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Großer Andrang: Die Menschen stehen Schlange, um einen Blick in die neue Asylbewerberunterkunft zu werfen.

Traglufthalle: Großer Andrang beim Tag der offenen Tür

Neue Flüchtlingsunterkunft lockt hunderte Rottacher

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Rottach-Egern - Mit diesen Massen hat keiner gerechnet. Rottacher und andere Tal-Bewohner standen Schlange, um einen Blick in die Traglufthalle zu werfen. Es gab auch einiges zu sehen - und zu hören.

Im Dauerregen stehen sie Schlange. Ein bisschen sieht es so aus, als hätte am Samstag ein angesagter Club für alle Altersklassen aufgemacht. Oder als wäre der Zirkus im Tal. Die Besucher sind gut gelaunt, staunen, machen große Augen. Eine Band aus senegalesischen Trommlern beginnt zu spielen. Eigentlich fehlt nur noch die Würschtlbude und eine Bar. Bei so viel lachenden Gesichtern vergisst man fast, dass es sich hier um ein sehr ernstes Thema handelt: Die Unterbringung von Kriegsflüchtlingen im Landkreis Miesbach - bei der nun Endlich auch Rottach-Egern einen Anteil leistet.

Die meisten sind auch Rottacher, die sehen wollen, was da das Landratsamt in ihrer direkten Nachbarschaft hingestellt hat. Aber auch aus dem restlichen Landkreis haben sich viele Besucher auf den Weg gemacht, um die neue Flüchtlingsunterkunft in Rottach-Egern zu besichtigen - die erste Traglufthalle für Flüchtlinge im Landkreis. Ältere Ehepaare, ganze Familien samt Kinder - der Laden ist voll. 

Landrat Rzehak: "Alle sollen sehen, dass hier keiner im Luxus schwelgt."

Auch Landrat Wolfgang Rzehak (Grüne) ist baff. Aus seinem Haus stammt die Idee des Besuchertags. Aber dass so viele dieses Angebot wahrnehmen, hätte auch er nicht gedacht. "Es ist gut, dass sich die Leute ein Bild machen", sagt er. "Damit sie sehen, dass auch hier keiner im Luxus schwelgt." 

Und die Rottacher sehen es. "Sehr klein ist das schon", murmelt eine Frau beim Blick in die Zimmer. Sechs Betten sind auf engstem Raum raum gestellt. Drei Schränke, zwei Kühlschränke, ein Tischchen passen gerade noch hinein. Die anderen Schränke sind in den Gängen aufbewahrt. Nicht größer als Spinde, aber immerhin ein Platz für jeden Bewohner, um seine persönlichen Sachen wegzusperren. Die Zimmerdecke fehlt. Schuld ist die Technik. Die Luft in der Halle ist gut. Andauernd wird neue hineingeblasen. Wären Decken auf den Zimmern, erklärt Roland Meyer, Bauleiter der Firma paranet, käme da keine frische Luft mehr hin. 

Polizeichef sorgt sich wegen fehlender Decken

Wer schon einmal in die Tegernseer Turnhalle hineingeschnuppert hat, in der noch bis Montag rund 200 Flüchtlinge untergebracht sind, weiß, wie wichtig eine gute Belüftung sein kann, wenn so viele Menschen in einem Raum zusammenleben. Trotzdem, die fehlenden Decken beunruhigen nicht wenige, auch den Wiesseer Polizei-Chef Wilhelm Sigel. Denn wenn in der Halle das Licht angeht, dann geht das für alle an. Sigel kann ein Lied von den Folgen singen: "In der Tegernseer Turnhalle hat das schon zu Streitereien geführt." Seine Beamten mussten deshalb schon mehrfach anrücken, mitten in der Nacht.

Landrat Rzehak: "Deutlicher Fortschritt zur Tegernseer Turnhalle."

In die Rottacher Halle kommen 120 Asylbewerber, 50 davon aus der Tegernseer Turnhalle, um die Situation dort ein wenig zu entlasten. Rzehak: "Unser langfristiges Ziel ist, die Turnhalle wieder ganz frei zu bekommen." Wann das erreicht sein wird, bleibt dahingestellt. Aber schon 50 weniger sollten eine spürbare Entlastung für die dortigen Bewohner sein. Und im Vergleich zur Turnhalle wirkt die Traglufthalle paradiesisch. So sieht's auch der Landrat: "Es ist sicher nicht angenehm, hier über mehrere Monate leben zu müssen. Aber es ist ein deutlicher Fortschritt zur Tegernseer Turnhalle."

