Ein Exemplar von 500: Historiker Dr. Otfrid Pustejovsky veröffentlicht hauptsächlich wissenschaftlichen Arbeiten. Jetzt will er das bisher nicht verlegte Buch seiner Mutter „Drei Scheitln Holz“ auszugsweise öffentlich machen.
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Ein Exemplar von 500: Historiker Dr. Otfrid Pustejovsky veröffentlicht hauptsächlich wissenschaftlichen Arbeiten. Jetzt will er das bisher nicht verlegte Buch seiner Mutter „Drei Scheitln Holz“ auszugsweise öffentlich machen.

Heimatvertriebene Sudetendeutsche

74 Jahre nach Vertreibung: Sudetendeutscher über seine Ankunft in Tegernsee - mit Anekdoten seiner Mutter

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Der Sudetendeutsche Dr. Otfrid Pustejovsky veröffentlicht 74 Jahre nach seiner Vertreibung Erzählungen seiner Mutter, die von ihrer Ankunft in Tegernsee in einem Büchlein berichtet.

  • Dr. Otfrid Pustejovsky kam vor 74 Jahren als heimatvertriebener Sudetendeutscher nach Tegernsee
  • Der promovierte Historiker veröffentlicht neben eigenen Publikationen jetzt auch Geschichten seiner Mutter
  • Maria Pustejovsky hatte ihre Erfahrungen nach ihrer Ankunft im Tal in einem Büchlein niedergeschrieben

Tegernsee – Es war ein Mittwoch, als Transport Nummer 27 am 25. September 1946  den Miesbacher Bahnhof erreichte. Fünf Tage rollten die 40 Waggons mit je 30 Heimatvertriebenen aus der Stadt Fulnek im heutigen Tschechien bis nach Oberbayern. Über Furth im Wald führte die Route nach Dachau. Dort – im rund ein Jahr zuvor befreiten Konzentrationslager – wurden die Insassen registriert. Eine Hälfte des Zuges fuhr weiter nach Pfaffenhofen an der Ilm, die andere nach Miesbach. Der Zug war einer von vielen.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden rund drei Millionen Sudetendeutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Der durch die Bênes-Dekrete legitimierte, teils willkürlich und gewalttätig durchgesetzte Vergeltungsakt für die Verbrechen der Nationalsozialisten, führte zur Ansiedlung zahlreicher Sudetendeutscher auch im Kreis Miesbach. Einer der Ankömmlinge von Transport Nummer 27 war Otfrid Pustejovsky mit seiner Familie.

Familie hatte Glück im Unglück

„Es war der siebte und letzte Transport, der aus Fulnek in den Westen geleitet wurde, die Weiteren gingen in den Osten“, erinnert sich Pustejovsky. Zuvor war die Familie bereits aus ihrer Heimatstadt Ostrava nach Fulnek geflohen, um Otfrid Pustejovsky und seine Schwestern Elsbeth und Erika vor einem Kindertransport nach Russland zu bewahren. Die Flucht nach Fulnek zu Bekannten und der dadurch ermöglichte Transport in den Westen sei Glück im Unglück gewesen – „vor der Sowjetarmee hatte man doch größere Angst als vor den Amerikanern“, betont der 86-Jährige. 

Erinnerung an düstere Tage: Das „N“ steht für Nêmec, das tschechische Wort für Deutscher. Die weiße Armbinde musste Pustejovsky bereits vor seiner Vertreibung tragen.

Mit 50 Kilogramm Gepäck in Holzkisten und 30 Kilo Handgepäck pro Person fand die Familie aus der ehemaligen Tschechoslowakei am Tegernsee eine neue Heimat. Von dieser Ankunft und den darauffolgenden Jahren erzählt die 2001 verstorbene Mutter von Otfrid Pustejovksy, Maria Pustejovsky, in ihrem Buch „Drei Scheitln Holz – Erlebnisse einer Zuagroasten“.

500 Exemplare gibt es von dem Buch „Drei Scheitln Holz“

Es sind Anekdoten aus einem einfachen Leben. Von der Tochter, die nach der Schule stets zu spät nach Hause kam, weil sie vorher regelmäßig zum Bahnhof ging, um zu schauen, ob der verschollene Vater heimkehren würde. Vom geschenkten Flüchtlingsofen, der ohne Rohr überlassen wurde. Vom frisch gefangenen Karpfen, der an Weihnachten aus der Pfanne sprang.

Das Büchlein habe die Mutter im Jahr 1987 anlässlich ihres 80. Geburtstags für die Nachwelt verfasst. „500 Exemplare druckte sie damals ohne Verlag, auf eigene Initiative und nur zum Verschenken“, sagt Pustejovsky. Heute – über 30 Jahre nach dem Erscheinen des Buchs – will der Tegernseer die Geschichten an die Öffentlichkeit bringen.

Autorin war eine „außergewöhnliche Frau“ - Geschichten teils emotional, teils lustig

Die Aufarbeitung der Familiengeschichte ist dem ehemaligen Lehrer ein Anliegen. Nach seinem Studium der Geschichte, Germanistik, katholischen Theologie und Politikwissenschaft in München und Wien promovierte Pustejovsky kurz darauf in den Fächern osteuropäische Geschichte, Slawistik sowie bayerische und mittelalterliche Geschichte. „Meine Mutter war selbst- und furchtlos und hat die Familie auch nach dem Tod meines Vaters an der Front zusammengehalten“, erzählt er. Es werde Zeit, die Geschichten dieser außergewöhnlichen Frau öffentlich zugänglich zu machen.

Einige Kurzgeschichten aus dem Buch „Drei Scheitln Holz – Erlebnisse einer Zuagroasten“ veröffentlicht die Tegernseer Zeitung in loser Folge in den Print-Ausgaben der nächsten Wochen. Die Geschichten werden entsprechend gekennzeichnet und bei Bedarf gekürzt.

Lesen Sie auch, mit welchen Widrigkeiten Flüchtlinge der heutigen Zeit im Landkreis Miesbach zu kämpfen haben.

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