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Der Weg ist das Ziel: Kajetan Liedschreiber wandert 47 Tage von Rottach-Egern bis nach Neapel.

Kajetan Liedschreiber aus Rottach-Egern war 47 Tage unterwegs

Zu Fuß vom Tegernsee bis nach Neapel - Geschichte einer irren Pilgerreise

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1500 Kilometer zu Fuß nach Neapel: Der Rottacher Kajetan Liedschreiber war  47 Tage unterwegs, der Marsch eine Reise zu sich selbst, die über 350 Freunde auf Facebook oder WhatsApp mitverfolgten.

Rottach-Egern – Kajetan Liedschreiber ist ein geerdeter Typ: bodenständig, heimatverbunden, gläubig. Als er im Mai 2016 in Rom durch die Heilige Pforte am Petersdom schreitet, fängt er an darüber nachzudenken, wie es wäre, im nächsten Heiligen Jahr in 2025 zu Fuß nach Rom zu wandern. „Da hat die Reise eigentlich schon begonnen“, erinnert sich der 52-Jährige. Seine Bergsteigerspezln, mit denen er viel unterwegs ist, ermuntern ihn, nicht zu warten. Schließlich wäre er dann schon 60. Doch es kommt noch ein wenig anders: Bei einer folgenden Pilgerreise nach Venedig beschließt er, nicht von Rottach-Egern nach Rom, sondern nach Neapel zu gehen. Dorthin, wo sein Namenspatron, der Heilige Kajetan von Thiene, Gründer des Theatinerordens, begraben ist. Kajetan beantragt bei seinem Arbeitgeber, der Kreissparkasse, unbezahlten Urlaub, bekommt ihn und legt los: Am 7. August, seinem Namenstag, schnallt er in München nach einer Frühmesse mit Pilgersegen in der Theatinerkirche St. Kajetan den 9,5 Kilogramm schweren Rucksack um und beginnt seine lange Wanderreise.

Typisch italienisch: Baumallee auf dem Weg zur Herberge.

Die ersten 400 Kilometer wird er von zwei Bekannten aus seiner Wandergruppe begleitet. „Weil wir zu dritt waren, haben wir die Übernachtungen im Voraus organisiert“, erzählt Kajetan. 30 bis 35 Kilometer würde er täglich durchschnittlich schaffen, auch wenn viele Höhenmeter mit dem Karwendel, Brenner, Ritten oder Apennin dazwischen sind, so viel wusste er für die Planung. Deshalb hat er vorsorglich achteinhalb Wochen Urlaub eingeplant. Auch vom Gardasee bis San Benedetto in der Po-Ebene hatte sich ein Bekannter als Begleiter angekündigt.

Ab da war er allein. Alleine mit der Organisation seiner Route, die der Rottacher über seine I-Phone-App „Komoot“ täglich plant. Eine externe Batterie hat er dafür im Rucksack, falls doch irgendwann der Saft ausgehen sollte. Zwei Liter Wasser sind ebenfalls immer dabei und ein Pfefferspray, falls es doch mal gefährlich werden sollte. „Einmal hab’ ich’s gebraucht, um Hunde fernzuhalten“, sagt Kajetan. Über das Buchungsportal Booking.com organisiert er täglich seine nächste Bleibe. „Immer die billigste mit den besten Bewertungen.“ Er ist allein mit seinen Schmerzen an den Füßen, die durch die dicken Blasen verursacht werden und täglich von ihm verarztet werden müssen. Alleine mit seinem gequetschten Nerv im Bein, verursacht durch den Gurt des Rucksacks.

Da geht‘s lang: Dieser Stein zeigt den Weg nach Rom.

Und er ist allein mit seinen Gedanken über Gegenwart und Vergangenheit. „Am Anfang war das extrem“, sagt Liedschreiber, „die Gedanken rasen mit jedem Schritt dahin und du kommst vom Hundertsten ins Tausendste. Vom Kuchenbacken auf Arschbacken, wie meine Steffi sagen würde.“ Stefanie, „sein Steffal“, ist Kajetans Frau, mit der er regelmäßig Kontakt hält. Sie ist die einzige, mit der er telefoniert. Seine täglichen Berichte, die er ausschließlich seinen Freunden via WhatsApp und Facebook teilt, werden länger. „Ab da ist es mir besser gegangen“, gesteht er. „Ich hab’ mich an den Themen so richtig abgearbeitet.“ 

