zugleich Koch ist und die Metzgerei seines Vaters in Kalkofen 2015 wieder zum Leben erweckt hat, war bisher alleine hier tätig – wohl auch mangels geeigneter Lehrlinge.

Hagn gehört zu den wenigen Metzgern am Tegernsee, die noch selbst schlachten. „Vor 50 Jahren hat es allein in Rottach etwa zehn Metzgereien mit eigener Schlachtung gegeben“, weiß Waldenmaier. Bei dem einzig verbleibenden, nämlich Stephan Hagn, geht er jetzt in die Lehre.

Metzgerei von Stephan Hagn in Kalkofen: „Tiere von Landwirten aus der Umgebung angeliefert“

Es geht um Regionalität und darum, dass die Tiere auf kurzem Weg so schonend und schnell wie möglich und nach Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen geschlachtet und verarbeitet werden. Was bei Hagn der Fall ist. „Hier werden die Tiere von den Landwirten aus der Umgebung angeliefert“, sagt Stephan Hagn und deutet auf eine Türe im Schlachtraum, einem von zwei großen Bereichen der Metzgerei, die zudem über unterschiedliche Kühlräume, Lager und Verpackungsräume verfügt.

50 Wurstsorten werden hier hergestellt, auch Gerichte wie Rouladen, Schaschlik oder gefüllte Braten mit Soße, die daheim nur mehr aufgetaut und erwärmt werden müssen. Dazu gibt es Fleischstücke und Wurstwaren, die Hagn an muslimische Märkte verkauft -- da ohne Schwein. Auch wenn es keinen Laden gibt: Auf Bestellung und an der Tür kann jeder hier einkaufen – montags bis samstags von 7 bis 13 Uhr.

„Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich eine offene, transparente, gläserne Metzgerei im Tegernseer Tal etablieren, eventuell als Genossenschaft, so wie die Naturkäserei“, sagt Waldenmaier. Denn Transparenz ist das, was ihn bewegt, ebenso wie das Tierwohl und die verschiedenen Prozesse, die nach Ankunft der Tiere am Schlachthof ablaufen.

Metzgerlehrling mit 67: Mit 15- bis 17-Jährigen muss er die Schulbank drücken

Immer donnerstags muss Heinz Waldenmaier nach Rosenheim in die Berufsschule. Mit 15- bis 17-jährigen Burschen und Mädchen drückt er dort die Schulbank. „Wir sind nur zehn Lehrlinge in der Klasse, dazu vier Auszubildende im Verkauf“, berichtet Waldenmaier und meint, dass dies den aktuellen Mangel an Azubis widerspiegle. Dann hat er noch eine Anekdote auf Lager: „Die Anmeldung war nur online möglich und bis zum Jahrgang 1962. Weil das Programm so alte Lehrlinge nicht vorsieht, bin ich nun eben als Jahrgang 1962 gemeldet.“

Die Verkürzung der Lehrzeit von drei auf zwei Jahre sei bereits genehmigt. Am Verhandeln ist er gerade, ob er zu Fächern wie Deutsch, Religion, Wirtschaft und Soziales kommen muss, „da ich während meiner Polizeidienstzeit an sich befähigt war, diese Fächer selbst zu unterrichten“ Außer an Schultagen steht er werktags ab frühmorgens bei Stephan Hagn auf der Matte. „Kuttern, also Brät machen, kann ich schon“, sagt Waldenmaier, „ebenso Därme füllen. Jetzt bin ich dabei, das auslösen von Fleischteilen zu lernen.“

Sein Chef ist hochzufrieden mit seinem Lehrling, weiß er doch genau, dass Heinz Waldenmaier vieles einfach schneller lernt – und vor allem lernen will. „In einem halben Jahr hat er den Bogen raus“, ist Hagn überzeugt. Das Bodenschrubben bleibt ihm – selbst als Geselle mit dann 69.

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