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Nach Razzia bei Putin-Vertrautem Usmanow: Diese Russen haben ihr Vermögen am Tegernsee

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Von: Klaus Wiendl

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Mit der Razzia beim Putin-Vertrauten Usmanow am Tegernsee nimmt die Staatsanwaltschaft erstmals seit Beginn des Kriegs russische Oligarchen ins Visier. Doch Usmanow ist kein Einzelfall.

Rottach-Egern – Wir schreiben das Jahr 1838. Um den Tegernsee herrscht freudige Erwartung. Russlands Zar Nikolaus I. hat sich mit dem Hofstaat angesagt. Seine Frau Charlotte von Preußen wird in Bad Kreuth zur Badekur erwartet, aber vor allem geht es darum, eine Hochzeit der Zarentochter zu arrangieren. König Ludwig I. mit Gattin machten ihre Honneurs. „Kosaken servierten, und die Stimmung war glänzend“, notierte der Historiker Adalbert Prinz von Bayern später über den russischen Besuch in Kreuth. Es war der Grundstein für zahlreiche Beziehungen, die auch die beiden Weltkriege überdauerten –und am Tegernsee immer besonders eng blieben.

Tegernsee: Aufwartungen bayerischer Politiker im Kreml

Russen dürfen sich willkommen fühlen im Tegernseer Tal. Ganz besonders dann, wenn sie nicht mit leeren Taschen kommen. Das war lange die Devise von Einzelhandel und Immobilienbüros. Zumal auch CSU-Politiker in den letzten Jahrzehnten den Kontakt mit den Herrschern im Kreml suchten. Legendär der Flug des Hobbypiloten Franz Josef Strauß im Dezember 1987 ins verschneite Moskau. Diese Aufwartungen bei der russischen Politprominenz setzten sich unter Horst Seehofer oder Markus Söder fort, obwohl Wladimir Putin da bereits die Krim annektiert hatte. Von Sanktionen sprach damals noch niemand. Kein Wunder also, dass einer der reichsten Männer Russlands sich in Bayern in Sicherheit wiegte und weitere Millionen für Immobilien in Rottach-Egern am Seeufer investierte.

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Die erste erwarb der auf 15 Milliarden Dollar taxierte Alischer Usmanow 2011, weitere drei folgten. Die letzte, eine Doppelhaushälfte, im August 2018. Das Muster war immer dasselbe: Gefolgsleute aus der Steueroase Isle of Man erledigten die Verbriefung beim Notar. Usmanows Name als Käufer taucht nur im Kaufvertrag vom Juni 2011 auf. Dort wird er als „wirtschaftlich Berechtigter“ für seinen Hauptsitz an der Fischerstraße geführt. 7,8 Millionen Euro ließ sich der gebürtige Usbeke mit russischem Pass die Immobilie kosten. Insgesamt, so Immobilienexperten, dürften die ihm zugerechneten Besitztümer am Tegernsee mindestens 50 Millionen Euro wert sein.

Oligarch Alischer Usmanow
Alischer Usmanow steht auf der EU-Sanktionsliste. © picture alliance/dpa/EPA/Yuri Kochetkov

Usmanow fühlte sich am Tegernsee wie „zu Hause in Usbekistan“

„Der kleine Dicke“, wie Usmanow von Nachbarn genannt wurde, fühlte sich wohl am Tegernsee. Er genoss die Spaziergänge in Begleitung von Bodyguards. Wenn ihm danach war, traf er sich mit Freunden auf ein Bier im nahen Luxushotel Überfahrt. „Dinge eben, die ich liebe“, wie Usmanow über seinen Sprecher im August ausrichten ließ. Der „Zauber dieses einzigartigen Ortes Rottach-Egern“, den er erstmals 2008 nach einer Augenoperation in München besuchte, „ist, dass ich mich wie zu Hause in Usbekistan gefühlt habe“. Mit den Gipfeln seiner Heimat könne der Wallberg zwar nicht mithalten, aber „ich habe es geliebt, den Drachenfliegern dort oben beim Start zuzusehen“.