Aus anfänglichen Reisebeschreibungen werden Episoden. Ausgehend von einem Erlebnis auf der Wanderung taucht er ein in Familiengeschichten, Dinge, die ihn bewegen. Er kommentiert von unterwegs Skandale in seiner Heimat, etwa den Bäckerei-Streit um Evi Tremmel. Schreibt unverblümt, was er von der Baupolitik im Tegernseer Tal und dem Ausverkauf seiner Heimat hält. Er nimmt die Gemeinderäte ins Gebet, wirft ihnen Versäumnisse in der Bauleitplanung und wegen der täglichen Verkehrslawine am See vor. Er, der beruflich sein Geld als Immobilien-Finanzierer bei der Sparkasse verdient, liest fern der Heimat ohne Furcht vor morgen den Leuten die Leviten. 350 Menschen aus dem Landkreis erreicht er täglich, und keiner widerspricht: Kein Bürgermeister und kein Gemeinderat. Er erfährt Zustimmung von Martin Pemler vom Landratsamt Miesbach, der dies auch so sieht. Viele teilen seine Beiträge, lesen seine Berichte, teilweise unter Tränen, so gerührt sind sie von den täglichen Texten, die Kajetan mit einem Finger täglich vier Stunden ins Handy tippt. „Ich frag mich heute noch, wie ich das eigentlich gemacht hab.“

Seine Familie, seine zwei Söhne ermuntern ihn weiter zu gehen, schicken ihm selbst gemalte Plakate per Facebook über den Apennin. Auch viele tägliche Nachrichten seiner Leser helfen ihm über die lange Strecke, vor allem seine geliebte Schwester Elisabeth, die jeder nur unter Litschi kennt.

Ziel vieler Pilger: die goldene Pforte in Rom.

Als er am 39. Tag in Rom ankommt – „für die 35 Kilometer ins Zentrum hab ich allein einen Tag gebraucht“ – schickt er mit Tränen in den Augen ein Selfie-Video. „Ich war echt bewegt, die erste große Etappe war geschafft.“ Viele Leser haben mit ihm geweint, als sie es sahen.

Zuvor hat er an Dr. Peter Beer, den Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, geschrieben mit der Bitte um einen Tipp für ein Pilgerbett. Dass ausgerechnet er, der sich seit zehn Jahren als Kirchenpfleger in Rottach-Egern engagiert, nicht mal eine Antwort erhält, macht Liedschreiber schon sehr nachdenklich. Egal, auf seinem Fußmarsch hat er ohnehin bereits beschlossen, sein Amt als Kirchenpfleger zum Jahresende 2018 aufzugeben. Der Wanderweg hat ihm klar gemacht, dass er mehr Zeit für sich und seine Familie will. Immerhin verschlingt dieses Ehrenamt wöchentlich zwischen zehn und 15 Stunden. Fast jeden Mittwoch, Samstag und viele Abende.

47 Tage nach dem Start in München kommt er in Neapel an. 15 Kilo leichter, die Sohle der Wanderschuhe, deren Einlagen er unterwegs einmal erneuern musste, völlig abgetreten. Der Strohhut, den er täglich auf dem Kopf hatte, ist vergilbt. Vier Stunden Regen hat er in all den Wochen nur erlebt. Er hat die ganz normalen Menschen auf der Straße gesucht und sie angesprochen, mit seinem eingerosteten Schul-Englisch und den wenigen Brocken Italienisch. Um Deutsche habe er einen Bogen gemacht. „Die sind sogar im Urlaub gestresst.“

Er lässt sich den Bart abrasieren und trifft endlich sein „Steffal“, die mit dem Zug eintrifft. Neapel! Er hat es tatsächlich geschafft, geht in die Kirche St. Giorgio zur Gruft des Heiligen Kajetan. „Ich hab’ keine Minute ans Aufhören gedacht und würde keinen Tag missen wollen“, sagt er im Nachhinein. Und überhaupt könne er jedem so eine Tour nur empfehlen. Inzwischen ist er zurück in seinem alten Leben, an seinem Schreibtisch in der Arbeit. „Ich bin viel gelassener, viel bewusster“, zieht er für sich Bilanz. In einem Jahr will er wieder loswandern. Wieder 1500 Kilometer, dann aber nicht von Nord nach Süd, sondern von Ost nach West – an die Atlantikküste in Frankreich nach Phare d’Eckmühl in der Bretagne.

gr

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