Keine Spur von den Rottacher Flüchtlingskritikern

Von den vielen Flüchtlingskritikern indes, die sich im Lauf der vergangenen Wochen und Monate mehrfach und lautstark zu Wort gemeldet hatten, ist nichts zu spüren. Staunende Gesichter, interessierte Nachfragen, positive Überraschungen. Gerade der erste Eindruck beim Hineingehen hinterlässt bei den Besuchern Spuren. "Alles ist so hell", sagen viele. Die Außenwand ist lichtdurchlässig. Der Effekt: Die Halle wirkt leicht, transparent, ist lichtdurchflutet. Das Tageslicht ist schon bei miesem Regenwetter spürbar. An Sonnentagen sind die langen Neonröhrenreihen, die von der Hallendecke herabhängen, wahrscheinlich gar nicht nötig. Die Temperatur ist angenehm. Nicht zu kalt, nicht zu warm. "Durch das Gebläse können wir die Temperatur je nach Wunsch von 18 bis 25 Grad regeln", sagt Meyer von der Herstellerfirma paranet. Im Sommer sei auch eine Klimatisierung möglich.

Helferkreis wartet nur noch auf Startschuss

Der Eingangsbereich dient als Aufenthaltsraum, oder Lounge, wie ihn Bauleiter Meyer nennt. Noch wirkt er karg. Die Helfer wollen ihn bald mit Leben füllen. 70 Rottacher haben sich schon für den Helferkreis gemeldet. Sie führt Hubert Hörterer an, ehemaliger Gemeinderat und bekannter Sportmediziner. Kleidung haben sie bereits erfolgreich gesammelt - über 100 Kisten und Säcke stapeln sich im Rathaus. Hörterer wird die Flüchtlinge mit seinem großen Team ab Montag einweisen - und ihnen die Regeln erklären.

In Rottach herrschen klare Regeln: Geputzt wird selber

Denn anders als in den meisten Notunterkünften sind die Bewohner in Rottach selbst für ihre Halle verantwortlich. Hausmeister Franz Sailer teilt sie in mehrere Gruppen auf. Jede hat eine Farbe. Damit ist ihre Dusche, ihr Gang, ihr Herd und ihr WC gekennzeichnet. Und wie in einer guten WG üblich, sind sie auch dafür verantwortlich, ihren Bereich sauber zu halten. "Sonst war's wieder keiner", sagt er und lacht. 

Flüchtlinge dürfen ihre eigenen Mahlzeiten kochen

Apropos Herd. Auch das ist neu. Die Rottacher Bewohner dürfen selbst kochen. In anderen Sammelunterkünften gibt's nur Essen vom Caterer - und das stößt meist auf wenig Gegenliebe. "Hier bekommen sie ein Stück Selbstverantwortung zurück", freut sich auch Landrat Rzehak. Für die Lebensmittel bekommen sie Taschengeld. In zwei Kühlschränken pro Sechs-Bett-Zimmer lassen sie sich lagern. 

Bilder der Traglufthalle: So leben die Flüchtlinge

Ernste Worte vom Rottacher Bürgermeister: "Frieden im Ort wahren"

Also alle glücklich? Offensichtlich nicht alle. Rottach-Egerns Bürgermeister Christian Köck (CSU) verzieht am Samstag kaum eine Miene. Komisch eigentlich. Der Helferkreis steht. Und mit der Halle hat die Gemeinde kaum Arbeit. Bezahlt wird sie - genau wie die drei Securitys, die rund um die Uhr da sein werden - von der Regierung von Oberbayern. Die Miete für die Holzkirchner Traglufthalle, die noch auf ihre Fertigstellung wartet, beträgt 43.000 Euro monatlich. Die Rottacher Version wird wohl etwas billiger sein, weil nur halb so groß. 

Aber für den Bürgermeister wohl alles kein Grund zur Freude. Ernst warnt er vor eine Ermüdung der Helfer und spricht von Obergrenzen. Alle müssten jetzt zusammenhelfen, damit der Frieden im Ort gewahrt bleibe. "Da dürfen wir uns keine Illusionen machen." Erst als er auf die Fußballer zu sprechen kommt, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. "Es ist ja nicht so, dass wir hier eine Talentschmiede aufziehen", sagt er. Aber wenn ein paar dabei sind, die für den FC Rottach-Egern sauber Tore schießen können, warum auch nicht.

Und hier noch eine kleine Umfrage

Das sagen die Besucher über die Flüchtlingunterkunft

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