Will Überzeugungsarbeit leisten: Rektor Ulrich Throner musste an seiner Mittelschule heuer einen deutlichen Rückgang bei den Fünftklässlern verkraften.
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Will Überzeugungsarbeit leisten: Rektor Ulrich Throner musste an seiner Mittelschule heuer einen deutlichen Rückgang bei den Fünftklässlern verkraften.

Interview mit Ulrich Throner über den Schülerschwund an seiner Rottacher Mittelschule

Mittelschul-Rektor: „Werden als minderwertig angesehen“

  • Gabi Werner
    VonGabi Werner
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Dass die Mittelschulen häufig um Schüler kämpfen müssen und ein eher stiefmütterliches Dasein führen, ist nicht neu. Doch die Corona-Pandemie hat diesen Effekt offenbar verstärkt. Das sagt Ulrich Throner (58) Rektor an der Mittelschule Rottach-Egern dazu.

Rottach-Egern - Die Mittelschule in Rottach-Egern musste zu Beginn dieses Schuljahres einen eklatanten Einbruch bei den neuen Fünftklässlern verkraften. Im Interview spricht Rektor Ulrich Throner (58) über diese Entwicklung, über die Gründe und darüber, wie sich der Trend aufhalten lässt.

Herr Throner, Sie haben an Ihrer Mittelschule mit einem Einbruch der Schülerzahlen zu kämpfen. Wie dramatisch ist die Situation?

Es ist so: Vor Corona-Zeiten hatten wir drei fünfte Klassen à 20 Schüler, jetzt haben wir zwei fünfte Klassen mit insgesamt 30 Schülern. Die Zahl hat sich also quasi halbiert. Das ist schon eklatant.

Wie konnte es zu diesem Einbruch kommen?

Dahinter steht eine grundsätzliche Einstellung: Der Mittelschul-Abschluss wird in unserer Gesellschaft nach wie vor als minderwertig angesehen. Aktuell kommt hinzu, dass wegen Corona der Übertritt auf die Realschule und das Gymnasium heuer leichter gewesen ist. Man hat versucht, den Schülern nichts zu verbauen – und die Eltern haben diese Möglichkeit wahrgenommen. Das Gymnasium und die Realschule werden eben immer noch als Königsweg wahrgenommen. Wegen der coronabedingten Einschränkungen konnten wir im vergangenen Schuljahr auch nicht so gut zeigen, was die Mittelschule tatsächlich ausmacht und welche Chancen der Abschluss eröffnet.

Haben Ihrer Ansicht nach manche Eltern für Ihre Kinder die falsche Schullaufbahn gewählt?

Ich glaube, dass in diesem Jahr nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen wurden. Es gab Schüler, bei denen wir gesehen haben, dass sie bei uns vielleicht besser aufgehoben gewesen wären. Zum Beispiel Kinder, die in der Schule noch einen festen Ansprechpartner brauchen und mit dem Fachlehrersystem von Gymnasium und Realschule überfordert sind. Aber die Eltern haben hier häufig eine emotionale Entscheidung getroffen. Das wird sich wohl auch in der Anzahl der Rückläufer bemerkbar machen. Es könnte sein, dass wir dann in den achten und neunten Jahrgangsstufe sehr große Klassen haben.

Welche Auswirkungen hat der Rückgang der Fünftklässler konkret für Ihre Schule?

Wir bieten ab der siebten Klasse die Möglichkeit an, den Mittlere-Reife-Zug zu besuchen. Mit kleineren fünften Klassen könnte es schwierig werden, die entsprechende Schülerzahl für den M-Zug zu erreichen. Wir wollen das Angebot aber unbedingt beibehalten.

Es gilt also, den Abwärts-Trend zu stoppen. Was kann man tun, um ein Umdenken bezüglich der Mittelschule zu erreichen?

Vor Corona waren wir eigentlich auf einem guten Weg. Die Politik hatte bereits erkannt, dass die Mittelschul-Ausbildung für die Gesellschaft genauso wichtig ist wie die akademische Ausbildung. Es gab zum Beispiel den „Tag der Ausbildung“ an der Berufsschule. Einige Eltern haben gesagt: Mein Kind hätte zwar die Noten für Realschule oder Gymnasium, weil es aber in die handwerkliche Richtung gehen möchte, ist auch die Mittelschule eine Möglichkeit. Über den zweiten Bildungsweg können die Schüler ja immer noch einen höheren Abschluss schaffen oder sich sogar in die akademische Richtung entwickeln.

Was kann die Mittelschule konkret unternehmen, um für sich zu werben?

Wir hoffen, dass wir wieder Veranstaltungen anbieten können. Ein Erfolg war zum Beispiel der „Tag der betrieblichen Ausbildung“, den wir eigens für Grundschüler veranstaltet haben. Das kam sehr sehr gut an. Wenn es die Corona-Bedingungen zulassen, wollen wir das weiter ausbauen und die dritten und vierten Klassen dazu einladen. Da erfahren die Kinder, was Handwerksberufe überhaupt bedeuten. Was macht eigentlich der Installateur? Wie vielseitig ist der Malerberuf? Das müssen wir wieder ins Bewusstsein bringen.

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