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Skurriler Protest: Diese Kuh trägt eine Windel

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Von: Andreas Mayr

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Kuh mit Windel: Landwirt Huber führt seine Kuh Doris auf eine Almwiese in Gmund. Die Windel wurde Doris aus Protest gegen die geplante Düngeverordnung verpasst. © Leder

Gmund - Kühe in Windeln – mit dieser skurrilen Aktion wehrt sich der Bauernverband gegen Pläne der EU. Zum Schutz des Grundwassers soll Dünger an Hängen verboten werden. Das hätte drastische Konsequenzen.

Es ist schon ein irrwitziges Bild: Kuh Doris – neun Jahre alt, mehrere hundert Kilogramm schwer, braun geschecktes Fell – steht auf einer Almwiese – zwei Helfer schnüren ihr ein großes, weißes Vliestuch um das Hinterteil. Eine provisorische Windel. Doris rebelliert nicht, tritt nicht nach den Wickel-Helfern. Sie lässt es über sich ergehen. Regungslos, aber nervös. Landwirt Johann Huber beruhigt seine Kuh, krault sie hinter den Ohren. Redet ihr gut zu. „So viel Trubel bist du nicht gewohnt, gell?“

Normalerweise lässt Huber seine 18 Milchkühe auf dem „Bergerhof“ in Gmund am Tegernsee (Landkreis Miesbach) in Ruhe grasen. Und Windeln bekommen sie gar nicht verpasst. Für eine Protestaktion des bayerischen Bauernverbands (BBV) – unter dem Motto „Brauchen Almkühe bald Pampers?“ – macht der 61-Jährige eine Ausnahme. Denn Huber und andere Bergbauern fürchten um ihre Existenz. Geht es nach der EU-Kommission, ist das Düngen auf Almwiesen mit einer Neigung von mehr als 15 Prozent bald ganz verboten. Diese und andere Forderungen hat die Kommission an Deutschland weitergereicht – weil dort zu viel gedüngt und damit das Grundwasser belastet wird. Jetzt ist die Bundesregierung dran, die Vorschläge in die Düngeverordnung einzuarbeiten. Huber wäre betroffen. Er bewirtschaftet 20 Hektar Grünland. „Unsere Wiesen haben 20 bis 25 Prozent Gefälle.“

Ein Düngeverbot hätte drastische Konsequenzen: Die Hälfte aller bayerischen Weinbauflächen sowie zehn Prozent der Äcker und Wiesen dürften nicht mehr gedüngt werden. Nicht mit Kunstdünger, nicht mit Gülle und Mist. Alles, was bisher auf den Grünflächen landete, müssten Huber und Co. auf anderem Weg kostspielig entsorgen. Vorausgesetzt, die Regierung folgt dem EU-Plan.

Dagegen wehrt sich der Bauernverband. „Gülle und Festmist sind keine Abfallprodukte, die kann man sinnvoll einsetzen“, sagt der oberbayerische BBV-Präsident Anton Kreitmair. Die EU befürchtet, dass gedüngte Bergwiesen eine große Gefahr sind. Gesundheitsschädliches Nitrat könnte an Hanglagen schneller ins Grundwasser gelangen. Kreitmair widerspricht vehement. „Das macht keinen Unterschied – wenn fachgerecht gedüngt wird.“ Sollte die Regierung den Vorschlag der EU trotzdem in die Düngeverordnung aufnehmen, müsste Johann Huber wohl aufgeben. Zumindest seine Milchkühe. „Wir haben zum Glück drei Standfüße: die Kühe, Forstwirtschaft und den Fremdenverkehr“, sagt Huber. Der Tourismus ist es mittlerweile, von dem Huber, seine Frau Anna und Tochter Maria leben. Nur so kann der „Bergerhof“ weiterbestehen.

Den Vorwurf, Tiere von der Alm zu vertreiben, lässt sich die EU nicht gefallen. „Die Kommission will Kühen das Weiden auf Almwiesen nicht verbieten“, stellt Sprecher Steffen Schulz klar. Vielmehr reicht er den „Schwarzen Peter“ weiter. Schließlich sei es Sache der Regierung, die EU-Vorgaben in der Praxis umzusetzen. Dafür dürften die landwirtschaftlichen Bedingungen vor Ort berücksichtigt werden. Immerhin. Trotzdem hat Kreitmair kein Verständnis: „Das ist doch ein politisches Trauerspiel.“

Die Chancen, dass die Regierung die EU-Forderung nach Düngeverbot an steilen Hängen links liegen lässt, stehen aber gut. Das verriet ein Experte am Rande. Doris darf also auf Hubers Hof, den er in zwei Jahren an seinen Schwiegersohn übergeben will, bleiben. Ohne Windel.

Andreas Mayr

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