Fraglich ist, ob er das so bald wieder erleben kann. Denn mit dem russischen Überfall auf die Ukraine landete Usmanow Anfang März auf der EU-Sanktionsliste. Lange verteidigte er Putin, erklärte beispielsweise 2010 in einem Interview mit dem Forbes-Magazin: „Ich bin stolz, dass ich Putin kenne. Die Tatsache, dass ihn nicht jeder mag, ist nicht Putins Problem.“

Tegernsee in Bayern: Ein Schwan auf dem Gewässer und im Hintergrund das Kloster Tegernsee
Am Tegernsee fühlte sich Alischer Usmanow wie „zu Hause“ (Symbolbild). © Matthias Balk/dpa

Nach Razzia könnte Usmanow eine Freiheitsstrafe drohen

Nun könnte ihm seine Vorliebe für den Tegernsee zum Verhängnis werden. Denn die Ermittler werfen dem 69-Jährigen Geldwäsche, Steuerhinterziehung und einen Verstoß gegen die Sanktionen vor. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigte, wurden bei der Durchsuchung vergangene Woche vier Fabergé-Eier, Schmuck, Gemälde und eine offenbar wertvolle Wein- und Spirituosensammlung sichergestellt.

Gemäß den Sanktionen der EU müssten solche Wertgegenstände verpflichtend angezeigt werden. Es bestehe der Anfangsverdacht, dass der Beschuldigte dem nicht nachgekommen sei, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Darauf stehe bei Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Usmanow stellt gegenüber unserer Zeitung die Echtheit der Fabergé-Eier in Abrede. Sie seien in München hergestellt worden und als Souvenirs für Verwandte in Usbekistan bestimmt gewesen.

Zudem gehen die Fahnder davon aus, dass Usmanow von 2014 bis 2022 seinen Wohnsitz in Rottach-Egern hatte. Dies bedeute, dass er dort auch steuerpflichtig wäre. Laut Spiegel taxiert der Ermittlungsrichter Usmanows Steuerschuld auf mindestens 555 Millionen Euro. Als Beweis für seinen Wohnsitz Rottach-Egern führen die Fahnder der Sonderkommission „Ukraine“ unter anderem an, dass sein Airbus 340-313 im Jahr 2020 an genau 262 Tagen am Flughafen München stand.

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Russischer Oligarch in Bayern: Usmanow wolle Besitz der Familie bewahren

Seine Villa und die anderen Häuser am Tegernsee hatte er vorsorglich einem „Family-Trust“ überschrieben, als sein Name 2016 erstmals in den „Panama Papers“ auftauchte. Der Family-Trust besteht unter anderem aus seiner inzwischen geschiedenen Ehefrau Irina und seinen Schwestern Gulbakhor Ismailowa und Saodat Narsiewa.

Usmanow rechtfertigt sich damit, dass seine Treuhandgesellschaften keinen kriminellen Zwecken dienten, sondern ausschließlich, um den Besitz der Familie zu bewahren. „Alle Anschuldigungen der Steuerhinterziehung durch Herrn Usmanow sind unbegründet, falsch und schädigen seine Ehre und seinen Ruf“, teilt sein Sprecher mit. Alle Geschäfte seien von internationalen Wirtschaftsprüfern kontrolliert worden. „Herr Usmanow hat keinen Grundbesitz in Deutschland.“ Bei den Trusts sei er kein Begünstigter. „Alle Behauptungen, Herr Usmanow benütze Briefkastenfirmen, um Dividenden zu erhalten, sind falsch und verleumderisch.“

