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Die Traglufthalle in Rottach-Egern wird Ende Februar geschlossen. Derzeit werden die Asylbewerber in andere Unterkünfte verlegt. 

Unsichere Zukunft für Rottacher Afghanen

Räumung der Traglufthalle: So geht es den Bewohnern

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Rottach-Egern – Knapp ein Jahr stand sie am Birkenmoos, jetzt kommt die Luft raus: Bis Ende Februar wird die Traglufthalle in Rottach-Egern abgebaut. Die Räumung ist gestartet. Ein Besuch.

Braun-schwarze Winterjacke, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Es windet ziemlich, als Saifullah Hosseini (20) von der Wirtschaftsschule Pasold-Weißauer in Holzkirchen zurück zur Traglufthalle in Rottach-Egern am Birkenmoos kommt. Lange wird er diesen Weg in die Berufsschule nicht mehr auf sich nehmen müssen. Hosseini zieht um, wie auch seine anderen 86 Mitbewohner. Aus der Traglufthalle wird die Luft gelassen.

Die ersten Asylbewerber sind schon in ihren neuen Unterkünften. Seit vergangener Woche verlegt das Landratsamt nach und nach die Bewohner der Halle. Die 87 Menschen werden auf den gesamten Landkreis verteilt – in zehn verschiedene Unterkünfte in Bayrischzell, Otterfing, Fischbachau, Valley, Weyarn, Schliersee, Hausham, Miesbach und Bad Wiessee. Ende Februar soll die Halle weg.

Hosseini hat nicht viel, das er mit in seine neue Bleibe nimmt. Der Afghane hat einen Koffer mit Kleidung und ein paar persönlichen Sachen „und ein Fahrrad“, erzählt er. Er wird in einer Woche nach Valley ziehen. „Ich glaube, in einen Container.“ Hosseini zuckt die Schultern. Er wisse noch nicht, wie es da ist. Weil sein Deutsch noch nicht so gut ist, blickt er sich hilfesuchend zu ein paar anderen Bewohnern um und sagt etwas in seiner Landessprache, vermutlich ist es Persisch. Dann lächelt er schüchtern und sagt: „Ich freue mich.“

In die Traglufthalle in Holzkirchen wird keiner der Bewohner aus Rottach verlegt. Integrationsbeauftragter Max Niedermeier hatte das zunächst vermutet. Aber das Landratsamt plant eine solche Unterbringung nicht, „da dies das Problem nicht löst“, wie Pressesprecher Birger Nemitz erklärt. Schließlich wird die Halle in Holzkirchen im April geschlossen. Für die rund 190 Bewohner dort fehlen nach wie vor Wohnungen – etwa hundert. „Potenzielle Vermieter können sich sehr gerne mit uns in Verbindung setzen“, sagt Nemitz.

In der Rottacher Halle herrschte viel Unruhe. Integrationsbeauftragter Niedermeier führt das auf den Umstand zurück, dass dort vor allem Afghanen leben. „Die wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht.“ Ihr Heimatland gilt laut Regierung als sicher, ihre Bleibechance in Deutschland ist daher gering. „Sie kehren dann als Gescheiterte nach Afghanistan zurück. Für viele ist dadurch die Familienehre verletzt“, weiß Niedermeier aus den vielen Gesprächen mit Asylbewerbern und Helfern.

Einer von denen, die noch in der Luft hängen, ist Rastagar Mansouri (24). Er vergräbt die Hände in seinem ozeanblauen Kapuzenpulli und sagt über das Leben in der Traglufthalle: „Manchmal war es eine Katastrophe, weil man mit so vielen Menschen keine Ruhe hat.“ Er wird zu den Letzten gehören, die am 7. Februar die Halle verlassen. Zwei nach Hausham, 14 nach Bad Wiessee, darunter Mansouri. Der 24-Jährige wäre gerne in Rottach-Egern untergekommen. Er macht dort eine Ausbildung beim Rupertihof. „Ich finde aber keine Wohnung.“ Noch hat er eine Arbeitserlaubnis, viele Afghanen mit unsicherer Bleibechance nicht mehr.

Damit die Afghanen anerkannt werden, brauchen sie schon einen triftigen Grund. So wie Hekmatullah Maradi (27) einen hat. Er ist mittlerweile anerkannt. In Afghanistan hat Maradi bei EUPOL gearbeitet, einer Polizeimission der Europäischen Union. „Ich wurde deshalb verfolgt und habe mein Heimatland aus Sicherheitsgründen verlassen“, sagt der 27-Jährige in ziemlich gutem Deutsch.

Maradi betrifft die Schließung der Halle auch, obwohl er in Miesbach lebt. Dreimal die Woche hat er in der Halle übernachtet, weil er in Rottach-Egern den Deutschkurs besucht hat. Jetzt muss er eben von seiner Unterkunft in Miesbach, wo er mit drei anderen Asylbewerbern zusammenwohnt, per Bus zum Kurs pendeln. Wenn er bald seine Familie nachholt, will er sich nach einer anderen Wohnung umsehen, eine für sich und seine Familie allein. Bis es so weit ist, macht er erst einmal einen dreimonatigen Kurs als Notfallsanitäter und will sich dann für eine Krankenpflegerausbildung bewerben.

In Absprache mit der Regierung von Oberbayern bleiben die Fundamente der Traglufthalle stehen. Niedermeier sagt: „Wir haben zugesichert, dass wir sie innerhalb einer Woche wieder aufbauen können.“

Lesen Sie auch: Wohin mit den Flüchtlingen nach Abbau der Traglufthalle - So bereiten sich die Tal-Gemeinden vor

Unterkünfte melden

Wer eine mögliche Unterkunft für Asylbewerber hat, kann die Immobilie per E-Mail an unterkuenfte@lra-mb.bayern.de melden. Weitere Infos gibt es direkt beim Landkreis selbst.

nip

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