Auch Michail Gorbatschow wusste den Tegernsee zu schätzen

Nebenbei verweist Usmanow auf einen bekannten Landsmann, der seine Liebe zum Tegernsee teilte: Michail Gorbatschow, der Ende August im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Den einstigen sowjetischen Staatspräsidenten habe er 2011 im Hotel Überfahrt getroffen. Wie Usmanow fühlte sich auch Gorbatschow am Tegernsee an seine Heimat erinnert. Seine Tochter Irina Virganskaya kaufte 2005 das Hubertus-Schlössl in Rottach-Egern, eine Türmchen-Villa mit 17 Zimmern und Blick auf den Wallberg. Für Gorbatschow war es ein beliebter Rückzugsort nach dem Tod seiner Frau Raissa 1999. Die Fischsuppen am See hatten es ihm angetan. „Er grüßte stets freundlich, wenn man ihn traf“, würdigte Rottachs Bürgermeister Christian Köck seinen prominenten Teilzeit-Bürger in einem Nachruf.

Sein Amtskollege in Tegernsee, Johannes Hagn, hat dagegen einen anderen russischen Teilzeit-Bürger nie kennengelernt, der zurückgezogen seit Jahren in seiner Kommune lebt: den Oligarchen Ivan Pavlovich Shabalov. Er bewegt sich unter dem Radar von EU-Sanktionen am Tegernsee. Seine Latifundien dort sind zwei Villen in Tegernsee Süd. Als russischer Röhren-Magnat lieferte er Gazprom die gewünschten Pipelines, auch für das inzwischen gestoppte Nord-Stream-2-Projekt.

Ukraine-Krieg: Oligarch Shabalov steht nicht auf der Sanktionsliste

Shabalov, geboren 1959, erwarb seine herrschaftliche Villa 2007 über seine Luxburg GmbH mit damaligem Sitz in München. Für die 8005 Quadratmeter zahlte er 6,35 Millionen Euro. Seit Mai 2019 ist Shabalovs Tochter Anna Shabalova Eigentümerin. Die zweite Immobilie in unmittelbarer Nähe mit 1200 Quadratmetern Grund erwarb Shabalov ebenfalls 2007, diesmal für nur 700.000 Euro. Im Dezember 2019 wurde die Immobilie an Sohn Pavel für 2,76 Millionen Euro weitergereicht.

Der Kaufpreis ging laut Vertrag je zur Hälfte auf zwei Konten von Shabalov und seiner Frau Liudmila Gai bei der russischen Sberbank, die inzwischen auf der Sanktionsliste steht. Als Wohnsitz geben die Shabalovs Lugano im Tessin an, wenngleich beide auch zypriotische Pässe besitzen sollen. Diese gekauften „goldenen Pässe“ seien typisch für Geldwäsche, urteilt ein Fahnder der Task Force „Ukraine“.

Ivan Shabalov
Ivan Shabalov wurde mit Pipelines reich. © Picasa

Dass Shabalov nicht auf der Sanktionsliste steht, darüber wunderte sich auch der örtliche CSU-Bundestagsabgeordnete Alexander Radwan. „Er hätte wohl ebenfalls Immobilien in Oberbayern erworben und in der Vergangenheit zumindest mit anderen Sanktionierten in Kontakt gestanden“, schrieb Radwan Ende März an Außenministerin Annalena Baerbock. Eine Rückmeldung bekam er nicht.

Oligarch Usmanow bezeichnet Villa in Tegernsee als „Geisterhaus“

Und dann ist da ja noch der Fall der Putin-Tochter Katerina Tichonowa. Sie soll, wie der Spiegel enthüllte, ebenfalls über Jahre mit Entourage immer wieder nach München geflogen sein – und sich auch am Tegernsee für einige Nächte eingebucht haben.

Auch Usmanow soll laut Medienberichten über ein EU-weit gültiges italienisches Touristenvisum verfügen. Theoretisch könnte er in Rottach-Egern in seinem „Geisterhaus“, wie er seine verlassene Villa bezeichnete, nach dem Rechten sehen. Doch ob dann noch jemand wie vor knapp 200 Jahren begeistert ruft, „die Russen kommen“, darf bezweifelt werden. Von Klaus Wiendl.

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